Abenteuer – nur im Kinderbuch?

Erfolgreiche Kinderbücher haben eines gemeinsam: Sie zeigen Kinderträume. Aber wovon träumen Kinder? Was wünschen sie sich? Und was wird in beliebten Kinderbüchern eher selten thematisiert? Ein Streifzug durch die Kinderliteratur.

Dr. Christiane Richard-Elsner

Warum interessierten sich Millionen Kinder und auch Erwachsene für das Internatsleben in Hogwarts? Liegt es am ausgeklügelten Stundenplan und der Sozialkompetenz der Lehrer, »die Schülerinnen und Schüler anregen und befähigen, Strategien und Methoden für ein lebenslanges nachhaltiges Lernen zu entwickeln«, wie es zum Beispiel im Schulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen heißt? Oder liegt es vielleicht doch an dem manchmal recht einsamen Kampf einiger Kinder gegen den bösen Voldemort?

Erfolgreiche Kinderbücher – eine Welt ohne Pädagogen

Radikal wird in den Harry-Potter- Bänden vorgeführt, was die Anziehungskraft kommerziell erfolgreicher Kinderbücher ausmacht: Selbstwirksamkeit, die Möglichkeit, seine Umwelt selbst zu verändern. Das bedeutet nicht, das Erwachsene nicht vorkommen, aber nicht als diejenigen, die die Kinder an die Hand nehmen und ihnen die Welt zeigen, Erwachsene können hilfreich sein, geben schon mal gute Tipps. Meist sind sie aber ahnungslos, und oft stören sie.

Dieses Muster findet sich in den Pippi-Langstrumpf -Bänden von Astrid Lindgren. Pippi Langstrumpf ist ein mutterloses, dafür bärenstarkes Mädchen, dessen Vater als Seemann leider unabkömmlich ist. Auch die Fünf Freunde in der gleichnamigen Reihe von Enid Blyton kommen problemlos ohne pädagogischen Beistand aus, wenn sie sich auf Verbrecherjagd begeben. Die Eltern der Fünf Freunde haben, wenn die Kinder in den Ferien aus dem englischen Internat kommen, nie Zeit, sich um die Kinder zu kümmern, die deshalb ungestört Bösewichte aller Art jagen können, die sich pünktlich zu Ferienbeginn einstellen.

Diese Radikalität der Arrangements, mit denen Autoren Freiheit für ihre kindlichen Protagonisten schaffen, findet sich nicht immer. In der deutschen Kinderkrimireihe TKKG von Stefan Wolf gehen die jugendlichen Helden nach dem Schulunterricht auf Verbrecherjagd, genauso wie die Kinder in Thomas Brezinas Tiger-Team -Reihe. Auch die Wilden Kerle von Joachim Masannek sind nur nachmittags wild. Die Wilden Hühner der Reihe von Cornelia Funke finden ihr Gleichgewicht in ihrer Bande und an ihrem Rückzugsort, einem Wohnwagen im Wald, der sie aufatmen lässt, diesmal nicht von der Verbrecherjagd, sondern von den Verwicklungen der Realität, in der Eltern eben nur begrenzt Geborgenheit geben können. Vielleicht reichte der Freiraum, den Kinder in Deutschland durch die Halbtagsschule hatten, und eine Umwelt, in der auch Kinder mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln mobil sein können, als Kern aus, um spannende Handlungen zu entwickeln, die sich zumindest so abspielen könnten.

Artikel weiterlesen?

Kauf die aktuelle Ausgabe oder schließ ein Abo ab, um alle Ausgaben zu lesen.

Du bist bereits Abonnent oder hast das Heft gekauft und besitzt ein Benutzerkonto?