Über den Verlust der Laien

Der Untergang der Kindheit und der Elternschaft ist im vollen Gange. Profis und Experten ziehen laienhaften Eltern den Zahn, sie könnten über Wohl und Weh ihres Kindes Bescheid wissen, es gar erkennen. Das Selbstverständnis vom elterlichen Laien ist im Aussterben begriffen und mit ihm, der Laie selbst.

Manuel Pensé

Permanente Alarmbereitschaft lässt sich beim Hinsehen auf die Laien erkennen. Sie sind eine im Alarmzustand befindliche Gattung. Diesen Gedanken möchte ich am Beispiel der Elternschaft und der Kindheit bebildern, und ich spreche hier von eigenen Erfahrungen, insofern hochsubjektiv und unwissenschaftlich, als Laie.

Die Zuversicht der Eltern im Hinblick auf das Sorgen für ihre Kinder ist einem panischen Gefühl der Abhängigkeit von Experten gewichen. Bis in die tiefsten Niederungen der alltäglichen Verrichtungen ist das Virus des Minderwertigkeitsempfindens vorgedrungen. Ob nun beim Zähneputzen, wo die aus pädagogischen Gründen eingeführten Strolche Karius und Baktus vertrieben werden müssen, oder beim unbedarften Spiel des Kindes mit einer Kindergitarre, der maßgebliche Antrieb der Eltern besteht heute darin, eine sträfliche Unterlassung zu verhindern und insofern der Elternrolle nicht gerecht zu werden. So will man nicht schuldig werden, etwa die Vermittlung der Bedeutsamkeit des Zähneputzens für gesunde Zähne missachtet zu haben oder die Möglichkeit einer sogenannten Frühförderung im kreativen Bereich. Dadurch unterliegen die Eltern als Laien ständig im Konkurrenzspektakel der Systeme der Erziehung und Bildung, die allgegenwärtig den Maßstab für das einzig richtige Handeln setzen.

Was bedeutet das?

Eltern können dann nicht mehr als kompetent qua natürlicher Rolle wahrgenommen werden, und sie werden sich selbst auch nicht mehr so empfinden. Schlimmer noch: Eltern werden sich erst dann als »richtige und gute Eltern sehen«, wenn sie sich selbst im vollsten Einverständnis und ohne jede Gegenwehr in die Abhängigkeit von Expertensystemen begeben. Je stärker sie sich mit den geforderten Zielen identifizieren, desto mehr können sie sich darüber versichern, auf der richtigen Seite zu stehen.

Was dabei verloren geht ist nicht nur das Vertrauen in Laien, sondern es verschwindet eine Kultur von Kindheit und Elternschaft.

Im Kindergarten herrscht eine pädagogische Geschäftigkeit, die mit flächendeckender Sorgfalt jede unschuldige Geste des Kindseins in die pädagogische Perspektive zwingt. Mit vier Jahren wird in der Kita ein Portfolio des Kindes angelegt. Dazu wird das Kind animiert, mit einem Diagnoseinstrument zu spielen, das trickreich, als sogenannte Zauberkiste angekündigt, seine wahre Intension verschleiert. Die Ergebnisse führen zu einer »Sprachstandserhebung«, werden erfasst und mit den Eltern besprochen. Als Elternteil ist man dann erleichtert, wenn ungute Ergebnisse ausbleiben, und man fühlt sich bestätigt, wenn das Kind gute Ergebnisse erzielt hat.

Ein Jahr später, das Kind ist nun fünf Jahre alt und ein Jahr vor der Einschulung, wird erneut getestet, diesmal in der Schule. Das System Schule will bereits beizeiten vor der Einschulung den Entwicklungsstand und den Leistungsstand des Kindes messen, damit gegebenenfalls durch gezielte Förderung zeitig eingegriffen werden kann, um das Kind »schulreif« zu machen. Die Rückmeldung durch das Schulpersonal erfolgt prompt und mit Nachdruck. »Ihr Sohn lispelt ein bisschen, und er hält beim Schreiben den Stift falsch. Dadurch könnte er dann beim Schreiben Schwierigkeiten haben, weil er beim Schreiben nicht gut sieht, wie er schreibt«. Dem Laien in mir dämmert, dass es nur eine richtige Stifthaltung gibt, und dass das Kind im anstehenden Konkurrenzkampf der Veranstaltung Schule an dieser Stelle schlecht abschneiden könnte, sofern sich nichts ändert. Das System Schule verhält sich dadurch übergriffig und lässt den Eltern wie den Kindern keine andere Wahl, als sich konform zu verhalten und die Bewertungen, die aus den Tests hervorgehen, zu schlucken.

Atemlose Alarmiertheit ohne Aussicht auf Besserung

… so könnte man den Zustand bezeichnen, in dem sich Eltern heute befinden. Die allerorts erlebte Entwertung ihres Könnens und ihrer Fähigkeiten durch Bevormundung und Beraubung, ob beim Kinderarzt, in der Kindertagesstätte, bei der Zubereitung der Speisen in der heimischen Küche oder bei der Gestaltung der Freizeit, mündet erstens in den Verfall von Fähigkeiten und zweitens in die Eingewöhnung in eine Mangelperspektive im Blick auf sich selbst.

Im Kindergarten herrscht eine pädagogische Geschäftigkeit, die mit flächendeckender Sorgfalt jede Geste des Kindseins in die pädagogische Perspektive zwingt.

Dies bedeutet nicht gleichzeitig, dass es zum Beispiel keinen sinnvollen ärztlichen Rat geben kann. Es geht hier vielmehr um die Gewöhnung an das Unding eines andauernden Alarmzustandes, der uns im Alltag alle Kraft raubt und paralysiert. Dadurch werden wir in eine ausweglose Institutionenabhängigkeit geworfen und auch in das Selbstverständnis der eigenen Unfähigkeit und darüber hinaus letztlich in die Verantwortung, den Institutionen dienen zu müssen. Und dies ist keine Überspitzung ohne Entsprechung in der Realität. Ein Beispiel: In der Kindertagesstätte wird mir (durchaus wohlmeinend) erklärt, mein Sohn sei mit damals anderthalb Jahren zu dick, weil er von mir und seiner Mutter zu viel herumgetragen würde. Im Mark getroffen empfinde ich große Peinlichkeit wegen der negativen Rückmeldung der Profis. In die Einschüchterung mischt sich aber auch Zorn. Zorn darüber, dass es so sein soll, dass alles so arrangiert ist, das die Erzieherinnen besser als ich wissen, was meinem Kind gut tut und wie ich mich verhalten soll. Anstatt über Babyspeck, der sich von selbst verwächst, rede ich jetzt über Ernährung und Bewegung, über Verwöhnung und über Grenzziehungskompetenz als Vater gegenüber meinem Einjährigen. In der Diskussion darüber mit den Erziehern und Erzieherinnen gelingt es mir gerade noch, zu erkennen, dass die Erzieher ja zu den ersten gehören, denen gründlich ausgetrieben wurde, unverstellt auf die Kinder zu schauen. Dies sei ein Beispiel dafür, wie die Expertenherrschaft auf uns wirkt. Von den Experten degradiert, werden wir zu Konsumenten unserer eigenen Fähigkeiten deformiert, zum Konsum und zur Abhängigkeit auf Belieferung verurteilt. Die Experten wachen hoheitlich über das Kindeswohl. Die Kinder sind aus der Sicht der Institution Partner auf Augenhöhe und Träger von Rechten. Als Laie frage ich mich, wie das mit der Augenhöhe sein kann, wo die Kinder doch meistens deutlich kleiner sind und deshalb die Augen bei ihnen viel tiefer liegen …

Institutionelle Überwachungsfürsorge opfert die Gegenwart

Ortswechsel: Das Jugendamt wacht mit bürokratischer Geste über die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Kindesuntersuchungen (kurz U1, U2, U3 usw.), die in regelmäßigen Abständen stattzufinden haben, um ein sozial und medizinisch gesundes Aufwachsen der Kinder zu gewährleisten und zu überwachen. Die institutionelle Botschaft dahinter: »Eltern können das nicht gewährleisten.« »Stellen Sie sich vor, da gibt es Eltern, die gehen mit dem Kind erst dann zu Arzt, wenn es krank ist!« Aus der Sicht der so Denkenden tut staatliche Daseinsfürsorge Not. Es passt nicht ins Bild einer optimierten Versorgung, die sich auf die Zukunft mit all ihren Bedrohungen bezieht und der die Gegenwart geopfert wird. Beim Ausbleiben einer Reaktion der Eltern auf einen zugestellten Untersuchungstermin oder gar einem Terminversäumnis ist mit Sanktionen durch das Jugendamt zu rechnen. Weil es irgendwo jemanden gab oder gibt, der sein Kind vernachlässigt, rechtfertigt sich aus institutioneller Sicht diese flächendeckende Überwachungsfürsorge allemal.

Mit drei Jahren bekommen die Kinder dann beim Arzt eine Schere in die Hand gedrückt und sollen einen Kreis ausschneiden und wehe dem, dem es nicht gelingt. Die Eltern von Kindern jedoch, die bei solchen Tests erfolgreich abschneiden, sind in ihrem durch die Verwaltung zertifizierten stabilen Kurs bestätigt und sollen dann wohl denken: »Jawoll, alles richtig gemacht!« Das Kind ist für den kommenden Konkurrenzkampf gerüstet. Wie anderswo auch, so ist auch die Kindheit zum Schauplatz der Konkurrenz geworden. Ab wann kann mein Kind lesen, rechnen, schreiben, Fremdsprachen, Fußball spielen und ein Instrument beherrschen, argumentieren und konstruktiv streiten, sich an Regeln halten, Ziele formulieren, verbindlich sein, andere einbeziehen, sich durchsetzen? Unsere Kinder werden mit all diesen Anforderungen der Vorbereitung auf die Aufgaben der Leistungsgesellschaft konfrontiert.

Konkurrenz und Fremdbestimmtheit

Können wir heute noch klar genug erkennen, was da mit uns geschieht? Unterschwellig wird sicher die immense Abhängigkeit von den Institutionen und die Unmündigkeit in der Folge dieser Abhängigkeit empfunden. Gleichwohl habe ich den Eindruck, wir kommen kaum mehr heraus aus diesem Alarmdilemma, und, wichtiger noch, wir kommen damit auch nicht zurecht und sind gefährdet, die Ursachen dafür nicht mehr zu erkennen! Wenn ich mich umschaue, sehe ich kaum mehr eine Familie, in der es noch halbwegs ohne dramatische Brüche mit Krisen, Trennungen und Scheidungen oder zumindest unter Einbeziehung gehöriger professioneller Hilfe zur Überwindung diverser Probleme zugeht. Längst ist die Familie kein Ort mehr. Es sind zuerst die Kinder, denen im Überwachungs- und Förderwahn der allgegenwärtigen Entwicklungskontrolle die Kindheit geraubt wird. Und weiter! Es gibt auch keine Eltern mehr. Es gibt sie nur noch als Verantwortliche, nicht aber als Fähige. Was soll noch den Kitt darstellen, der die Familie zusammenhält wenn die qua Geburt festgelegte Zuständigkeit der Eltern für ihre Kinder nicht mehr direkt zu Aufgaben und Tätigkeiten führt und zu der Zuversicht, dass die Eltern fähig sind, das gut zu machen? Den Müttern wird das Stillen der Babys durch das Angebot an »Folgemilchprodukten zur Ergänzung« ausgetrieben und den Kindern auf diese Weise das Stillen früh vorenthalten. Andererseits: Was soll denn heute noch mit der »Muttermilch aufgesogen werden?« »Leistung bringen, Sei der beste? Nichts dem Zufall überlassen? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg? Sei Du!? Glaube an Dich!?«

Der giftige Stachel der Konkurrenz und der Fremdbestimmtheit treibt uns alle auseinander und bringt uns gegeneinander auf, macht uns einander zu Feinden, verdirbt unsere Familien und unsere Partnerschaften, unsere Beziehungen. In den Familien kann kein Ehepartner mehr etwas tun, ohne vor dem anderen egoistisch zu wirken. Das Aufrechnen der Erledigungsmengen im Rahmen der täglichen Aufgaben gegenüber dem Partner scheint unter den Bedingungen der Vorherrschaft der Konkurrenz der einzige verbliebene Modus zu sein, sich im Verhältnis zum anderen auszudrücken, um daraus dann Legitimation für die absichtsvoll abgrenzende Formel des »Jetzt tue ich mal etwas Sinnvolles für mich« zu schöpfen.

Eigensinn oder Egoismus?

Darüber hinaus herrscht beziehungsbezogene Hektik und Geschäftigkeit: Der allgemeine Zwang zum Tun und Handeln schließt die Möglichkeit, etwas nicht zu tun, die Unterlassung also, von vorne herein aus: »Wir müssen an der Beziehung arbeiten. Wir müssen mehr über alles reden. Wir müssen etwas ändern. Wir müssen uns Beratung holen. Ich will auch zum Zuge kommen. Ich brauche eine Auszeit. Ich möchte etwas in Familie machen«, sage ich und merke nicht, dass ich mich verbiege und mit mir selbst in Konkurrenz trete in meinen unterschiedlichen Rollen.

Der alarmierte Dauerzustand ist im Zusammenleben mit dem Partner die unkenntliche Ursache für die Vorstellung, Sinn sei einzig in der individualisierten, selbstbezogenen und abgrenzenden Geste enthalten. Die Ehe verdirbt dadurch ebenso wie die eigensinnige Geste. Der Eigensinn wird einer Dimension beraubt. Vor dem Hintergrund der Konkurrenz zum anderen wird der Blick dafür verstellt, dass der Eigensinn nicht das gleiche ist, wie feindliche Gesinnung dem anderen gegenüber. Wir verlernen, uns als Menschen zu sehen, die, eigensinnig und verschieden, sich komplementär ergänzen. Wir verlernen zu denken, dass der Eigensinn zur Verschiedenheit gehört und uns zu dem macht, was wir sind. Dieser Dimension beraubt, erscheint der Eigensinn ununterscheidbar vom Egoismus, der nur darauf aus ist, den anderen aus dem Feld zu schlagen. Wir verlernen durch das Diktat moderner Verhaltensregeln großzügig zu sein, die Fähigkeit, nicht auf unser Recht zu pochen, verlieren den Sinn für das Gemeinsame, das den Eigensinn einschließt. In der Partnerschaft geht es schier um Chancenwahrung und Realisierungssucht, keine Spur mehr von Gegenseitigkeit. Das bedrohte Ego soll zuerst sich selbst erhalten und zeitgleich die überhöhte Vorstellung von Familie bedienen, wie soll denn das bitteschön funktionieren? »Meine Freiheit steht gegen deine und zusammen sind wir eine Familie!?« Dies zerstört die Familien!

Und was bleibt?

Das Selbstverständnis vom Laien, der etwas sehr gut kann, verschwindet durch all dies. Aber es gibt sie noch, diese Gattung, und so macht es Sinn, denen Mut zu machen, die als Laien tätig sind. Laien sind zunächst Menschen und nicht Nichtskönner. Im Gegenteil, sie sind faszinierende Könner, die vom Lernen vermutlich mehr verstehen als die pädagogische Zunft. Eltern sein und Laie sein heißt, unmittelbar mit dem Kind zu lernen und frei zu sein, mit ihm neue Erfahrungen zu machen. Als Eltern sind wir diejenigen, die zuerst merken, wenn unsere Kinder krank werden, oder wenn etwas mit ihnen nicht stimmt und als Laien machen wir die Erfahrung, dass wir einen Bauch haben, auf den wir hören können und wie schön es ist, neugierig zu sein und überraschbar. Was bleibt? Das Zwiegespräch, die Begegnung ohne Vorbehalt und die Freundschaft können der Gewöhnung an das Unding der andauernden Alarmbereitschaft etwas entgegensetzen. ■

Manuel Pensé

ist Jahrgang 1966, Dipl. -Soz. Päd. (FH), verheiratet und Vater zweier Kinder. Er arbeitet als Sozialarbeiter im Jugendstrafvollzug in Wiesbaden. Seit 2013 arbeitet er ehrenamtlich bei der Stiftung Convivial in Wiesbaden mit.