Wie Menschenkinder schlafen

Wie änderte sich die europäische Schlafkultur im Wandel der Zeit? Von der Steinzeit über das Mittelalter bis in die heutige Zeit wird das Schlafverhalten von Eltern und Kindern beleuchtet. Und was lässt sich daraus für den Schl af in der Zukunft sagen?

Sibylle Lüpold

Das Zuhause einer modernen, europäischen Durchschnittsfamilie sieht ungefähr so aus: Wohn-Ess-Raum mit offener Küche, Bad, Büro und zwei bis drei getrennte Schlafräume für die einzelnen Familienmitglieder. Nicht selten schlafen sogar die Ehepartner in je einem separaten, nach individuellen Bedürfnissen gestalteten Raum. In den Kinderzimmern tummeln sich zahlreiche Plüschtiere auf den Betten. Bei genauerem Nachfragen zeigt sich oft, dass diese Schlafstätten zwar tagsüber zum Herumturnen genutzt werden, nachts jedoch häufig leer stehen, da die Kleinsten die Wärme und Geborgenheit im Elternbett den leblosen Teddys vorziehen.

Grundsätzlich gilt jedoch: Der Individualismus der westlichen Leistungsgesellschaft hat auch vor den Schlafzimmern nicht Halt gemacht.

Schlafen in der Steinzeit

Ganz anders sah es über den Großteil des Daseins des Homo Sapiens, sprich die letzten 200.000 Jahre, aus. Während über 95 % der Menschheitsgeschichte lebten unsere Vorfahren als Jäger und Sammler und schliefen im Freien oder in Höhlen, die etwas Schutz gegen Kälte und wilde Tiere boten. Um sich gegenseitig warm zu halten und ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, schliefen die in Gruppen umherziehenden Nomaden ganz dicht beieinander. Babys und Kleinkinder lagen im direkten Körperkontakt zur Mutter, sodass sie auch nachts einfach gestillt werden konnten und nicht schreien mussten, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein Steinzeitbaby war enorm schutzbedürftig und hatte nur dann eine kleine Überlebenschance, wenn es über einen langen Zeitraum permanent getragen und über mehrere Jahre gestillt wurde – rund um die Uhr. Auch nach dem Abstillen schliefen Kinder nicht alleine, da dies keinerlei Vorteile geboten hätte – im Gegenteil.

Neben evolutionsbiologischen Forschungen lassen Einblicke in heute noch existierende Jäger- und Sammlerkulturen erahnen, wie steinzeitliche Menschengruppen gelebt haben müssen. Interessant diesbezüglich sind unter anderem die in Papua-Neuguinea lebenden Ureinwohner, da diese zu den ältesten Völkern der Welt gehören. Der dort über Jahrzehnte forschende Humanethologe Wulf Schiefenhövel vertritt die Ansicht, dass das bei den Eipo und anderen Bewohnern Neuguineas praktizierte Bedding-In (Schlafen des neugeborenen Babys im unmittelbaren Körperkontakt zur Mutter) die Mutter-Kind-Bindung begünstigt und ein wesentlicher Präventionsfaktor für postnatale Depressionen ist.

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