Windbeuteltage

Ein Kommentar von Nora Imlau

»Wohin seid ihr den unterwegs?« Lillis Mutter schaut mich verblüfft an. Es ist Montagmorgen, kurz vor halb neun, bald beginnt im Kindergarten der Morgenkreis. Doch meine Tochter Annika hüpft, ihren bunten Rucksack auf dem Rücken, an meiner Hand in eine ganz andere Richtung. »Kommt sie heute etwa nicht?«, fragt Lillis Mutter weiter. »Ist sie etwa krank?« Im Gegenteil: Annika ist pumperlgesund. Und in den Kindergarten wird sie heute auch gehen. Nur noch nicht jetzt. Jetzt wollen wir nämlich in die große Einkaufsstraße und zusehen, wie da die Rollläden an den Schaufenstern hochgezogen werden. Wie bitte? Lillis Mutter ist entsetzt. Wir wollen also den Morgenkreis schlicht – schwänzen? »Na, bald in der Schule geht das aber nicht mehr«, sagt sie streng, bevor sie mit Lilli weiterzieht.

Es fühlt sich gut an, Annikas kleine Hand in der meinen zu spüren, während wir gemeinsam zusehen, wie ratternde Rollläden einen Einblick nach dem anderen freigeben. Hier, ein ganzes Fenster voller Sportschuhe! Da, lauter Brillen! Und dort: Ein Hundefrisör, mit echtem Pudel drin! Annika staunt, lacht, winkt, und zeigt mir alles, was sie entdeckt. Dabei hatte unser Tag so schwierig begonnen: Mit Lieblingssocken, die plötzlich nicht mehr auffindbar waren, und einer verschütteten Tasse Milch am Frühstückstisch. Mit Nerven, die blank lagen, und Tränen, die kullerten. Und dann war da plötzlich dieser Gedanke gewesen, ganz klar, mitten in all dem Chaos: Dass wir beide eine Auszeit brauchen, eine Stunde nur für uns, bevor Annika in den Kindergarten und ich an den Schreibtisch kann.

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