Antipädagogik - Erziehung als Mythos

Diese »Kurzgeschichte« einer Kinderrechtsbewegung folgt chronologisch den wichtigen Publikationen der für die Antipädagogik bedeutsamen Jahre zwischen Mitte der 1970er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre.

Prof. Dr. Ulrich Klemm

Der Begriff »Kurzgeschichte« ist hier bewusst im doppeldeutigen Sinne gewählt. Einmal ist der hier zur Verfügung stehen Platz sehr begrenzt und macht jede historische Darstellung zu einer »Kurzgeschichte«. Andererseits hat die Antipädagogik als Bewegung auch nur eine kurze Geschichte, gleichsam einen kurzen Frühling, der von Mitte der 1970er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre dauerte. Zu einer »Blütezeit« ist es bis heute nicht gekommen. Die folgenden Ausführungen sind als eine Chronologie wichtiger Publikationen angelegt. Der antipädagogische Dialog in diesem Zeitraum blieb eine intellektuelle Auseinandersetzung ohne praktische Relevanz. Sie kreiste um einige wenige Autorinnen und Autoren und um ihre Publikationen. Die heutige Auseinandersetzung um Erziehung und Nicht-Erziehung ist wesentlich pragmatischer und weniger ideologisch geprägt.

Es war einmal …

Es ist ruhig geworden um die Antipädagogik. In den 1970er und 1980er Jahren waren die pädagogischen Zeitschriften – von denen es damals noch viele gab – voll mit der Diskussion um ein erziehungsfreies Aufwachsen. Auch erziehungswissenschaftliche Fachmedien und in Fachbüchern wurden die Fragen der Antipädagogik erörtert, proklamiert und »zerrissen«. Die Antipädagogik war ein Thema im pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs und viele der damals bekannten pädagogischen Verlage wie Beltz, Kösel, Klett-Cotta oder Piper publizierten zum Thema und teilweise auch ökonomisch sehr erfolgreich in mehreren Auflagen. Vorträge und öffentliche Diskussionsrunden gab es flächendeckend in der BRD und in den Volkshochschulen der Republik waren z. B. Hubertus von Schoenebeck und Ekkehard von Braunmühl gern gesehene Referenten, die die Säle füllten.

Wie kam es dazu, dass in den späten 1970er und vor allem in den 1980er Jahren so vehement über »unterstützen statt erziehen« (Hubertus von Schoenebeck), über »das Ende der Erziehung« (Hermann Giesecke ), über »non-direktive Pädagogik« (Wolfgang Hinte), über »Nicht-Erziehung« (Andreas Flitner), über die »Abschaffung der Erziehung« (Ekkehard von Braunmühl) und über das »Recht auf Ungezogenheit« (Johannes Beck u. a.) nachgedacht und gestritten wurde?

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