40 Jahre danach – Ist Antipädagogik noch ein Thema?

Im Diskurs wird Antipädagogik immer wieder mit »Laissez faire« oder antiautoritärer Erziehung gleichgesetzt. Zeit, mit diesen und weiteren Missverständissen aufzuräumen. Nachdenkliches zu einem in die Jahre gekommenen und dennoch hochaktuellen Begriff.

Eberhard Schulz

So richtig groß herausgekommen ist die Antipädagogik eigentlich nie. Und noch viel weniger dürfte über die Herkunft dieses Begriffs bekannt sein.

Als Ekkehard von Braunmühl 1975 sein Buch Antipädagogik veröffentlichte, hatte er, angeregt durch die Geburt seiner eigenen Kinder, jahrelang darüber nachgedacht, wie zu jener Zeit mit Kindern umgegangen wurde und was davon zu halten sei. Herausgekommen war eine sich von aller Erziehung grundlegend absetzende Position, für die der Begriff »Antipädagogik« nahelag angesichts der Erfahrungen mit »Antipsychiatrie«, die in England und Italien zu jener Zeit gerade gemacht worden waren. Dort hatte sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, dass jede wie auch immer geartete psychiatrische Behandlung den jeweiligen Patienten im Status des Behandlungsbedürftigen bestätigt und festhält. Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, waren Psychiatrie-Patienten aus Kliniken in möglichst psychiatrieferne Settings entlassen worden. Was vom klinischen Standpunkt aus zunächst abwegig und paradox erschien, entfaltete bei den Nicht-Mehr-Patienten überraschenderweise eine heilende Wirkung. Heilung durch Antipsychiatrie statt Verstetigung der Krankheit durch immer mehr Psychiatrie.

Wer Zeit für Kinder hat und sie mit ihnen verbringt, dem sind sie nicht gleichgültig und es entwickeln sich Beziehungen mit viel Interaktion.

Es erschien naheliegend, vor diesem Hintergrund einem Gedankengebäude, demzufolge nicht mehr nach besserer oder schlechterer, strengerer oder weniger strenger, richtiger oder falscher Erziehung zu fragen, sondern die Erziehung als solche aufzugeben sei, den Namen »Antipädagogik« zu geben. So hatte das Buch einen Titel und ein neuer Begriff war in der Welt.

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