Von erziehungskritischen Studien zur Veränderung der Erziehungswirklichkeit

40 Jahre Antipädagogik sind nicht spurlos an Wissenschaft und Lehre vorbei gegangen. Erziehungswissenschaftler, Pädagogen und Lehrer setzten sich mit ihr auseinander. Doch welche Relevanz hatte sie tatsächlich? Welchen Einfluss hatte sie und was hat sie erreicht ?

Bernd Sensenschmidt

Ekkehard von Braunmühls Buch Antipädagogik hat vor 40 Jahren wichtige Grundlagen zu schaffen begonnen für einen Paradigmawechsel in der Sicht auf Kinder und Jugendliche. In der Erziehungswissenschaft wirkt Antipädagogik unterschwellig, während sich die Erziehungswirklichkeit deutlich gewandelt hat. Am schwersten tut sich Antipädagogik noch immer in den Schulen in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft.

Vor 40 Jahren erschien in der Buchreihe BELTZ Diskussion das Buch Antipädagogik. Studien zur Abschaffung der Erziehung des freien Journalisten Ekkehard von Braunmühl. Seine Hoffnung, mit der Wortwahl »Antipädagogik« an die öffentliche Aufmerksamkeit anknüpfen zu können, die der »Antipsychiatrie« seit den 1950er Jahren zuteil geworden war, erfüllte sich nicht. Innerhalb der Erziehungswissenschaft wurden schon der Buchtitel mit den Bestandteilen »Anti« und »Abschaffung der Erziehung« überwiegend als polemischer Affront betrachtet, an den man keine Aufmerksamkeit vergeuden wollte.

Antipädagogik in den 1980er Jahren

Um der Frage nach den Wirkungen des Buches nachzuspüren, macht es Sinn, den Fokus zunächst auf die 80er zu richten. 1979 bis 1981 erschienen die drei erziehungskritischen Bestseller der Psychologin Alice Miller und 1980 das Buch Non-direktive Pädagogik des Essener Pädagogikprofessors Wolfgang Hinte. All diese Bücher trugen zur Verbreitung der in Ekkehard von Braunmühls Antipädagogik begründeten radikalen Erziehungskritik in den Humanwissenschaften wie in der Erziehungspraxis bei. Wie schon bei der »Antipsychiatrie« der systemische Argumentationsstrang hervor stach, so fiel in den systemisch ausgerichteten Bereichen der Humanwissenschaften die antipädagogische Analyse auf fruchtbaren Boden. Fast alles in der systemischen Pädagogik basiert heute auf Antipädagogik, ohne dass das expliziert wurde und wird und zumeist ohne Bezugnahme auf antipädagogisch akzentuierte Literatur. So gründet z. B. auch ein Großteil der Debatten über den Wandel der sozialen Arbeit hin zur »Sozialraumorientierung«, wie sie z. B. am Essener Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung geführt werden, auf erziehungskritischen Analysen. (Menschen sollen nicht länger mittels sozialpädagogischer Maßnahmen verändert, sondern stattdessen befähigt werden, als Subjekte ihre Lebenswelt so mitzugestalten, dass sie mit schwierigen Lebenslagen besser zurechtzukommen).

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