Erziehung lauert überall!

Die Erfahrung zeigt, dass antipädagogische Positionen und Aussagen zum Schlüsselerlebnis werden können. Immerhin wird mit diesem Schlüssel das schwer erscheinende Tor hin zu einem guten zwischengenerationellen Leben eröffnet! Eine persönliche Annäherung an die Antipädagogik.

Bertrand Stern

Wer kann sich heute in die Stimmung der End-1960er hineinversetzen? Weltweit war eines der vorherrschenden Diskussionsthemen die drohende apokalyptische »Bevölkerungsbombe« – so hieß ein in den USA 1968 und in Deutschland 1971 publiziertes Buch von Paul Ehrlich. Die Warnung vor deren Folgen bedingte die Frage, wie ein neuer Mensch auf eine gewandelte Zukunft vorbereitet werden müsse, was einher ging mit den Überlegungen, wodurch die Schule verbessert und die Erziehung optimiert werden könne. In diesem Zusammenhang beherrschte das gesellschaftspolitische Klima der 1970er-Jahre in der BRD eine große pädagogische Kontroverse: Eine konservative Fraktion plädierte für eine Verschärfung des traditionellen Erziehungsdrucks, sogar durch unmittelbare erzieherische Gewalt; die Verfechter des durch den »Sputnik-Schock« ausgelösten zivilisatorischen Fortschritts (exemplarisch sei hier das von Georg Picht 1965 publizierte Buch: Die deutsche Bildungskatastrophe genannt) traten für eine neue (Schul-)Pädagogik ein; und die Vertreter der »antiautoritären Erziehung« nach »Summerhill« kämpften für eine in den »Kinderläden« verwirklichte revolutionäre Pädagogik, um den neuen Menschen zu erschaffen. In einem Punkt waren sich alle einig: Erziehung war erforderlich, sie grundsätzlich infragezustellen war keine ernsthaft in Erwägung zu ziehende Möglichkeit!

Angesichts meiner jugendlichen Unbedarftheit und dieses Klimas der nicht beglückenden Aussichten war mir ebensowenig wie vielen anderen meiner Generation klar, auf welchem Wege der zweifellos erforderliche Wandel hin zum »anderen Menschen« erreicht werden könnte, insbesondere im zwischengenerationellen Verhältnis …

Unter den zahlreichen Seminarthemen, die ich seit 1974 an der Volkshochschule Köln anbot, möchte ich zwei Veranstaltungen hervorheben: Von Herbst 1975 bis Herbst 1977 sollte mein Zweifeln über die uns prägenden Ideologien in ein über fünf Semester laufendes Seminar einfließen, dem ich den Titel gab »Ist unsere Zivilisation noch zu verantworten? Ein Tribunal«. Hierzu schrieben wir, mein Freund Klaus Hermann, der damals an der Pädagogischen Hochschule Köln studierte, und ich, ein ausführliches »Protokoll«, das schließlich zu einer ansehnlichen Mappe von 98 eng geschriebenen DINA4-Blättern wurde. Diese Mappe haben wir dann zahlreichen Persönlichkeiten geschickt, darunter eine an Ekkehard von Braunmühl, den mir bis dahin unbekannten Autor der Antipädagogik . Wie bitte? Sollte dies etwa die ideologische Metaebene der von mir verabscheuten antiautoritären Erziehung sein? Meine geweckte Neugier ließ mich das Buch Antipädagogik – Studien zur Abschaffung der Erziehung verschlingen; nicht nur war ich begeistert, ich fühlte mich wie erlöst, befreit. Auf unsere »Seminar-Protokolle« reagierte Ekkehard von Braunmühl postwendend und angetan – mit einer Einladung zum persönlichen Gespräch. Dies war, etwa 1978, der Beginn einer intensiven Freundschaft…

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