Spender- Muttermilch: Eine verkannte Alternative

Mütter gesunder Kinder, die nicht stillen können, sind heutzutage auf Formulamilch angewiesen. Die Möglichkeit, die Milch einer anderen Mutter zu geben, wird öffentlich weder erwähnt, noch protegiert. Dabei gibt es viele Mütter, die Spender-Muttermilch vorziehen. Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen.

Tanja Müller

Ich habe drei Kinder geboren. Das erste per Kaiserschnitt, das zweite natürlich, jedoch als Frühchen, und mein drittes Kind starb eine Stunde nach der Geburt in meinen Armen. Durch diese Geburten habe ich unterschiedliche Erfahrungen mit zu wenig beziehungsweise zuviel Muttermilch gemacht. Mein Bedürfnis, Muttermilch für mein Baby von einer anderen Mutter zu erhalten oder meinen eigenen Überschuss weiterzugeben, blieb ungestillt. Pulvermilch wollte ich vermeiden. Ich fing an zu recherchieren und merkte schnell, dass viele Mütter dieses Bedürfnis mit mir teilten.

Die Idee und die Anfänge

Anfang 2013 begann ich meine Arbeit: Ich wollte eine Plattform gründen, die Mütter in ihrem Wunsch, Muttermilch zu geben oder zu erhalten, regional zusammenbringt. Sie sollte professionell und vor allem sicher sein. Ich wollte die Mütter von Anfang an nicht nur aufklären, sondern auch anleiten. Also kontaktierte ich im Vorfeld verschiedene Experten, Verbände und Institutionen (zum Beispiel den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Nationale Stillkommission und den Deutschen Hebammenverband) und bat um Beratung. Ich erläuterte die Situation der Mütter und meine Idee. Leider bestand kein Interesse.

Bevor es die Muttermilch-Börse gab, tauschten Mütter in Deutschland auf unterschiedlichsten Internet-Plattformen: bei Kleinanzeigenanbietern wie Quoka oder Ebay, auf Online-Foren, Facebook-Gruppen und US-amerikanischen Börsen – unsichtbar, ohne Anleitung und oftmals nur auf Englisch.

Für Mütter gesunder Kinder in Deutschland stellt sich die Frage nämlich nicht, ob Milchbankmilch oder private Spendermilch besser ist. Milchbank-Milch steht für sie nicht zur Verfügung. Die mittlerweile 14 deutschen Milchbanken geben ihre Milch nur an Frühchen ihrer eigenen Intensivstation, verkaufen sie zu respektablen Preisen an andere Krankenhäuser oder zu Studienzwecken an Konzerne weiter. Gesunde Zu-Hause-Babys sind auch keine Hoch-Risiko-Patienten einer Intensivstation. An ihre Nahrung dieselben Anforderungen zu stellen, ist unglaubwürdig. Hier müssen andere Kriterien gelten und andere Wege beschritten werden.

Woher kommt die Nachfrage?

Das komplexe Naturprodukt »Muttermilch«, welches in Millionen von Jahren der Evolution entstand, ist bis heute nicht reproduzierbar. Die Wissenschaft konnte über 400 Inhaltsstoffe der Muttermilch identifizieren, die sich in Formulanahrung bis heute nicht nachbilden lassen. Dies bedeutet eine gewisse Fehl- und Mangelernährung in Bezug auf diese Inhaltsstoffe bei ausschließlich mit Pulvermilch gefütterten Babys. Die Inhaltsstoffe in einer Muttermilch für Kälber, die Nestflüchter sind, vier Mägen haben, in erster Linie schnell vor einem potenziellen Feind flüchten können müssen, sind auf Muskelwachstum und Proteine getrimmt. Menschliche Muttermilch ist für ein Wesen gemacht, das im ersten Jahr kaum Muskeln braucht, sondern vor allem Nervenzellen entwickelt. Hinzu kommt, dass industriell gefertigte Säuglingsnahrung meist aus konventioneller Milch hergestellt wird. Diese ist oft kaum mehr als Wasser. Produziert von Hochleistungskühen, die statt 8 l über 50 l Kuh-Muttermilch am Tag geben und nicht selten mit Hormonen sowie Antibiotika behandelt werden. Im Discounter zahlt der Verbraucher für einen Liter Milch ca. 50 Cent. Lebensmittelkonzerne wie Nestlé oder Hipp kaufen die Milch noch sehr viel günstiger ein. Sie verkaufen diese dann, chemisch verändert, künstlich zusammengesetzt und industriell als Pulver produziert für 17 bis 20 Euro pro kg. Die Gewinnmargen auf industriell gefertigte Säuglingsnahrung gehören zu den höchsten in der Lebensmittelbranche. Moderne Eltern von heute sind aufgeklärt und kennen die beschriebenen Sachverhalte. Sie wissen über die Wichtigkeit der Muttermilch-Ernährung für menschliche Säuglinge und die Nachteile der Pulvermilch-Fütterung. In Kombination mit einem fundierten Ernährungsbewusstsein vieler Mütter und Väter finden sie immer häufiger den Weg zurück zur Spendermuttermilch.

Der Spendermilch-Markt in den USA und weltweit

In den USA verkaufen die klassischen Milchbanken getestete Muttermilch auch an Eltern für ca. 12 bis 17 US-Dollar pro 100 ml. Es gibt in den USA eine reine Online-Milchbank die profitorientiert arbeitet sowie Pharmaunternehmen wie Medolac oder Prolacta, die homogenisiertes Muttermilch-Pulver verkaufen oder Einzelbestandteile der Spendermilch extrahieren (Polysaccharide) und diese als Stärkungspulver für 180 US-Dollar pro 100 ml anbieten. Im privaten Mutter-zu-Mutter Sektor gibt es mindestens acht Muttermilch-Börsen. Keine dieser Börsen ist gemeinnützig. Einige arbeiten den Unternehmen der Industrie zu. Allein Prolacta konnte so in 2014 über 70.000 l Spendermilch für sein Stärkungspulver sammeln. Mittlerweile arbeitet Prolacta mit Similac zusammen, dem größten amerikanischen Formulahersteller. Es könnte also bald Formula mit einer »Flocke echter Muttermilch in Pulverform« für den doppelten Preis im Supermarktregal geben.

Spender-Muttermilch kann mittels spezieller Box und Kühlakkus auch per Post verschickt werden.

Es verwundert nicht, dass es die ersten Muttermilch-Angebote im Internet in den USA gab, das war im Jahr 2004. Seither steigen die Nutzerzahlen konstant. 2014 waren weltweit allein bei HM4HB ( Human Milk for Human Babies ) über 56.000 Nutzerinnen aktiv – und hier sind die großen Börsen wie Only The Breast oder Eats On Feets noch gar nicht berücksichtigt. Mütter mit reif geborenen, gesunden Säuglingen zu Hause möchten Spendermilch statt Formulanahrung – immer mehr, obwohl Ärzteverbände und offizielle Verbände sich dagegen aussprechen. Es ist eine weltweite Mütter-Bewegung, die in den Markt drückt, und sie offenbart ein Ur-Bedürfnis vieler Mütterherzen.

Die deutsche Muttermilch-Börse

Am 28. Januar 2014 ging die deutsche Muttermilch-Börse als gemeinnütziges Projekt online – die erste ihrer Art in Deutschland. Dadurch wurde das Bedürfnis der Mütter hier erstmals sichtbar und diskutiert. Bislang haben sich 1817 Nutzerinnen angemeldet, 303 Mütter haben inseriert, und 783-mal wurden Mütter infolge ihres Inserats kontaktiert (Stand 24.8.15). Der aktuelle Durchschnittspreis für an der Muttermilch-Börse gehandelte Milch beträgt 3,20 Euro pro 100 ml Muttermilch. Der Preis liegt somit – trotz höherem Aufwand an Zeit, Kraft und benötigten Utensilien wie Pumpen oder Milchbeuteln – deutlich unter der Vergütung für Blutspenden (durchschnittlich 4 Euro pro 100 ml) in Deutschland.

Eine Grundsatzentscheidung

Beim privaten Muttermilch-Tausch, ob über eine Börse oder nicht, sind Parallelen zur freien Wahl des Geburtsorts erkennbar. Es geht auch hier um die Entscheidungshoheit von Müttern und darum, was allgemein als Standardnahrung für Säuglinge angesehen wird. Interessant ist, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sich schon seit Jahren für Spendermuttermilch vor Formula ausspricht, bis heute jedoch keine Wege zur sicheren Handhabung im privaten Bereich beschritten wurden. Die grundsätzlichen Fragen sind diese:

Ist künstlich hergestellte Pulvernahrung die bessere Alternative zu Muttermilch einer anderen Frau, oder lohnt es sich, Spendermilch aus der Tabuzone zu holen?

Gehören Milchspenden ausschließlich in die Hände von Kliniken und medizinischem Personal und sollten privat verboten werden? Oder können Mütter unter fachlicher Anleitung und Beratung z. B. durch Hebammen, Stillberaterinnen oder Ärzte, Milchspenden ebenfalls sicher gestalten?

Standardnahrung für einen menschlichen Säugling

Formulanahrung gibt es seit ca. 100 Jahren. Davor war Frauenmilch die normale Alternative für Mütter und Babys. Heute ist der Normalverbraucher weit entfernt von diesem natürlichen Umgang mit Spender-Muttermilch. Allein die Vorstellung daran empfinden viele Menschen als abstoßend. Lieber geben sie ihren Babys täglich Muttermilch für Kälber, die aus dem Euter einer Kuh kommt, danach noch chemisch verändert, künstlich zusammengesetzt und dann industriell produziert wurde. Die vollkommene Sterilität, sprich die Abwesenheit lebender Mikro-Organismen, die eine wichtige Rolle in der Muttermilch und für die Gesundheit eines menschlichen Säuglings spielen, wird als erstrebenswert erachtet und mit Sicherheit gleichgesetzt. Es ist heute fast so, dass industriell gefertigte Säuglingsnahrung als Standard angesehen wird und Muttermilch als »On-Top-Verbesserung« gilt. Dies ist eine gefährliche Entwicklung.

Seit Beginn der Menschheit gehen Mütter einen Weg, den die meisten Kulturen der Welt mit Ausnahme der »westlichen Industriestaaten« auch heute noch tagtäglich gehen: die Milch einer anderen Mutter für das eigene Baby nutzen. Auch im Nachkriegsdeutschland und in der ehemaligen DDR war Spendermuttermilch eine Selbstverständlichkeit. Die Rückmeldungen und Kommentare der Mütter, die über die Börse für ihr Baby Muttermilch fanden, sind rührend, echt und dankbar. Es ist Herz erwärmend, die Berichte zu lesen, die glückliche Mütter über ihre »Milchengel« bzw. ihre Spenderinnen schreiben. Oft sind es nur kurze Zeiten, die mit Spendermilch überbrückt werden, manchmal wird Spendermilch über viele Monate verfüttert. In fast allen Fällen bildet sich ein starkes Band zwischen den Frauen und ihren Kindern – das ist gelebte, starke Frauengemeinschaft und Müttersolidarität.

Eine sinnvolle Ergänzung

Der private Muttermilch-Tausch ist keine Konkurrenz zu Milchbanken, er ist Konkurrenz zur Pulvermilch und steht daher einer finanzstarken Lobby entgegen. In Bezug auf Milchbanken ist er eine sinnvolle Ergänzung. Der private Muttermilch-Tausch ist auch keine Abkehr vom Stillen – im Gegenteil. Medizinische Studien belegen auch, dass eine frühe Formulagabe in der Klinik das Stillen deutlich erschwert, selbst bei hoch still-motivierten Müttern. Der Muttermilch-Tausch unter Müttern unterstützt das Stillen durch die generelle Aufwertung menschlicher Milch und durch die Vorbildwirkung des Fach- und Klinikpersonals auf die Eltern. Dies konnte in Brasilien durch den Aufbau von 214 Milchbanken und zusätzlich 145 Muttermilch-Abgabestationen eindrucksvoll beobachtet werden. Brasilien hat trotz der sehr hohen Kaiserschnittrate eine Stillquote von über 50 % in den ersten 6 Lebensmonaten ausschließlich gestillter Kinder. Dies ist auch auf das mittlerweile hohe Ansehen von Spender-Muttermilch in Brasilien zurückzuführen. Über Aufklärungskampagnen mit Stars aus den beliebten Daily-Soaps drängen heute junge brasilianische Mütter geradezu zum Muttermilchspenden. Gebührenfreie Hotlines und Hausbesuche durch geschultes Personal zeigen potentiellen Spenderinnen, wie sie ihre Muttermilch abpumpen, gebrauchte Einmachgläser dafür sterilisieren und die Muttermilch darin in den eigenen Gefrierfächern lagern. Ein Zu-Hause-Abholservice durch z. B. Motorrad-Boten, Feuerwehrleute oder in manchen Städten sogar Polizisten, gestalten das öffentliche Spenden einfach. In Brasilien entwickelte sich bereits ein Bewusstsein in Bezug auf den Wert von Spender-Muttermilch in der Bevölkerung. Es spiegelt sich nicht nur in der stark gesunkenen Sterblichkeitsrate und der verbesserten Gesundheit der Säuglinge wider, sondern auch in den gesunkenen Kosten für das Gesundheitssystem.

Fachpersonal und Kliniken involvieren

Beim privaten Muttermilch-Tausch für gesunde Säuglinge zu Hause sollte unbedingt Fachpersonal involviert sein. Nicht zwangsweise als Institution, die den Vorgang wie bei Intensivpatienten komplett übernimmt, sondern als begleitendes Instrument. Es sind die Hebammen, Stillberaterinnen, Kinderkrankenschwestern und Ärzte, die die Mütter fachlich begleiten, informieren und beraten sollten. Glücklicherweise ist in Deutschland bereits ein gutes Netz dieser Fachkräfte implementiert, zumindest im Vergleich mit vielen anderen Ländern wie z. B. den USA. Das sollte genutzt werden, denn damit ist der Weg des privaten Muttermilch-Tausches unter fachlicher Anleitung ohne großen Aufwand gestaltbar.

Der Weg von einer bereits bekannten Mutter zur anderen (z. B. in der Großfamilie oder über Nachbarinnen, Freundinnen) ist sicherlich der Beste. Die Muttermilch-Börse kann eine Hilfe sein, muss sie aber nicht. Jedoch beginnen Bekanntschaften im Jahr 2015 auch im Internet, und dann ist es besser, die Mütter finden sich über eine Suche nach Postleitzahl auf der Website der Muttermilch-Börse als über andere, unsicherere Online-Wege. Sicherlich stellt das Medium »Internet« wohl den größten Angstfaktor dar, besonders bei der etwas älteren Generation. Das Internet ist jedoch heute aus dem Privatleben der Menschen nicht mehr wegzudenken und natürlich ist auch hier Sicherheit möglich. Hier finden sich Frauen, die sich nicht trauen würden, sich auf der Straße oder in der Krabbelgruppe gegenseitig nach Muttermilch zu fragen. Wichtig ist, dass die Mütter sich gut kennenlernen, denn Anonymität ist in jedem Fall dringend zu vermeiden.

Der private Muttermilch-Tausch ist keine Konkurrenz zu Milchbanken, er ist Konkurrenz zu Pulvermilch und ihrer Lobby.

Es ist kaum realisierbar ist, den Vorgang ausschließlich in Hände der Kliniken zu legen. Zum einen wird es schwer, den Müttern den privaten Tausch zu verbieten, man würde die Mütter nur in die Illegalität und somit in eine unsichtbare und gefährliche Situation drängen. Zum anderen ist die Aufbereitung der Milch, so wie es die Milchbanken heute in Deutschland tun, für Babys, die nicht auf einer Intensivstation um ihr Leben kämpfen, zu aufwendig und zu kostenintensiv. Ohne zusätzliche Finanzierungshilfen, wie z. B. die Involvierung der Krankenkassen und Spendermilch auf Rezept sowie eine Modernisierung der Milchbanken hin zu einem angemessenen Umgang mit Muttermilch für reife und gesunde Säuglinge, wird die breite Versorgung aller Babys nicht möglich sein. Grundsätzlich ist der Weg über die Geburtskliniken jedoch ein wichtiger Pfad, der parallel gegangen werden sollte.

Erste Früchte einer wichtigen Diskussion

Einiges hat sich seit den Anfängen im Januar 2014 schon getan. Es war wichtig, diese Diskussion zu starten. Nach den anfänglichen starken Ablehnungen begegnen mir heute auch interessierte und respektable Reaktionen auf meine Initiative. Ich werde zu Fachvorträgen geladen, gebeten, Seminare für Stillberaterinnen zu geben und zunehmend um Fachartikel oder auch um meine Fachexpertise ersucht.

Vor Kurzem wurde in der Schweiz der erste Lehrstuhl für Muttermilch in Europa eingerichtet. Im Klinikum Dortmund wurde nach vielen Jahren die zweite Milchbank in den alten Bundesländern eröffnet. Das Universitätskrankenhaus Köln und das Klinikum Saarbrücken ermöglichen es Müttern nun, ganz offiziell auf den Stationen untereinander Muttermilch zu tauschen und begleiten dies fachlich. Auch die Tatsache, dass Mütter in den Kliniken immer mehr nach Spendermilch fragen und Hebammen wie auch Stillberaterinnen öfter ihre zu betreuenden Mütter in puncto Muttermilch vernetzten, spricht eine deutliche Sprache. Auch eine erste Studienarbeit wurde vor kurzem über die Muttermilch-Börse verfasst.

Einer der größten Erfolge ist jedoch, dass die Politik endlich aufmerksam auf die deutsche Stillproblematik wurde. »Gibt es Probleme bei der Versorgung mit Muttermilch?« stellte im November 2014 ein Landtagsabgeordneter der SPD eine Anfrage an den Landtag in Niedersachsen. Es folgte ein Aufklärungsgespräch mit dem Bund Deutscher Laktationsberaterinnen (BDL). Auch die Bayerische Regierung wird sich bald mit der Thematik auseinandersetzen. Die SPD brachte im Juni 2015 ebenfalls einen Berichtsantrag zum »Online-Handel mit Spender-Muttermilch und Muttermilchbanken« in den Bayerischen Landtag ein.

Im Januar 2015 wollte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Zusammenarbeit mit der Muttermilch-Börse ein Untersuchungsprogramm zur Erhebung des lebensmittelhygienischen Status von Muttermilch, die im Internet als Lebensmittel angeboten wird, auflegen. Leider wurde dieses Vorhaben als nicht mehr notwendig erachtet, als klar wurde, dass kaum versendet wird und sich die Mütter in über 90 % der Fälle persönlich treffen und die Milch übergeben. Die Muttermilch-Börse empfiehlt den Versand nicht. Ist er dennoch gewollt, gibt es nicht nur eine genaue Anleitung dafür, sondern auch ein Partnerunternehmen.

So funktioniert die Muttermilch-Börse

Die Muttermilch-Börse ist ein Portal für persönliche Kontakte interessierter Mütter auf lokaler Ebene. Es findet kein »Online-Handel« in meinem Keller statt, sondern Mütter und Babys werden zusammen gebracht. Im Gegensatz zu anderen Internetseiten sorgt die Muttermilch-Börse für hohe Professionalität.

So ist gewährleistet, dass es sich bei den Anbieterinnen um reale Personen handelt. Es gibt keine Anonymität. Alle inserierenden Mütter müssen über den Bezahlvorgang (4,99 Euro für ein Jahr) echte Daten wie ihren richtigen Namen, ihre Adresse und Kontoinformationen hinterlegen, während sie bei anderen Portalen anonym bleiben.

Über 90 % der Mütter suchen sich mit der Postleitzahlen-Suchfunktion regional, treffen sich nach dem ersten Kontakt und übergeben die Muttermilch persönlich.

Auf der Website der Muttermilch-Börse findet jede Mutter alle wichtigen Fachinformationen zur sicheren Gestaltung des Muttermilch-Tausches auf Deutsch. Wie pumpe ich ab? Wie friere ich ein? Wie taue ich die Milch wieder auf? Wie verhalte ich mich hygienisch richtig? Müttern wird geraten, die Spenderinnen zu Hause zu besuchen und zu interviewen: Wie sieht ihre Pumpe aus? Was für eine Tiefkühltruhe hat sie? Wie geht sie mit dem eigenen Kind um? Was für einen Eindruck machen Küche und Utensilien? Es wird auch erklärt, welche Fragen an die Spenderin wichtig sind, wie zum Beispiel: Ist sie gegen Hepatitis B geimpft? Hat sie Ergebnisse ihrer Blut-Tests aus der Schwangerschaft (beispielsweise den HIV-Test) bei ihrem Arzt kopiert und vorliegen?

Natürlich ist es beim privaten Muttermilchtausch wichtig, auch die Themen Nikotin, Alkohol und Drogen anzusprechen. Milchbanken testen die Mütter in der Regel nicht auf Drogen-, Alkoholkonsum oder auf Nikotin. Sie verlassen sich auf das Interview bzw. die Aussagen der Spenderin im Fragebogen und riechen kräftig an der aufgetauten Milch, denn Nikotin und Alkohol riecht eine gesunde Nase heraus. Das kann auch jede Mutter zu Hause tun. Im Gegensatz zu den Kliniken besuchen sie ihre Spendermütter zusätzlich zu Hause und inspizieren somit deren Lebensweise. Stärkerer Nikotin- und Alkoholkonsum sowie eine Drogensucht sind mit häufigem, diszipliniertem Abpumpen und einem hohen Milchüberschuss kaum vereinbar.

An der Muttermilch-Börse sehe ich täglich, wie ernst die kaufenden Mütter ihre Verantwortung in puncto Kontrolle der Milch und der Spenderin nehmen – gerade weil sie wissen, dass nicht von einer anderen Stelle geprüft wird. Manche schließen sogar schriftliche Verträge ab oder lassen sich die wahrheitsgemäßen Antworten des Gespräches unterschreiben. Mütter kehren eher zur Pulvermilch im Kaufhausregal zurück, als Spender-Muttermilch zu nehmen, der sie nicht vertrauen. Es ist daher wichtig, sie aufzuklären und anzuleiten, damit sie ihre Kontrollfunktion auch entsprechend ausführen können.

Schutz vor Virusinfektionen, Bakterien und Streckung

Es wird auch erläutert, wie wahrscheinlich die vermeintlich theoretischen Risiken sind. Die meisten Viren spielen in Bezug auf Muttermilch keine Rolle. Beispielsweise wurde Hepatitis über reine Muttermilch ohne Hautkontakt noch nie übertragen, Wissenschaftler debattieren, ob dies überhaupt möglich ist. Mit HIV infizieren sich nur 0,6 bis 4 % der Babys HIV-infizierter Mütter, die mindestens sechs Monate ausschließlich gestillt werden. Auch hier gelten minimale Verletzungen bei direktem Hautkontakt der Brust als Haupt-Übertragungsweg. Im Übrigen gibt es in Deutschland pro Jahr nur 200 bis 250 Schwangerschaften HIV-infizierter Mütter, und diese sind in der Regel getestet und stillen nicht. Auch in Bezug auf CMV (Cytomegalie Virus) in Muttermilch wird aufgeklärt. Zum Beispiel ist CMV für reif geborene und gesunde Säuglinge nicht relevant und wird außerdem zu über 90 % durch Tiefgefrieren abgetötet.

Tanja Müller hat die erste deutsche private Spender-Muttermilch-Börse aufgebaut.

Muttermilch wird vom weiblichen Körper produziert, um außerhalb des Körpers der Mutter einem anderen Menschen als Nahrung zu dienen. Sie bringt daher eine Vielzahl antiseptischer und schützender Eigenschaften mit, um dies sicher bewerkstelligen zu können. Bakterien und Keime vermehren sich daher in Muttermilch vergleichsweise langsam und schwer. Das ist der Grund, weshalb Muttermilch relativ lange ungekühlt stehen kann, ohne »schlecht« zu werden. Mütter, die sich unsicher fühlen, finden auf der Muttermilch-Börse eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Pasteurisation zu Hause. Hierbei werden alle relevanten Keime wie Viren oder Bakterien inaktiviert oder abgetötet. Selbst zu einer sterilen Flüssigkeit gekocht, ist sie besser als Formulanahrung. Die hohe Professionalität der Muttermilch-Börse zeigt sich ferner in der Kooperation mit dem Institut für Milchuntersuchung (IFM). Dies ist ein bakteriologisches Labor zur stichprobenartigen Analyse der Milch nach DIN-Norm. Hier kann jede Käuferin die Milch vor der Fütterung auf Bakterien oder auf Streckung mit z. B. Wasser, Formula oder Kuhmilch testen lassen.

Fluch oder Segen, oder einfach nur zweierlei Maß

Im Gegensatz zu den vielen dokumentierten gesundheitlichen Schäden durch Pulvernahrung bei Säuglingen wurde weltweit bisher kein Fall einer Schädigung durch private Spender-Muttermilch bekannt – trotz hoher Nutzungszahlen des privaten Muttermilch-Tausches. Dies ist ein Grund, warum die massiven Warnungen vor theoretischen Risiken bei den Müttern immer weniger funktionieren.

Andererseits scheint es nicht zu interessieren, dass laut WHO täglich Kinder an den Folgen der Pulvermilchernährung erkranken oder gar sterben, auch in Industriestaaten wie Deutschland. Immer wieder werden auch Keime, Giftstoffe oder falsche Zusammensetzungen in Formula gefunden, und auch hier muss man sich fragen, ob alle Fälle bekannt werden. Wie viele Kinder dürfen infolge des Konsums von Formulanahrung zu Schaden kommen, bis sie als Risiko benannt und ernst genommen wird? Beim privaten Muttermilch-Tausch scheint hingegen schon die bloße Vorstellung einer Schädigung auszureichen, um ihn komplett abzulehnen.

Wirtschaftliche Interessen

Die Wirtschaft hat den neuen Rohstoff Muttermilch als Profitquelle bereits entdeckt, insgesamt erhielt die Biotechnologische Industrie in 2014 über 46.000.000 US-Dollar Investitionsgelder für die Entwicklung von Muttermilch-Produkten. Konzerne wie Nestlé besitzen mittlerweile über 2000 Patente auf Bestandteile der Muttermilch. Gefährlich ist die Verknüpfung mit der Politik, in Deutschland hat die Kapitalbeteiligungsgesellschaft BWK GmbH das Beikostgeschäft Alete und Milasan von Néstle übernommen, größter Gesellschafter der BWK ist die Landesbank Baden-Württemberg. Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé hatte 2014 seinen Gewinn auf 13,6 Mrd. Euro gesteigert. Die Säuglingsnahrung trug laut Unternehmen stark zum Gesamtergebnis bei. Auch die Bayerische Landesregierung tut gut daran, weltweit den Andrang auf Formulanahrung hoch zu halten, denn diese bringt der heimischen, florierenden Milchwirtschaft die größten Gewinnmargen. In 2012 generierten die milchverabeitenden Betriebe 9,41 Mrd. Euro Umsatz. Vorsicht und Achtsamkeit sind also beim Thema Spendermilch geboten. Mittlerweile mischen finanzstarke wirtschaftliche Interessen mit. Der private Austausch von Spendermilch im größeren Stil ist wirtschaftlich gesehen unerwünscht, da außer den Müttern und Babys niemand Gewinne macht.

Das Spiel mit der Angst

Manche Medienartikel spielen ausgiebig mit dem Angstfaktor in diesem Themenfeld. Die tägliche Skandalisierung beim Kampf um Einschaltquoten und um Auflage ist hier treibende Kraft und so werden Theorien maßlos überzeichnet. Den Institutionen in Deutschland werfe ich vor, nicht ausgewogen und differenziert zu kommunizieren. Es werden ausschließlich Gefahren-Theorien entworfen, und das meist ohne reale Fallbeispiele oder Praxiserfahrung im Hintergrund und entgegen der täglichen Realität des weltweiten Muttermilch-Tausches.

Es wird nicht aufgeklärt, wie Mütter den kommunizierten Gefahren entgegenwirken können, es werden keine Alternativen gesucht und die Nachfrage der Mütter nach Spender-Muttermilch damit nicht ernst genommen. Die gern zitierten Studien von Sarah Keim und ihrem Team über Streckung und Keime von Spendermilch auf US-amerikanischen Börsen sehe ich ebenfalls als »realitätsfern« an. Darüber habe ich ausführlich geschrieben. Die Gleichstellung von Muttermilch und Blut ist ebenfalls an aus mehreren Gründen kontraproduktiv, auch hierüber habe ich bereits geschrieben (siehe Quellen).

Hierzulande wird eine Menge an Regierungsmitteln sowie Marketing- und Werbekampagnen in die Förderung des Stillens gesteckt – was auch gut ist und weiterhin an erster Stelle stehen muss. Aber es sollte mutig ein Schritt weiter gegangen und parallel Spender-Muttermilch als selbstverständlichen Ersatz zur Formulanahrung zur Verfügung gestellt werden Denn die Kombination beider Maßnahmen, die Still- und Spendermilch-Förderung, begünstigt sich gegenseitig und verspricht eine verbesserte Gesamtsituation in Puncto Muttermilchernährung und Gesundheit unserer Babys. ■

Tanja Müller

arbeitete als Marketingleiterin bei einem mittelständischen Unternehmen bis sie Mutter wurde. Heute ist sie Geschäftsführerin der MIMARA, einer gemeinnützigen Unternehmergesellschaft. Sie setzt sich für Spender-Muttermilch anstelle von Formula ein, in unseren Geburtskliniken und von Mutter zu Mutter.