»Das Passwort, bitte!«

Ein Kommentar von Nora Imlau

»Wie lautet das Passwort?« Linneas Zimmertür öffnet sich nur einen Spaltbreit. Kichernd flüstert Annika der großen Schwester was ins Ohr – und darf reinkommen. Ich hingegen muss draußenbleiben: »Tut mir leid, Mama. Das Passwort dürfen nur Kinder wissen.« Na dann. Einschließen und ausschließen – dieses Thema zieht sich durch die Geschichte der Menschheit. Schon immer stärkten Gruppen ihren Zusammenhalt, indem sie nach innen Gemeinsamkeiten betonten und sich nach außen hin von anderen abgrenzten. Wir gehören zusammen, ihr gehört nicht dazu: So funktionieren Nationen und Religionen, Stämme und Clans, Clubs und Vereine, Mannschaften und Aufsichtsräte – und auch: Eltern.

Eltern? Na klar: Schließlich suchen auch wir nach Gleichgesinnten und grenzen uns von Andersdenkenden ab. Unsere Passwörter mögen andere sein als die unserer Kinder, doch sie verfolgen den selben Zweck: zu zeigen, wer dazu gehört und wer nicht. Pädagogik und Anti-Pädagogik, erzogen und unerzogen – dass sind unsere Codewörter, mit denen wir uns in Gruppen und Untergruppen sortieren, und zwar immer schön in Thesen und Anti-Thesen strukturiert: Die eine Überzeugung definiert sich dadurch, dass sie eine andere rundheraus ablehnt. Und bleibt gerade deshalb immer auf ihren Gegenpol gezogen: Wenn es die Pädagogik nicht gäbe – müsste die Anti-Pädagogik nicht gegen sie antreten. Auch wenn wir es uns oft nicht eingestehen wollen: Um unsere Elternrolle zu finden, brauchen wir die andere Seite. Schließlich zeigen »die anderen« uns, wie wir sein wollen. Und das ist für uns von unschätzbarem Wert: Gemeinsame Abgrenzung schafft Gemeinschaft. Bleibt nur ein Problem: Durch unsere Leidenschaft fürs Abgrenzen tragen wir selbst dazu bei, dass zwischen den einzelnen Gruppen ein immer größerer Graben entsteht. Entweder du bist für uns – oder gegen uns. Das mag die Gruppe nach innen festigen – aber was was macht ein solches Dogma wohl mit all den Suchenden, Fragenden, Unsicheren und Zweifelnden, die irgendwo im Graubereich zwischen Erziehung und Nicht-Erziehung versuchen, ihren Kindern respektvoll zu begegnen und es gleichzeitig noch nicht schaffen, ganz aus alten Mustern auszubrechen? Sie fühlen sich abgelehnt statt bestärkt, ausgegegrenzt statt willkommen geheißen, verurteilt statt wertgeschätzt. Hilft uns das wirklich weiter? Je stärker wir uns auf unser exklusives Anderssein versteifen, desto elitärer und unzugänglicher wird unser Ideal: Für Erziehende, so las ich es kürzlich in der »unerzogen«-Gruppe auf Facebook, sei hier kein Platz. Dabei beziehen sich die User der Gruppe zwar auf eine strikte Definition von »Erziehung«, die es ermöglichen soll, die Unterhaltungen frei von Missverständnissen zu halten, denn kaum ein Begriff in der deutschen Sprache ist so schwammig definiert wie der der Erziehung. Doch es gibt unter denjenigen, die sich als Erzieher bezeichnen, ganz viele Mütter und Väter, die mit ihren Kindern gar nicht so anders umgehen, als die, die bewusst auf Erziehung verzichten wollen. Davon bin ich überzeugt. Vielleicht sagen sie von sich selbst, dass sie ihre Kinder liebevoll erziehen. Oder respektvoll. Oder bedürfnisorientiert. Hilft es diesen Eltern nun, wenn Eltern, die bewusst nicht erziehen, ihnen sagen, dass das »ja gar nicht geht«, weil »Erziehung per se nicht respektvoll oder bedürfnisorientiert sein kann«?

nicht

Ich glaube: Nein.

Uns voneinander abzugrenzen, liegt uns Menschen im Blut. Aber gerade wenn wir für uns beanspruchen, althergebrachte Muster zu reflektieren und durch neue, respektvollere zu ersetzen, ist der 40. Geburtstag der Antipädagogik vielleicht ein willkommener Anlass, um uns zu fragen, ob Ausgrenzung wirklich die beste Strategie ist, um mehr und mehr Menschen für unsere Vision von einem gleichwürdigen, respektvollen Familienleben zu begeistern. Denn wer immer nur die Unterschiede betont, lässt den Graben tiefer werden. Wer jedoch auch auf die Gemeinsamkeiten achtet, baut eine Brücke. Und die macht es erst möglich, sich auf der anderen Seite mal umzugucken und jenseits aller sperrigen Begrifflichkeiten zu sehen, was uns wirklich verbindet, und was uns trennt.

Was kann schon passieren, wenn sich Erziehende in unsere Kreise mischen? Vielleicht stellen sie fest, dass es ihnen bei uns gefällt. Vielleicht merken sie erstaunt, dass sie manches ohnehin schon so ähnlich machen wie wir. Manches wird sie vielleicht befremden, manches zum Nachdenken anregen. Vielleicht machen sie irgendwann auch einfach wieder kehrt. Und nehmen trotzdem einige neue Eindrücke mit in ihr Familienleben. Ich würde mir sehr wünschen, dass mehr und mehr Eltern-Communitys zu dieser neuen Offenheit finden. An der Tür zu stehen und erstmal nach dem Passwort zu fragen, können wir dann gerne unseren Kindern in ihrem Spiel überlassen. ■

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