Sind Großeltern auch nicht mehr das, was sie einmal waren?

Die Großeltern- und Altersrollen haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Mit dem Wandel des Älterwerdens wandelte sich auch die Rolle der Großeltern. Was bedeutet das konkret für Familien? Was bedeutet es für die Großeltern heute?

Prof. Dr. Heiner Keupp

Großeltern werden als selbstverständlicher Teil eines Familiensystems betrachtet und das umso mehr, wenn sie in erreichbarer Nähe zu ihren Kindern und Enkelkindern leben. Ein jüdischer Freund, dessen Eltern Überlebende des Holocaust waren, erzählte mir, dass er keine Großeltern habe, weil die Vernichtungsmaschinerie der Nazis sie umgebracht habe. Auch habe er nie zu Festtagen ein Geschenkpäckchen bekommen, weil es keine Verwandtschaft gibt, die das Grauen des Holocaust überlebt hat. Da ist mir erst so richtig bewusst geworden, was es für ein Verlust sein muss, wenn das fehlt, was wir als selbstverständlich betrachten. In einem Interview über seine Kindheit spricht der israelische Schriftsteller David Grossman (Jahrgang 1954) diesen Verlust aus: »Ein stilles Entsetzen beschlich uns, als wir begriffen, dass vor unserer Geburt etwas Schreckliches geschehen war und das Leben unserer Eltern und Großeltern betraf. Nur ein paar von uns hatten überhaupt Großeltern. Ich gehörte zu den Glücklichen. Für die meisten meiner Altersgenossen waren Großeltern etwas aus der Literatur« (in der SZ am 11. Mai 2015).

Das Großelternbild gestern und heute

Mein Bild von Großeltern wird von meinen eigenen geprägt, und ich bekomme es nicht zur Deckung mit meinem eigenen Selbstverständnis, meiner Identität als Großvater. Ich sehe meinen eigenen Opa in dem Alter, das ich jetzt erreicht habe, als würdigen Herren, der immer mit Anzug und Krawatte sowie einem Spazierstock durch unser Dorf schritt. Wenn er mit meiner Oma unterwegs war, dann erinnere ich mich an ein Paar, das gemessenen Schrittes und untergehakt in der Öffentlichkeit auftrat. Sie waren Respektspersonen, und ihr Habitus hat das auch ausgedrückt. Meine Großeltern sind im Kaiserreich sozialisiert worden und trotz dramatischer Erfahrungen in zwei Weltkriegen haben sie immer etwas aus dieser vergangenen Zeit repräsentiert. Meine Eltern, die beide von der Jugendbewegung geprägt waren, verbreiteten nicht mehr diesen Hauch verstaubter Bürgerlichkeit. Sie wirkten auch im Großelternstatus eher sportlich und jugendlich, obwohl mein Vater als evangelischer Pfarrer im Dorf auch eine Autorität repräsentierte. Und der Übergang zu meiner Generation ist von einer weiteren Informalisierung des Großelternbildes geprägt: Wenn ich mich in einer Art Zeitreise rückwärts in die Epoche meiner Großeltern zurückversetzen und mich so verhalten würde, wie ich es heute tue, hätte ich gute Chancen, für verrückt erklärt zu werden, wenn ich in bunten Radlerklamotten mit dem Rennrad unterwegs bin oder mit meinem Enkel Fußball spiele. Umgekehrt wäre mein Großvater heute in seinem Habitus aus der Zeit gefallen.

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