Inklusion oder: Das Streben nach Menschenrechten in Bildungsprozessen

Inklusion ist seit einigen Jahren im öffentlichen sowie medialen Diskurs sehr präsent. Inzwischen wird nahezu alles als Inklusion deklariert, was sich positiv und/oder fortschrittlich darstellen möchte. Das ist logisch und gleichzeitig dramatisch, weil damit die inhaltliche Klarheit dessen, was Inklusion ursprünglich als Innovationsperspektive bedeutete, immer mehr verloren geht.

Ines Boban, Andreas Hinz und Robert Kruschel

Seit der Jahrtausendwende ist beim Thema Inklusion der Weg von der Unkenntnis zu immer stärkerer Unkenntlichkeit zurückgelegt. Nahezu alles was bisher unter Integration firmierte – und womöglich noch viel mehr –, wird inzwischen als Inklusion bezeichnet. Dieser Beitrag möchte daher im begrifflichen Wirrwarr Klarheit schaffen und aufzeigen, welches menschenrechtsbasierte Potential für Bildungsprozesse mit dem Konzept von Inklusion verbunden ist.

Menschenrechte – Orientierung für Inklusion

Die stark boomende Diskussion um Inklusion in Deutschland hat ihren Ursprung im Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) im Jahr 2009. Angestoßen durch die Argumentation mit den Menschenrechten allgemein, steht oft die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vorrangig im Blickpunkt. In der Tat haben die Ratifizierung dieser Konvention durch Bundestag und Bundesrat und ihr Inkrafttreten 2009 die Diskussion intensiviert. Zunächst schien sie jedoch politisch – ähnlich wie die Kinderrechtskonvention 1989 – im ahnungslos wirkenden Stil einer »Schabowski-Phase« folgenlos zu bleiben: Die »Reisefreiheit« im Bildungsbereich galt zwar nun irgendwie plötzlich auch für Kinder und Jugendliche mit Behinderungserfahrungen. Doch was das real bedeutete, war zunächst völlig unklar – auf jeden Fall sollte sich aus Sicht der Bildungsverwaltung möglichst wenig ändern. Dies ist jedoch dank der damaligen Kultusministerin von Schleswig-Holstein, Ute Erdsiek-Rave, nicht so geblieben: Nachdem sie sich auf einer Tagung der UNESCO in Genf für die international gesehen exotische und merkwürdige Situation des hohen Maßes von Segregation in Deutschland rechtfertigen musste, brachte sie das Thema offensiv in die Kultusministerkonferenz ein und initiierte später den Expertenkreis »Inklusion der deutschen UNESCO-Kommission«.

Der Rückbezug auf die BRK lässt jedoch die Missinterpretation zu, es handele sich um eine spezifische Gruppe von Menschen, denen mit der Konvention spezifische Rechte in puncto Inklusion zugeschrieben würden. Hier ist es bedeutsam sich zu vergegenwärtigen, dass die BRK in einer Reihe von Konventionen steht, die auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) zurückgehen, in der die universellen, unverbrüchlichen und unteilbaren Menschenrechte definiert werden – also Rechte, die weder insgesamt, noch teilweise, noch für bestimmte Menschen zur Disposition gestellt werden können. Mit dieser Erklärung wurde ein Entwicklungsprozess begonnen, der im Sinne eines »living documents« kontinuierlich fortschreitet und insofern Aktualisierungen, Konkretisierungen und Ergänzungen erfordert, die dann in verschiedene Konventionen gefasst werden, etwa in der Anti-Rassismus-Konvention (1965), in der Frauenrechtskonvention (1979), in der Kinderrechtskonvention (1989) und gegenwärtig in der Behindertenrechtskonvention (2006). Aktuell wird vor allem im »globalen Süden« diskutiert, ob nicht die Rechte »der Mutter Erde« ebenfalls Eingang in Menschenrechtsdokumente finden sollten (vgl. hierzu Dhawan & Castro Varela 2014). Auch eine mögliche Konvention zum Schutz der Rechte älterer Menschen wird seit einigen Jahren diskutiert und von Organisationen, wie dem Institut für Menschenrechte, eingefordert.

Artikel weiterlesen?

Kauf die aktuelle Ausgabe oder schließ ein Abo ab, um alle Ausgaben zu lesen.

Du bist bereits Abonnent oder hast das Heft gekauft und besitzt ein Benutzerkonto?