Inklusion und Anarchie: Über die geistige Verwandtschaft zweier gesellschaftlicher Ideen

Wenig bekannt ist, dass es sich bei Inklusion nicht nur um eine pädagogische Idee handelt, sondern damit auch ganz bestimmte alternative Vorstellungen verbunden sind, wie die Gesellschaft als Ganzen gestaltet sein soll. Diese politische Seite von Inklusion hat einen überraschenden, »vergessenen« Verwandten.

David Jahr

Deutschland streitet über Inklusion. In Lehrerzimmern werden hitzige Diskussionen geführt, wie mit dem, oft als auferlegt empfundenen Konzept umzugehen ist. In Seminarräumen der Lehrerbildung wird sich gefragt, was alles zu Inklusion dazugehört und wie sich die zukünftigen Lehrkräfte deren Ausgestaltung vorstellen können. In Talkshows werden Chancen und Probleme des vermeintlich neuen Ansatzes diskutiert. Menschen aus der Wissenschaft beziehen öffentlich Stellung in unterschiedlichen Medien. Bildungsgewerkschaften positionieren sich, Berufspolitiker und Parteien artikulieren unterschiedliche Positionen – kurzum: Inklusion ist ein Politikum.

Wohin gehört Inklusion politisch?

Inklusion ist politisch aufgeladen und das zeigt deutlich, dass diese Idee nicht nur als pädagogisches Konzept verstanden werden kann, sondern es sich hierbei auch um eine gesamt-gesellschaftsbezogene Ordnungsvorstellung handelt. Inklusion ist eine politische Idee, die sich in pädagogischen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen entfalten soll, aber eben auch deutlich über diese hinaus reicht. Wenn Inklusion ein Politikum ist, dann müsste es sich aber auch im Feld der politischen Ideen verorten lassen. Es müsste näher bestimmt werden können, zu welcher politischen Grundorientierung (um nicht das im Deutschen belastete Wort »Ideologien« zu verwenden) Inklusion die größte Nähe hat.

Eine politische Verortung von Inklusion lässt sich bereits mit einem Blick in die Programme der großen Parteien in Deutschland formulieren. Interessanterweise wird dabei eine klare Links-Rechts-Positionierung deutlich. Von den Parteien des sogenannten »linken« Spektrums – also Grüne, Linke und SPD – wird Inklusion überwiegend positiv aufgenommen. In diesen Programmen werden Vorstellungen formuliert, wie die Idee weiter ausgestaltet werden kann. In den Programmen des »rechten« Parteienspektrums wird ein anderes Bild gezeichnet. Zeigt sich die Union gegenüber Inklusion überwiegend skeptisch-zurückhaltend so findet sich bei der AfD eine unmissverständlich deutliche Ablehnung der – wie es im Grundsatzprogramm der Partei heißt – »ideologisch motivierte(n) Inklusion«. Es gibt auch Politiker, die Inklusion direkt in die Nähe einer politischen Grundorientierung stellen. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es die Aussage des Bildungsministers von Mecklenburg-Vorpommern Mathias Brodkorb gebracht, der 2012 auf einer Tagung in Rostock »Inklusion als Kommunismus« bezeichnet hat und gleich noch die Unterscheidung einer »radikalen« und einer »gemäßigten« Inklusion konstruierte.

Das Problem mit jener Rechts-Links-Verortung im Parteienspektrum aber auch mit Behauptungen wie die des Bildungsministers Brodkorb ist die damit einhergehende starke Vereinfachung von Inklusion. Inklusion als »linkes Projekt« zu verstehen, zieht sofort die schwer zu beantwortende Frage nach sich, was denn eigentlich links ist und was denn das spezifisch Linke an Inklusion sein soll. Inklusion als radikal und als Kommunismus zu bezeichnen, wirkt eher diffamierend auf das Konzept und stellt keine ernst zu nehmende Analyse dar. Hierbei wird ein nicht-demokratisches Schreckgespenst gezeichnet und eine gebotene sachliche Diskussion eher verhindert.

In welcher geistigen Verwandtschaft steht Inklusion mit den vier großen politischen Grundorientierungen der modernen Demokratie – Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus und Anarchismus? Wie nah stehen sich Inklusion und Kommunismus (bzw. Sozialismus) und welche Überschneidungen ergeben sich zum Anarchismus? Zu welchen möglichen Konsequenzen führt das? Vor Beantwortung dieser Fragen gilt es noch anzumerken: Hier wird sich einem sogenannten »weiten« Inklusionsverständnis angeschlossen, das alle Formen menschlicher Vielfalt in den Blick nimmt. Es geht nicht um die verbreitete sonderpädagogisch verengte Variante von Inklusion, die sich nur auf Fragen der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung konzentriert.

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