»Sucht ist eine Familienkrankheit«

Lange Zeit lag in der Arbeit mit Suchterkrankten der Fokus allein auf dem Süchtigen. Erst spät gerieten die Angehörigen und mit ihnen auch die mitbetroffenen Kinder in den Blick. Was erleben diese Kinder und welche Hilfen benötigen sie, um trotz der Sucht eines Elternteils gesund groß werden zu können?

Interview mit Henning Mielke, Vorsitzender von NACOA – Interessenvertretung für Kin der aus Suchtfamilien e. V.

Herr Mielke, was ist NACOA?

Die Abkürzung steht für National Association for Children of Alcoholics . Diese Vereinigung entstand 1983 in den USA. Damals haben sich Therapeuten mit betroffenen erwachsenen Kindern von Suchtkranken zusammengetan. Die Betroffenen hatten sich Ende der 1970er massenhaft in Selbsthilfegruppen organisiert. Und da haben sich Therapeuten gefragt: »Wie konnten wir das eigentlich übersehen, dass es neben den Süchtigen auch die mitbetroffenen Kinder gibt, für die wir gar keine Konzepte haben?« Um das zu ändern hat sich dann die amerikanische NACOA gegründet. Die machen Lobbyarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und Arbeit mit Berufsgruppen, die mit Kindern zu tun haben. Nach diesem Vorbild hat eine bunte Gruppe von Leuten 2004 NACOA Deutschland gegründet. Die Gründer waren teils erwachsene Kinder, teils Leute aus der Suchthilfe, der Suchtmedizin, der Suchtprävention, der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder aus der Psychotherapie. Sie haben aus ihren beruflichen Erfahrungen heraus gesagt: Wir brauchen eine Interessenvertretung für diese Kinder. Außerdem hatten wir in den Reihen der »Betroffenen« auch noch Künstler, Journalisten und einen Juristen, was sich als sehr hilfreich erwiesen hat. Damals war es noch so, dass die Leute in der Suchthilfeszene einen angeschaut haben, wie einen Alien, wenn man gefragt hat: »Was macht ihr eigentlich für die Kinder?« Der Fokus lag nur auf dem Süchtigen. Dass Süchtige Angehörige haben, die durch ihr »Helfen« die Sucht aufrechterhalten, und dass die Kinder dabei völlig aus dem Fokus geraten, das war damals kein weit verbreitetes Wissen. Wir mussten erst einmal darauf aufmerksam machen, dass es da ein Problem gibt, welches jedes sechste Kind in Deutschland betrifft.

Wie erleben die Kinder die Sucht der Eltern?

Das größte Problem ist, dass die Eltern für die Kinder emotional nicht präsent sind. Kinder erleben ja ihre Eltern wie Götter, weil sie so existenziell von ihnen abhängig sind. Und sie brauchen es, dass sie sich mit allem, was sie tun oder fühlen im Gesicht der Eltern widerspiegeln. Wenn Eltern emotional präsent sind, klappt das: Das Kind kommt nach Hause und der Vater sagt: »Du siehst aber traurig aus. Komm erzähl mal. Was war heute los?« Bei süchtigen Eltern funktioniert genau das oft nicht. Die sind körperlich anwesend, aber nicht emotional. Dann ist dieser Spiegel blind, in dem das Kind sich erkennen will. Es belastet das Kind, wenn es die Eltern emotional nicht erreichen kann. Dann kommt noch hinzu, dass die oft total unberechenbar sind. Je nachdem, ob die Eltern grade was intus haben, sind sie mal ganz lieb zum Kind und dann plötzlich aus heiterem Himmel sehr feindselig. Das Kind wird dadurch verwirrt, denn was eben noch richtig war, ist im nächsten Moment grundfalsch. Ich erzähle da gern das Beispiel eines Süchtigen, der vergessen hat, seine Tochter von der Schule abzuholen. Er hat dann ein schlechtes Gewissen und steckt ihr fünf Euro zu: »Komm, kauf dir was Schönes!« Sie nimmt das Geld und kommt später mit einer Tüte voll Süßigkeiten nach Hause. Inzwischen ist der Vater aber in einer anderen Stimmung, weil er wieder nüchtern ist. Dann kann es sein, dass er mies gelaunt ist. Und da sieht er das Mädchen mit den Süßigkeiten, gibt ihr eine Ohrfeige und sagt: »Was gibst du dein Geld für so unnütze Dinge aus!« Dieses ständige Hin und Her, mal Verwöhnung, mal übermäßige Härte, das belastet die Kinder extrem.

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