Die pathologische Mutter

Heutzutage haben es Mütter schwer. Egal, wie sie »es« machen, es kann eigentlich nur falsch sein. Wie eine Mutter zu sein und zu handeln hat, scheint allen klar zu sein – außer den Müttern selbst. Mütter stehen unter dem dringenden Verdacht, dass sie nicht »normal« sind.

Susanne Sommer

Tipps und Rat-Schläge rund um das Thema »erfolgreiche Mutterschaft« kommen heute nicht mehr nur von nebenan. Unzählige »Experten« (ver)- teilen ihre Ansichten und Patentrezepte ungefragt und ungebremst. Und ehe sich Mutter versieht, ist sie schon etikettiert: Von »Rabenmutter« (übrigens ein Begriff, den es nur in der deutschen Sprache gibt!) bis »Helikopter-Glucke« ist alles möglich. Nichts davon hört Frau gern. Deshalb entscheiden sich viele für den »unauffälligen« Mittelweg, orientieren sich an der Meinung der Experten und an gesellschaftlichen Normen. Nach dem Motto: Wenn ich es so mache wie »alle anderen«, kann nichts passieren. Auch wenn es in ihren Herzen grummelt und alles in ihnen laut »Nein« schreit.

Ganz einfach ist es nicht, den persönlichen Weg als Mutter in einem Dschungel aus Belehrungen, Prophezeiungen und Beurteilungen zu finden und zu gehen. Einen Weg, der Mut und Entwicklung braucht, um das Rollenbild der »richtigen Mutter« endlich aufzulösen …

Eine Geschichte …

Eine Frau. Ein positiver Schwangerschaftstest. Eine Frauenärztin. Aufgrund eines bereits vor der Schwangerschaft diagnostizierten erhöhten Thromboserisikos bekommt die Frau sofort blutverdünnende Medikamente verordnet. Die Schwangerschaft bekommt den Aufkleber »Risikoschwangerschaft«. Ängstlich und erwartungsvoll pilgert die Frau von Vorsorge- zu Vorsorgeuntersuchung. Beruhigung findet sie dadurch aber nicht. Im Gegenteil: Obwohl die Mutter eine »Impf-Vorzeige-Kandidatin« ist, stellt sich bei der ersten im Mutter-Kind-Pass vorgeschriebenen Blutuntersuchung heraus: In ihrem Blut sind keine Röteln-Antikörper nachweisbar. Eine Tatsache, von der die Frau bis dato nichts wusste – aber gut damit lebte. Jetzt sorgt diese Erkenntnis allerdings für Aufregung.

Sechs Wochen vor errechnetem Geburtstermin befindet sich das Ungeborene in Beckenendlage. Laut wird über einen Kaiserschnitt diskutiert. Aber: Das Baby habe ja noch Zeit, sich in die »richtige« Position zu begeben. Die Frau vertraut ihrer Frauenärztin. Sie möchte sie unbedingt bei der Geburt dabeihaben, was allerdings nur in einem bestimmten Krankenhaus möglich ist. Einem Krankenhaus, das für seine hohe Kaiserschnitt-rate bekannt ist und in welchem keine Beckenendlagen-Geburten durchgeführt werden. Doch das Schutzbedürfnis der Frau durch die Ärztin ist groß. Es wird sich schon alles fügen. Dieses Fügen sieht schließlich so aus: Eine ungeklärte Infektion löst Durchfall, Erbrechen und Wehen aus. Fast sechs Wochen zu früh. Zahlreiche CTGs werden gemacht. Niemand kann (oder will) der Frau sagen, was los ist. Dann fällt das Stichwort: pathologisches CTG (mindestens eines der vier Kriterien zur Beurteilung der Herzfrequenz des Ungeborenen durch den Herzton-Wehen-Schreiber wird als krankhaft eingestuft). Ergo Kaiserschnitt (Anmerkung: Die Diagnose »pathologisches CTG« gilt laut WHO nicht als eindeutige Indikation für einen Kaiserschnitt. Dennoch ist sie einer der häufigsten Gründe für eine Sectio). Was? Warum? Das Kind sei in Gefahr. Einwilligung. Ergebnis: Frühgeburt, Anpassungsstörung, Neonatologie.

Eine gewaltvolle Trennung. Ein verkabeltes Baby. Eine überwältigte Frau, die lange um ihr Selbstverständnis als Mutter ringen wird. Viele Mütter (und Kinder) erleben ähnliche Geschichten. In diesem Fall handelt es sich um meine eigene.

Im Start-Paket: Verunsicherung und Übergriffigkeit

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