Ihr wollt eine Demokratische Schule gründen? So geht’s!

Was ist nötig, um eine Demokratische Schule zu gründen? Aaron Keohane hat damit einige Erfahrungen gemacht und kurz zusammengefasst, was seiner Meinung nach für den Anfang am notwendigsten ist.

Aaron Keohane

Was braucht es mindestens, um eine Demokratische Schule zu eröffnen? Diese Frage beschäftigte mich, während ich letzte Woche die New School in den Niederlanden besuchte. Wer meine jetzige Situation kennt, den wird das nicht überraschen: Erst vor Kurzem hatte ich die Gelegenheit, eine Demokratische Schule in Paris mitzugründen. Ich kam am 1. Januar in Paris an, am 7. März eröffneten wir die Sudbury School Paris . Und als ich gerade dachte, die Situation sei schon verrückt genug, traf ich eine tolle Gruppe Eltern aus Bray, Irland, denen ich jetzt dabei helfe, Irlands erste Demokratische Schule zu gründen. Die Wicklow Sudbury School soll im September ihre Türen öffnen. Die Frage, welche Schritte zur Gründung einer Demokratischen Schule nötig sind, hat eine sehr persönliche Bedeutung bekommen. Hier nun also die Einsichten der letzten Monate. Ich möchte nicht behaupten, Experte auf diesem Gebiet zu sein – ich meine, wer ist das schon? Ich möchte einfach meine Erkenntnisse teilen, in der Hoffnung, dass die, die von den Prinzipien Demokratischer Bildung überzeugt sind, davon profitieren.

Also, was ist das Mindeste, was nötig ist, um eine Demokratische Schule zu gründen? Hier sind meine Antworten, ganz kurz:

  1. Findet die richtigen Leute.
  2. Einigt euch auf eine gemeinsame Vision und Philosophie.
  3. Erschafft die Rechts- und die Organisationsform, die die tatsächliche Gewaltenteilung der Schule repräsentiert.
  4. Findet eine kritische Masse an Leuten, die die Philosophie verstehen und leben.

Findet die richtigen Leute

Das ist Schritt Null, sozusagen. Er ist die Grundlage, worauf alles andere aufbaut. Diese Leute sind einfallsreich, gute Kommunikatoren, fähige Organisatoren, sind emotional stabil mit kleinen Egos und es stört sie nicht, sich die Finger schmutzig zu machen. Sie müssen außerdem komplett hinter dem Projekt stehen.

Damit verbundene Lektionen:

  • Wie viele sollen zum Gründungsteam gehören? Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich, die magische Anzahl soll bei fünf bis sieben Personen liegen. Mit zunehmender Zahl steigt das Risiko, dass sich zwei Gruppen bilden: die Kern- und die Randgruppe.
  • Ein Großteil dieser Gruppe wird bei Schuleröffnung das Schulteam bilden. Die »das-erste-Jahr-ohne-Bezahlung«-Strategie ist ein großartiger Filter, um sicherzustellen, dass das Schulteam aus äußerst engagierten Menschen besteht. Ihr werdet keine Mitarbeiterhaben, die nicht auch bereit sind, ein finanzielles Opfer zu bringen, um einen Beitrag zum Projekt zu leisten. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass finanziell gesehen im ersten Jahr mehr Luft zum Atmen bleibt.
  • Natürlich hat dieses Modell auch Nachteile. Es gibt tolle Leute, die als Mitarbeiter in der Schule viel beitragen könnten, die es sich aber schlichtweg nicht leisten können, ein Jahr unbezahlt zu arbeiten.
  • Akzeptiert, dass auch in einer wirklich engagierten Gruppe immer ein oder zwei die meiste Arbeit machen. Die Erwartung, dass jeder gleich viel einbringt, führt meist einfach nur zu schlechter Laune. Wir sind eben nicht alle gleich.
  • Haben Sie noch keine Gruppe, müssen Sie eine aufbauen. Bevor Sie das tun, entscheiden Sie sich möglichweise dazu, ein »Vision-Holder« – wie im Schritt 2 beschrieben – zu werden, und dann die zu Ihrer Vision passende Gruppe zu finden.
  • Ich kann nicht oft genug betonen, wie wertvoll es ist, bereits existierende Demokratische Schulen zu besuchen und mit Menschen mit Erfahrung in der Demokratischen Bildung zu sprechen.

Einigt euch sich auf eine gemeinsame Vision und Philosophie

Eine gemeinsame Vision ist unerlässlich für das langfristige Überleben des Projektes. Selbst wenn die richtigen Leute beisammen sind – gibt es Differenzen hinsichtlich der Vision, ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Dies kann passieren, bevor es überhaupt angefangen hat, oder aber zwei bis drei Jahre nach der Eröffnung, wenn sich die Differenzen bemerkbar machen.

Der nächste Schritt hängt davon ab, ob bereits eine Gruppe existiert oder ob Sie alleine anfangen.

a) Wenn es noch keine Gruppe gibt, möchten Sie vielleicht ein »Vision-Holder« werden, bevor Sie nach Verbündeten suchen. Der »Vision-Holder« ist die Person, die die Vision entwickelt hat und Menschen sucht, die der Vision zustimmen und sie in die Tat umsetzen möchten. Hat der Vision-Holder einmal die Vision definiert, kann diese auf verschiedenen Wegen verbreitet werden, wie beispielsweise auf der Website, in sozialen Netzwerken oder bei Filmscreenings zum Thema Demokratische Bildung, bei denen es oft im Anschluss ein Publikumsgespräch gibt. Es ist wichtig, dass der Vision-Holder ein guter Kommunikator ist und die Vision klar definieren kann.

Sehr hilfreich ist es, mit Menschen mit Erfahrung an bereits bestehenden Demokratischen Schulen ins Gespräch zu kommen.

b) Beginnt das Projekt mit einer Gruppe, ist das Ganze etwas komplizierter. Die Gruppe weiß vielleicht, was sie nicht will (herkömmliche Bildung), aber nun muss sie sich auch darüber klar werden, was sie denn will. Der Prozess, in dem eine schlüssige und klare gemeinsame Vision erstellt wird, ist oft schwierig, aber extrem wichtig für die Gruppendynamik. Nur durch das Formen einer gemeinsamen Vision können philosophische oder ideologische Unterschiede ans Licht gebracht und offen diskutiert werden. Dazu ist es gut, die vermeintlich einfachen, in Wirklichkeit aber sehr komplexen Fragen zu stellen, z. B.: Wird es eine Schulküche geben? Was bedeuten »Zwang« und »ohne Zwang« im Zusammenhang mit unserer Schule? Wird es irgendwelche Klassen geben? Gibt es Lehrer? Wer macht sauber? Wie lösen wir Konflikte? Der Prozess, eine gemeinsame Vision zu finden, kann zur philosophischen Reise werden. Das braucht Zeit. Wie viel Zeit solltet ihr euch nehmen? Die Antwort lautet: So viel, wie ihr braucht. Diesem Prozess muss Zeit und Raum gegeben werden. Wenn die Visionen innerhalb der Gruppe sich zu stark unterscheiden (z. B. Konsens vs. Demokratie, Lehrer vs. keine Lehrer), sollte der Prozess nicht unterbrochen werden bis sich entweder die Gruppe teilt, einige Mitglieder gehen oder die Gruppe ein sehr klares Bild davon hat, was sie erreichen möchte und alle dem aus vollem Herzen zustimmen.

Damit verbundene Lektionen:

  • Ihr müsst das Rad nicht neu erfinden. Es gibt bereits viele gute Demokratische Schulen. Es könnte schlimmer kommen, als eines ihrer Modelle zu übernehmen. Nach Eröffnung der Schule entwickelt sie sich durch den Demokratischen Prozess ohnehin von selbst weiter.
  • Demokratische Schulen zu besuchen hilft, herauszufinden, was genau ihr erreichen wollt. Sich mit Menschen zu unterhalten, die Erfahrung mit Demokratischer Bildung haben, ist unerlässlich. Dazu empfehle ich auch dringend die Teilnahme an der jährlichen EUDEC-Konferenz, bei der es reichlich Gelegenheit gibt, diese wertvollen Gespräche zu führen.

Erschafft die Rechts- und Organisationsform, die die tatsächliche Gewaltenteilung widerspiegelt

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass in jeder Schule eine Machtstruktur herrscht. Auch in der, die ihr gründen wollt. Bei Macht geht es darum, wer was entscheidet. An einer demokratischen Schule hat jeder Schüler und jede Schülerin eine gleichwertige Stimme bei vielen – wenn nicht bei allen Fragen der Schulgemeinschaft. Natürlich ist es also eure Absicht als Gründungsteam, Strukturen zu schaffen, die sich von den hierarchischen und autoritätsbasierten Strukturen traditioneller Schulen unterscheiden. Zu wissen, was ihr nicht wollt, reicht nicht. Ihr müsst in eurer Vision die Machtstrukturen des Schullebens glasklar definieren.

Es gibt zwei Instanzen, die über die Gewaltenteilung entscheiden: die Rechtsform und die Organisationsform.

Beide zusammen liegen allen Machtstrukturen der Schule zugrunde. Eine bildet die rechtliche Grundlage, während die andere die Grundlage für den Schulalltag legt. Die beiden Instanzen müssen sich also ergänzen und dürfen sich keinesfalls gegenseitig untergraben.

Die Art der Rechtsform und ihre Umsetzung sind eine wichtige rechtliche Grundlage für die Schule. Es gibt verschiedene Rechtsformen, z. B. die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) oder die Genossenschaft. Die meisten dieser traditionellen Formen passen nicht zu einer Demokratischen Schule, zumindest nicht in ihrer herkömmlichen Form, denn sie schaffen – wie üblich – eine Struktur, die ein einzelnes Individuum, zum Beispiel eine Geschäftsführerin oder einen Schatzmeister ermächtigt. Es ist unwahrscheinlich, dass das für die Vision der Schule förderlich ist. Trotzdem kann die Satzung des Rechtsträgers so angepasst werden, dass es funktioniert. Das bedeutet a) ihr findet eine Person, die sich mit dem Gesetz auskennt und über den Tellerrand blicken kann oder b) ihr recherchiert selbst. Alternativ habt ihr vielleicht Glück und kennt eine Schule mit einer ähnlichen Philosophie, die diese schwere Arbeit bereits getan hat.

Bei Demokratischen Schulen mündet der Aufwand des Findens und Definierens der Machtstrukturen letztendlich in nur eine Frage: Welche Macht hat die Schulversammlung? Könnt ihr die Macht der Schulversammlung klar benennen, werden alle anderen Machtstrukturen folgen. Wenn die Schulversammlung beispielsweise nicht die Macht hat, über das ganze Schulbudget zu entscheiden oder Personal einzustellen, dann muss festgelegt werden, wer die Entscheidungen über das restliche Schulbudget oder das Personal trifft.

Das Anpassen des rechtlichen Rahmens sieht nach viel Arbeit aus. Warum solltet ihr euch damit beschäftigen? Was kann im schlimmsten Fall passieren? Das sind berechtigte Fragen. Es gibt für das Anpassen zwei Gründe. Erstens ist der Beitrag der Schüler oberflächlich und unecht, wenn der Geschäftsführer ihre Entscheidungen in Sekundenschnelle untergraben kann. Zweitens sind Demokratische Schulen lebende, atmende soziale Organismen, die wachsen, sich entwickeln und manchmal mit Herausforderungen rechtlicher Natur konfrontiert sind. Ohne rechtliche Grundlage, die die demokratische Vision und Philosophie der Schule unterstützt, fehlt der Schulgemeinschaft die Stabilität, um wertvolle Lernmöglichkeiten ergreifen und nutzen zu können, weil sie sich mit einer schwierigen rechtlichen Situation befassen muss

Die Organisationsform sind die Gesetze und Verfahrensweisen, die die Grundlage des täglichen Lebens innerhalb der Schule bilden. Die Organisationsform umfasst das Regelwerk der Schule und alle Methoden und Anweisungen für den Schulablauf.

Macht ist tückisch. Besonders die traditionelle Machtverteilung, die auf sozialen und kulturellen Normen basiert, die von Demokratischer Bildung eigentlich hinterfragt werden. Das führt oft dazu, dass implizite Machtstrukturen nicht bemerkt werden. Ohne dass diese Strukturen erkannt, ans Licht gebracht und explizit benannt und diskutiert werden, bleiben bestehende kulturell-normative Machtstrukturen erhalten. Transparenz durch klar definierte Rollen mit klar definierten Verantwortungsbereichen und klar definierten Entscheidungsfindungsprozessen sind der größte Feind dieser unerwünschten, impliziten Machtstrukturen. Fehlt die Klarheit, werden die bestehenden Machtstrukturen und die, die davon profitieren, weiter gestärkt. So können zum Beispiel Erwachsene implizit mehr Macht haben als Kinder, was im Schulalltag einer Demokratischen Schule nicht erwünscht ist. Wie einer meiner Kollegen betonte: »Wenn ein Mitglied einer Schulgemeinschaft etwas verändern möchte und nicht weiß wie, weil es keine Klarheit darüber gibt, wo die Macht dafür liegt und wer sie innehat, dann wird er oder sie scheitern. Veränderungsprozess und Selbstermächtigung finden nicht statt.«

Ich kann nicht ausreichend betonen, wie wichtig eine sehr klare und sehr transparente Rechtsform und Organisationsform sind, um bewusst zu entscheiden, welche Art von Schule ihr gründen wollt. Das ist schwierig, da ihr nicht wissen könnt, welche Rechts- und Organisationsform am besten geeignet sind, bis die Schulgemeinschaft aufgebaut ist und läuft. Ihr habt drei Möglichkeiten a) Sprecht mit Menschen von anderen Demokratischen Schulen und übernehmt deren bestehende Rechts- und Organisationsformen, b) Sprecht mit Menschen von anderen Demokratischen Schulen und nutzt ihren Rat, um herauszufinden, wie diese Rechts- und Organisationsformen aussehen könnten oder c) Improvisiert und riskiert viel Schaden an den Kindern in eurer Obhut und der gesamten Bewegung der Demokratischen Bildung.

Damit verbundene Lektionen: Ein weiser Mann sagte mal zu mir: »Rede einfach mit den Leuten«. Scheut euch nicht, jemandem eine E-Mail zu schreiben, anzurufen, Kaffee trinken zu gehen. Erzählt eure Geschichte und fragt um Rat. Menschen sind häufig äußerst großzügig mit ihrer Zeit, wenn es darum geht, anderen zu helfen, vor allem, wenn sie von ihrer Idee begeistert sind. Scheut euch vor allem nicht, Menschen anzusprechen, die bereits Demokratische Schulen gegründet haben (so wie mich). Wie niemand sonst verstehen sie eure Situation.

Findet eine kritische Masse an Menschen, die die Philosophie leben

Eine Demokratische Schule lebt und stirbt mit ihrer Kultur. Die Rechts- und die Organisationsform mögen perfekt sein, aber sie verlieren ihre Bedeutung, wenn es niemanden in der Schule gibt, der ein klares Verständnis ihrer Philosophie hat und diese im Schulalltag zum Ausdruck bringt. Selbst wenn das der Fall ist, kann es schwierig werden. Manchmal wird die Frage nach einer kritischen Masse mehr zu einer Frage der Qualität denn der Quantität. Die meisten von uns sind in einer Kultur aufgewachsen, die von traditioneller Bildung und veralteten Vorstellungen vom Lernen geprägt ist. Es kostet viel Zeit, sich mit dem nötigen Paradigmenwechsel zu beschäftigen, um die Philosophie hinter Demokratischer Bildung wirklich zu verstehen und zu verinnerlichen. Ich glaube, das Sudbury-Modell ist dahingehend besonders schwierig.

In einer Gründungsgruppe kann die kritische Masse durch Diskussionen und gemeinsames Lernen und Leben demokratischer Strukturen gefunden werden.

Abschließend möchte ich sagen, dass dieser Artikel ohne das geteilte Wissen und die Einsichten erfahrener Menschen in der Demokratischen Bildung nicht möglich gewesen wäre. Ich darf sie Freunde nennen. Mein Dank geht an Peter Hartkamp, Ramin Farhangi und Robert Welti. Zusätzlich möchte ich den Teilnehmern eines von mir gegebenen Workshops zu diesem Thema bei der zweiten IDEC@INTERNET Online Open Space Konferenz danken, sowie Marko Koskinen, der diesen ermöglicht hat.

Zusätzliche Lektionen:

  • Ich habe nicht über Finanzen geschrieben. Wenn ihr viel Geld habt, macht das die Dinge einfacher. Aber auch wenn ihr wenig Geld habt (wie die meisten Gruppen), werdet ihr einen Weg finden, die Schule trotzdem zu eröffnen. Wenn ihr einfallsreich und engagiert genug seid. Meiner Erfahrung nach sind Finanzen kein Problem für engagierte Gruppen, tatsächlich sind sie oft eine unnötige Sorge und Ablenkung von den oben genannten Schritten. Ich sage nicht, dass ihr die Finanzen außer Acht lassen solltet. Das solltet ihr definitiv nicht. Ihr solltet euch aber auch nicht allzu viele Sorgen darum machen.
  • Ich habe es bereits gesagt, aber ich sage es noch einmal: Besucht bestehende Demokratische Schulen! ■

Aaron Keohane

hat die Sudbury Schule Paris mitgegründet und ist jetzt an der Gründung der Wicklow Sudbury School in Irland beteiligt. Er bloggt zum Thema Demokratische Schulen unter aaronkeohane.wordpress.com.