Ann Helena Neudek

Kinderseelenallein

Die Narben meiner Kindheit und wie ich ins Leben fand

Patmos, ISBN: 978-3-8436-0728-5, 19,99 Euro

K inderseelenallein von Ann Helena Neudek ist 2016 im Patmos-Verlag erschienen. Neudek schildert in der gut 200 Seiten starken Ich-Erzählung ihre Geschichte, die Geschichte eines von beiden Elternteilen über viele Jahre geschlagenen und gedemütigten Kindes. Weitere Protagonisten sind ihre Eltern, ihr Ehemann und Liebe ihres Lebens Adrian, Bonustochter Lotta, Anns in jüngerer Vergangenheit bei einem Unfall ums Leben gekommene Schwester Ida und am Rande ihr Bruder Felix, der als Nachzügler extrem umhegt und umsorgt wird und eine völlig andere Kindheit erlebt als seine Schwestern. Nach außen die perfekte Familie, herrscht innen eine völlig andere Welt mit täglichen Schlägen, Drohungen und Demütigungen. Überforderte Eltern, gefangen in übersteigerten Moralvorstellungen der Kleinstadt, die selbst geschlagen wurden und nun Täter sind. Der Vater, der seine Anspannung vor seinen beruflichen Reden und Auftritten in Schlägen entleert; die Mutter, für die Kinder einfach dazugehören und die einmal sagte »hätte ich gewusst, dass man eine Ehe auch ohne Kinder führen kann, hätte ich es getan.« Auch in der Beziehung zur Schwester gab es lange nur gelernte Entwertung, nur stumme Gewalt. Die Entwertung durch die Eltern kommt auch immer wieder in Form von Drohungen und Voraussagen vor. So hört Ann z. B. als sie als Jugendliche an einem Glas Rosé nippt und daran Geschmack findet: »Du wirst Alkoholikerin. Du hast die Anlagen dazu.« – für Ann »das nächste Brandmal«. Gleichzeitig berichtet Ann von einer großen Ambivalenz mit wiederkehrenden Liebesbeweisen, die aufgrund der Unverlässlichkeit ebenfalls schwer auszuhalten sind. Häufige wiederkehrende Krankheiten und Operationen sind in einer wie sich später herausstellte angeborenen Immunschwäche begründet, die sie selbst ohne eigene Kinder bleiben lässt und sie in der Kindheit schützt: »Ich wurde versorgt, nicht geschlagen. Ich war so gerne krank.« Das Martyrium endet im Außen mit dem »Nein« der großen Schwester, als Ann 15 Jahre alt ist: »Die Hand blieb in der Luft. Angehaltener Atem, angehaltene Zeit. Nie wieder, oder ich zeige Dich an! Es war vorbei.«

In Ann geht es jedoch weiter. Das Gefühl, nicht gewollt zu sein, böse, gebrandmarkt und schlecht zu sein, hat sie internalisiert, zieht sich lange durch ihr Leben. Ihr Mann ist ihr in der Verarbeitung ihrer Vergangenheit immer wieder Sparringspartner und stützt sie. Mit der Bonustochter kommen die Triggermomente – Ann erprobt »normale« Reaktionen und kann eine gute Beziehung zu Lotta aufbauen. Schließlich macht Ann eine Therapie. In diesem Kontext erfährt sie über ihre Hochbegabung, welche sich schließlich bestätigt. Das löst den Knoten, dass Ann sich immer arrogant, böse, falsch fühlt. Damit gelingt es Ann, Frieden mit ihren Eltern und ihrer Vergangenheit zu schließen.

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