Die Geschichte des Kindergartens von den Anfängen bis heute

Institutionalisierte Kleinkinderziehung ist kein neues Phänomen. Wie ist sie entstanden? Welche relevante Persönlichkeiten haben den Verlauf der Entwicklungen und Geschichte der Kleinkindbetreuung maßgeblich beeinflusst? Ein Überblick vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Patrizia Bartl

Ist heute von Kindern die Rede, so ist damit eine bestimmte Personengruppe definierten Alters gemeint, die besonderer Formen der Pflege, des Schutzes und Zuwendung bedarf. In diesem Zusammenhang wird weiter von bestimmten Vorstellungen des Begriffes »Kindheit« ausgegangen, welche weder selbstverständlich und allgemeingültig sind, noch überzeitliche Geltung aufweisen.

Zum historischen Kontext und der »Entdeckung« der Kindheit

Ein Verständnis von »Kindheit« ist stets vom jeweiligen geschichtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Nexus geprägt. Der französische Historiker Philippe Ariés legte in seinem Hauptwerk Die Geschichte der Kindheit (1960, dt. 1975) dar, wie sich erst allmählich ein Bewusstsein für Kindheit entwickelte. Im Mittelalter bestand ein solches Bewusstsein für Kindheit als einem besonderen Lebensabschnitt noch nicht. Kinder trugen dieselbe Kleidung wie Erwachsene, nur kleiner versteht sich. Nachdem sich ein Kind sprachlich verständlich machen und laufen konnte, war es in die Erwachsenenwelt integriert und nahm an den Tätigkeiten und Arbeiten der Erwachsenen teil. Es gab demnach keinen Schonraum und keine Sonderstellung für Kinder, wie sie uns hierzulande heute als selbstverständlich erscheinen.

Kinder sind seit jeher in der Herkunftsfamilie aufgewachsen und wurden von Eltern und/oder nahen Verwandten erzogen. Indem sie jene Erwachsenen bei ihrer täglichen Arbeit beobachteten und ihnen mehr und mehr zur Hand gingen, lernten sie wichtige Dinge für das spätere Leben. Bauern nahmen bereits Säuglinge – in Wickelkissen eingeschnürt – mit aufs Feld, wohingegen Adelige und teilweise auch Angehörige des städtischen Bürgertums ihre Kinder zu Ammen gaben und diese erst, nachdem sie nicht mehr gestillt wurden, wieder ins Elternhaus zurückkamen. Der sechste Geburtstag stellte auch damals schon eine wichtige Zäsur dar. War dem Kind ein Leben als Knecht, Magd oder Bauer vorbestimmt, verließ es oft bereits in diesem Alter die eigene Familie, um anderswo auf einem Hof Gesindedienst zu verrichten. Handelte es sich hingegen um ein Kind, welchem die Laufbahn eines Klerikers vorbestimmt war, wurde es mit sechs Jahren in eine – seit dem Mittelalter bestehende, als Internat geführte – Klosterschule gegeben. Kinder des Bürgertums besuchten ab dem sechsten Lebensjahr eine städtische Elementarschule.

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