Die etwas anderen Kitas

Kinderläden oder Elterninitiativen gibt es seit einem halben Jahrhundert. Der revolutionäre Schwung ist ein wenig dahin, aber es gibt für Eltern und Erzieherinnen viele gute Gründe, sich auf das Wagnis des Selbermachens einzulassen. Die Kinder profitieren davon sowieso.

Roland Kern

Seit fast 50 Jahren gibt es die alternative Ecke in der bundesdeutschen Kitalandschaft: Kinder- und Schülerläden, Elterninitiativen, Eltern-Kind-Gruppen oder Eltern-Kind-Initiativen, mitunter auch Erzieher-(Eltern-)Initiativen. Die Bezeichnungen sind regional unterschiedlich und die konkrete Ausformung immer wieder erkennbar von landesgesetzlichen Regelungen geprägt. Die grundlegende Struktur ist jedoch überall ähnlich: Eltern und Pädagogen betreiben gemeinsam und selbstverwaltet eine kleine überschaubare Kinderbetreuungseinrichtung. Im folgenden Text werden die Begriffe Kinderladen und Elterninitiative deshalb fröhlich wechselnd und gleichermaßen synonym für das Gesamtphänomen verwendet.

Die ersten Kinderläden wurden im Umfeld der 68er-Bewegung gegründet. Sie sollten einen Gegenpol bilden zur zeitgenössischen autoritär geprägten Kindergartenpädagogik, Kinder »zum Ungehorsam erziehen« und nicht zuletzt den Frauen in der Studentenbewegung das eigene politische Engagement ermöglichen. So lässt sich schon zu Beginn der Kinderladenbewegung der Spagat zwischen inhaltlichem Anspruch und Dienstleistungsfunktion entdecken, dem sich Elterninitiativen auch heute noch ausgesetzt sehen.

Mit der westdeutschen Alternativbewegung breiteten sich in den 70er und 80er Jahren Kinderläden über die ganze Bundesrepublik aus. Und hießen ab jetzt häufig Elterninitiativen. Weiterhin war der Wunsch nach einem inhaltlich und strukturell anders gestalteten Zusammensein von Erwachsenen und Kindern die hauptsächliche Triebfeder der sich in den Initiativen engagierenden Eltern und Pädagogen. Gleichzeitig entdeckten die Kommunen immer mal wieder, dass die Elterninitiativen unschlagbar schnell und preiswert für dringend benötigte Betreuungsplätze sorgen konnten. Auch fanden sich die ersten 68er beim Marsch durch die Institutionen in den Büros der Jugendämter wieder und wurden zum Türöffner für die Initiativen. So wurden Elterninitiativen zum – oft belächelten und mitunter von Augenrollen begleiteten – Teil der deutschen Kitalandschaft.

Heute gibt es in ganz Deutschland mehrere Tausend dieser Initiativen und weiterhin kommen neue hinzu. Der Kinderladen bewahrt seine Attraktivität also auch für heutige Eltern- und Erziehergenerationen. Ist er eine der hartnäckigsten institutionellen Hinterlassenschaften der 68er oder handelt es sich um bösen Etikettenschwindel? Und was treibt heute noch Eltern und Erzieherinnen an, sich den Mühen der Selbstverwaltung auszusetzen? Und was ist die Kehrseite der Medaille?

Artikel weiterlesen?

Kauf die aktuelle Ausgabe oder schließ ein Abo ab, um alle Ausgaben zu lesen.

Du bist bereits Abonnent oder hast das Heft gekauft und besitzt ein Benutzerkonto?