Eingewöhnung: Wann, wie, wo? Wieso, weshalb, warum?

Wunsch und Wirklichkeit klaffen nicht selten weit auseinander, wenn es zur Eingewöhnung eines Kindes in den Kindergarten kommt. Warum ist das so? Was verhindert ein sanftes und bedürfnisorientiertes Ankommen in Kindereinrichtungen?

Angelika Mauel

Der Duden nennt in seiner Bedeutungsübersicht zum Verb »eingewöhnen« zwei Beispiele: »Ein Tier im Zoo eingewöhnen« und »Ein Kind in der Kita eingewöhnen«. Assoziiert man, dass die erste Eingewöhnung eines Kindes in eine Institution gegen dessen Willen erfolgt, dann haftet dem Begriff etwas Zwanghaftes und Un heim liches an. An etwas Vertrautes wie das eigene Heim müsste ein Kind sich nicht gewöhnen. Sich an etwas Angenehmes zu gewöhnen bereitet jedoch Freude, gilt als kinderleicht oder unter Kindern sogar als »babyleicht« …

In den Gruppen erlebt man es immer wieder: Jüngere Geschwister von Krippen- oder Kindergartenkindern möchten am liebsten das XXL-Spielzimmer, in dem es so viel zu entdecken gibt, gar nicht mehr verlassen. Bei Kindergartenneulingen, die bereits gemeinsam bei einer Tagesmutter waren, fällt angenehm auf, wie unkompliziert sie sich an den Alltag in einer wesentlich größeren Kindergruppe gewöhnen können und neu aufgenommene Kinder ohne nennenswerte Vorerfahrungen als Gruppenmitglied erfreuen sich daran, draußen quer über eine große Fläche zu rennen oder sich von großen, starken Kindern in einem »Taxi« fahren zu lassen. Gerade weil viele Kinder Einzelkinder sind, keinen eigenen Garten daheim haben und manche in beengten Wohnverhältnissen leben, gefällt es ihnen dort, wo andere Kinder sind und ihnen Attraktionen und bisher nicht gekannte Freiheiten geboten werden: ein Garten mit Rutschbahn und Klettergerüsten, ganz viele Miniklos und niedrige Waschbecken! Wenn das Wasser aufhört zu fließen, drückt man einfach noch mal und noch mal und hat Spaß dabei. Lange Flure, neue Lieder, neue Spiele und Erzieherinnen, die im Stuhlkreis Quatsch machen.

Zu Beginn ihrer Kindergartenzeit sind viele Kinder nicht nur phasenweise ängstlich und traurig, sondern auch fasziniert, neugierig, begeistert, verunsichert und immer wieder aufs Neue tapfer und mutig. Wenn Eltern und Erzieherinnen von Kindern nichts erwarten, was sie überfordert, muss der Beginn der Kindergartenzeit keine außergewöhnlich tränenreiche Zeit sein.

Wenn das Wörtchen »wenn« nicht wär

»Manchmal haben die Krippenbetreuerinnen auf jedem Arm ein Kleinkind und noch dazu einen Säugling auf die Brust geschnallt. An ihrem Rockzipfel hängen dann noch mal drei Kleinkinder«, so die Kindergartenleiterin einer Dresdener Kita am 14.9.2015 gegenüber »Dresdener Neueste Nachrichten«.

Das klingt unglaublich, aber die Routinen, mit denen Erzieherinnen die Kinderbetreuung unter Personalmangel »stemmen« sind unterschiedlich und durchaus manchmal fragwürdig. Schräg auf einem Regal sitzend hält eine Erzieherin ein Einjähriges auf dem Arm und lässt mit einem Fuß wie mechanisch einen Kinderwagen wippen, damit ein Baby einschläft. Etwas entfernt, liegt ihr Bezugskind in einem Körbchen. Sie hat sein Fläschchen zwischen Handtüchern festgekeilt, damit es ohne Hilfe trinken kann. Weitere Kinder werden von ihr allein ruhig und gelassen beaufsichtigt. Eine zweite Kraft hat an diesem Tag viel im Wickelraum zu tun. Die Praktikantin ist krank und fehlt.

In der so genannten »Bodenzeit« rutschen Erzieherinnen entweder bevorzugt mit dem Po oder mit ihren Knien über den Teppichboden eines Spielbereichs. Ihre Jeans weisen mit der Zeit entsprechende Verschleißspuren auf. Was für die Kinder schade ist: Wenn im Team von Erzieherinnen beschlossen wurde, sich mit Rücksicht auf Rückenprobleme nur auf dem Boden sitzend, hockend oder kniend umarmen zu lassen. Wandert eine Erzieherin mit einem trostbedürftigen Kind auf dem Arm auf und ab, lassen Kinder sich besonders gut beruhigen, wenn ein wiegender Gang an den einer Schwangeren erinnert.

Keine Bildung ohne Bindung

Damit Kleinkinder von einer frühen Fremdbetreuung profitieren können, müssen innerhalb jeder Betreuungsform ihre spezifischen Bedürfnisse, die sich von denen älterer Kinder unterscheiden, in einem besonders hohen Maß erkannt und erfüllt werden. Einem Fünfjährigen reicht ein Pflaster, eine Dreijährige lässt sich von einer Vierjährigen trösten aber ein Kleinkind braucht in jeder Krise einen verlässlichen Erwachsenen. Jemand, der zumindest fast so gut wie Mama oder Papa trösten kann.

Innerhalb von nur wenigen Jahren haben von Wissenschaftlern entwickelte sogenannte »Eingewöhnungsmodelle« dazu geführt, dass Erzieherinnen sich intensiv Gedanken um die Kooperation mit den Eltern im Rahmen der Eingewöhnung machen. Ziel ist es nicht, zu verhindern, dass Kinder weinen, es geht vielmehr darum, dass Kinder sich an eine Erzieherin binden können. Für jedes neu aufgenommene Kind wird vorab besprochen, wer sich als sogenannte »Bezugserzieherin« besonders feinfühlig um es kümmern soll und Ansprechpartnerin für die Eltern ist. Im Idealfall soll eine Erzieherin nur ein Kind pro Woche als Bezugskind zu betreuen haben, nicht in der Eingewöhnungszeit krank werden, sich in der Phase nicht parfümieren oder ihre Frisur verändern und überhaupt alles tun, um sein Vertrauen und das seiner Eltern zu erlangen. Zeigt ein Kind jedoch eine besondere Vorliebe für eine andere Erzieherin, wird man sich im Team darum bemühen das zu berücksichtigen. Bindung lässt sich nicht erzwingen.

Da der Krankenstand in den Einrichtungen zum Teil erschreckend hoch ist und Praktikanten und Teilzeitkräfte mit geringer Stundenzahl nicht als Bezugserzieherinnen in Betracht kommen, weicht die Realität regelmäßig vom Wünschenswerten ab. Vermutlich deshalb gab es sogar einen Versuch, den Begriff »Tandemeingewöhnung« für eine Eingewöhnung eines Kindes durch zwei Erzieherinnen zu etablieren. Als ob Erzieherinnen sich nicht auch ohne die Schaffung spezieller Worthülsen absprechen würden!

Über ein Forschungsprojekt der Universität Berlin wurde bereits in den 80er Jahren festgestellt, dass der Verzicht auf eine behutsame Eingewöhnung negative Auswirkungen hatte. In den ersten sieben Monaten nach Aufnahme eines Kindes ohne die Begleitung eines Elternteils waren diese Kinder bis zu vier Mal länger krank als die Kinder, deren Eingewöhnung anhand einer Orientierung an den von Wissenschaftlern benannten Phasen stattfand. Auch hieß es, dass eingewöhnte Kinder einen höheren Entwicklungsstand aufwiesen als nicht eingewöhnte Kinder und dass es bei den erstgenannten zu weniger Irritationen in ihren Bindungsbeziehungen gekommen sei. Insbesondere die unter Zweijährigen profitierten von einer Eingewöhnung.

Doch während es früher oftmals die Erzieherinnen waren, die Eltern dazu drängten, ihr Kind und den Gruppenraum zügig zu verlassen, scheitert heute manche Eingewöhnungen an der mangelnden Bereitschaft einiger Eltern, sich Zeit für die Kooperation mit dem Kindergarten zum Wohl ihres Kindes zu nehmen. Mal wurde das Konzept der Einrichtung nicht gelesen, mal fand aus Zeitmangel kein Eingewöhnungsgespräch statt, in welchem den Eltern der Sinn und die oben genannten Vorteile erläutert wurden. Verlassen Eltern während eines Trennungsversuchs in der verabredeten Stunde der Abwesenheit die Einrichtung, kann es sein, dass einige erst mit erheblicher Verspätung zurückkehren. Dabei ist die Verlässlichkeit der Eltern wichtig! Unabhängig davon, ob ein Kind zufrieden spielt oder sehnsüchtig auf die Rückkehr der Eltern wartet, soll es erleben, dass seine Eltern wie versprochen zu ihm zurückkommen.

Im Idealfall hat der Bezugserzieher ausreichend Zeit, um ein neues Kind im Kindergarten beim Eingewöhnen zu begleiten.

Sofern nach einer verspäteten Rückkehr kein Kind in Tränen aufgelöst ist, werden Erzieherinnen oftmals nicht ernst genommen, wenn sie sich über die Nichteinhaltung einer Absprache beklagen. Selbst Eltern, die ihr Kind schon früh von einer Tagesmutter oder Kinderfrau oder von wechselnden Aupairs betreuen ließen, meinen nicht selten, dass ihr in punkto Trennungen »erfahrenes« Kind keine Eingewöhnung brauche. Eltern wollen nicht »helikoptern« … Da sie für den Platz bezahlen, möchten sie die Öffnungszeit ungehindert in Anspruch nehmen.

Sophia (1,5), wollte erst mal von keinem aus dem Team berührt werden. Sie saß still und blass mitten im Raum auf dem Fußboden und ungefähr zwanzig Minuten, nachdem ihre Eltern fort waren, ging es los. Sie erbrach schwallartig eingedickte Pulvermilch. Bald, nachdem alles aufgewischt war, war sie immer noch blass, aber bereit, sich auf den Schoß einer Erzieherin zu setzen. Es war ihr egal, welche es war. Anschmiegsam wie andere Kinder war sie nicht. Das ging so über Wochen. Es war wohl ihre Art, zu zeigen, dass sie die Erzieherinnen zwar nicht abgelehnt hat, es aber zum Kotzen fand, dass sie da sein muss.

Selten wird eine Eingewöhnung abgebrochen und komplett neu begonnen. Die Erfahrung zeigt: Auch wenn es Kindern nicht gut geht, finden sie sich irgendwann ab, resignieren und ihre innere Not stört den Tagesablauf nicht mehr. Nicht jedes Problem lässt sich zur Zufriedenheit aller lösen. Eigentlich kann man »die Eingewöhnung« als einen anhaltenden Prozess der Gewöhnung an Umstände ansehen, die den Grundbedürfnissen von Kindern nicht gerecht werden. Der Alltag in Krippen und Kitas ist mit dem Leben auf einem Dorf nicht zu vergleichen.

Ein Alltagsgespräch

Köln, 18.11.2016: Im Stehimbiss erzählt eine stolze Hundebesitzerin, die ihren Golden Retriever immer wieder tätschelt, dass ihre Freundin, eine Kindergartenleiterin, sich bitter über die Zustände in dem von ihr geleiteten Kindergarten beklagt hat. »Sie hat gesagt, dass ihr vor allem die Einjährigen leidtun. Sie bleiben ganz lange einsam in ihren Gitterbetten, weil niemand Zeit für sie hat. Selbst die Windeln kriegen die Würmchen oft viel zu spät gewechselt. Unverantwortlich findet sie es. Sowas hat sie früher nicht erlebt.«

Würden »High-Tech-Windeln« mit den Geleinlagen nicht so effektiv Nässe von der Haut ableiten – das Betreuungssystem müsste unweigerlich zusammenbrechen. Diese Windeln können Kindern bis in die Kniekehlen hängen, ohne dass ein Kind zwangsläufig davon Hautprobleme bekommen müsste.

Auch wenn es im krassen Gegensatz zu dem steht, was Eltern in Anmeldegesprächen erzählt wird: Das, was in Kinderarztpraxen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder anderswo erzählt wird, kann stimmen.

Bewährte Eingewöhnungsmodelle

»Eine mindestens dreitägige Grundphase – Erster Trennungsversuch – Stabilisierungsphase – Schlussphase« heißt es nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell. Die kürzest mögliche Dauer einer Eingewöhnung soll drei Tage betragen können. Das erscheint unglaublich knapp bemessen für Eltern, die ihrem Kind signalisieren wollen, dass sie ihm »als sicherer Hafen« in einer fremden Umgebung und auch sonst stets verlässlich zur Verfügung stehen. Und Fachkräfte mögen zwar ihre Berufsrolle perfekt ausfüllen, aber ein Kind erwartet mehr als professionelles Gebaren. Echte Bindung sollte keine einseitige Angelegenheit sein. Üblicherweise dauern Eingewöhnungen darum auch länger.

Das Münchener Eingewöhnungmodell berücksichtigt wie das Berliner Eingewöhnungsmodell Erkenntnisse des wissenschaftlichen Projekts unter der Leitung von Prof. E. Kuno Beller und wurde ebenfalls in Theorie und Praxis weiterentwickelt. Es orientiert sich an der Reggio-Pädagogik und dem Bild vom kompetenten Kind. Entsprechend der Ausrichtung wird insbesondere auch die Kindergruppe aktiv in die Gestaltung der Eingewöhnung mit einbezogen. Nicht die Erwachsenen sind diejenigen, die ein Kind eingewöhnen, das Kind selbst ist es.

Eigentlich hört sich alles gut an. Für die Eingewöhnung, egal welches Modell maßgeblich gelten soll, wird besonders viel Zeit eingeplant. Freiraum für eigene Entscheidungen der Erzieherinnen ist im Hinblick auf die Individualität der Kinder wichtig und seine Nutzung wird sogar ausdrücklich für erforderlich gehalten. Doch gut gemeint, führt dennoch nicht dazu, dass jedes Kind sich selbst wirklich eingewöhnen will. Frei von Kooperationen der Erwachsenen, die manipulierend auf Kinder einwirken, geht es selten ab. Die Grenzen zwischen authentischer und vorgespielter Empathie der Erzieherinnen sind fließend.

Manchmal haben Kinder und Erwachsene einfach Glück, wenn alles rund läuft. Es ist weder ihr Verdienst noch der von Wissenschaftlern. Besser als jedes Modell sind im Alltag Kinder, die zeigen, dass sie gern in ihren Kindergarten gehen – und Erwachsene, die sich Zeit nehmen und anspruchsvoll genug sind, um ihre Gefühle und die ihres Kindes nicht zu ignorieren.

Es ist zu begrüßen, dass der Grundgedanke der oben genannten Eingewöhnungsmodelle, die übrigens kein striktes Einhalten von Fristen verlangen, heute zunehmend an Akzeptanz gewonnen hat. Selbstverständlich ist eine behutsame Eingewöhnung jedoch immer noch nicht. Sowohl innerhalb der Einrichtungen eines Trägers als auch innerhalb einer Krippe oder eines Kindergartens, kann es sein, dass Erzieherinnen mit ihrer pädagogischen Arbeit auf höchst verschiedene Weise von den wohlgesetzten Worten der Konzeptionen abweichen. Nicht von ungefähr bestehen Erzieherinnen, die ihr Kind in einem ihnen vertrauten Kindergarten unterbringen wollen, immer wieder darauf, dass es in einer bestimmten Gruppe betreut und auf gar keinen Fall von Kollegin X oder Kollege Y betreut werden darf.

Freiraum für eigene Entscheidungen der Erzieherinnen im Hinblick auf die Individualität des Kindes ist wichtig.

Die Frage, wie sehr Eingewöhnungsmodelle den Alltag in Krippen und Kitas prägen, ist schwer zu beantworten. Dort, wo in der Konzeption der Einrichtung steht, dass Kinder in Anlehnung an ein Modell behutsam eingewöhnt werden, kann es vorkommen, dass gleichwohl kein Eingewöhnungsgespräch angeboten wird. »Unsere Eltern wollen das eigentlich nicht. Deshalb machen wir das nicht mehr«, mag Eltern auf Nachfrage erklärt werden. Müssen unter Personalmangel gleich mehrere Kinder gleichzeitig eingewöhnt werden, arbeiten Erzieherinnen weniger strukturiert nach einem Plan, sondern spontan so gut sie können. Doch das, was sie einmal gelernt und für gut befunden haben, prägt auch weiterhin ihre pädagogische Arbeit. Was in Konzeptionen steht, ist meist weniger bedeutsam und entspricht längst nicht immer den Überzeugungen der Erzieherinnen. Manche besonders gut formulierte Arbeit wurde von Externen zu Papier gebracht. Offiziell wurde sie mit einem Team entwickelt. Das Ghostwriten für Erzieherinnen hat Hochkonjunktur. Vieles wird systematisch beschönigt.

Andere halten dagegen …

Die dunkle Seite der Kindheit

Vor Jahren waren Eltern schockiert, als sie erfuhren, dass im Blut von Krippenkindern ein besorgniserregende Fehlregulation im Tagesprofil des Stresshormons Cortisol zu verzeichnen war. Besonders hoch soll der Cortisolspiegel am Freitag, also nach einem mehrtägigen Besuch einer Einrichtung gewesen sein. Der Artikel des Bielefelder Pädiaters Dr. Rainer Böhm sorgte für kontroverse Diskussionen. Es wäre kein Wunder, dass Kinder gestresst wären, wenn ihnen regelmäßig Blut abgenommen würde. Tatsächlich solle es ausreichen, wenn nur der Speichel der Kinder untersucht wird. Unter Endokrinologen sind Speicheltests umstritten.

Wichtiger als der Blick auf Laborbefunde und Berichte ist für Eltern der Blick auf das eigene Kind und Unvoreingenommenheit gegenüber Ideologien. Es kann sein, dass der zweieinhalbjährige Sohn einer Anthroposophin, für den eigentlich erst ein Kindergartenplatz ab vier in einem Waldorfkindergarten mit langer Wartezeit vorgesehen war, gern und ohne Probleme in eine städtische Kita mit einem Konzept geht, das alles andere als beeindruckend ist. Dieser Kindergarten an der Bushaltestelle hatte es ihm angetan. Irgendwann war klar, dass er auf der anderen Seite des Zauns sein wollte. Umgekehrt kann eine engagierte Feministin damit konfrontiert werden, dass ausgerechnet ihre Tochter ihr wie eine Zecke am Bein klebt. Die Eingewöhnung zieht sich. Es ist schrecklich, nachts hat das Mädchen Alpträume, tagsüber verfolgt sie ihre Mutter auf Schritt und Tritt und will sie nicht mal mehr allein aufs Klo gehen lassen. Ein Phänomen, das Erzieherinnen kennen. Manche lassen es zu, dass Kinder vor der Personaltoilette auf sie warten.

Nachdem die erste, für die Tochter vorgesehene »Bezugserzieherin« keinen Kontakt zu ihr herstellen konnte, gibt eine andere ihr Bestes, aber das Mädchen kneift ihre Augen fest zu, sobald die »Reservebezugserzieherin« auf sie zukommt. Nun behaupten zwei Fachkräfte, ihre Mutter sei nicht bereit, loszulassen … Was Erzieherinnen eher selten zugeben: Ein Kind hat es geschafft, alle ratlos zu machen. Nur es selbst weiß, was es will: Nicht in diese Kita!

In einem Interview aus dem Jahr 2007 bekannte der Psychologe und Krippenbefürworter Wassilios Fthenakis gegenüber der taz, dass er seinen Sohn aus der Krippe genommen hat, nachdem er gesehen hat, wie dieser reagierte. »Ich empfehle den Eltern, das Kind erst ab 18 Monaten in eine Einrichtung zu bringen. Vorher sollte es aber viel Kontakt mit Gleichaltrigen haben, etwa in Spielgruppen.«

Heute ist es nicht mehr so einfach, wie vor zehn Jahren, auf Spielplätzen und in Spielgruppen andere Kinder kennenzulernen. In den Räumen, in denen sich früher Spielgruppen trafen, wurden im Zuge des Betreuungsplatzausbaus Krippengruppen eingerichtet … Spielplätze wurden geschlossen. Andere sind verdreckt und verödet.

Vor dem Buchen steht das Suchen

Vor allem wenn es die Betreuung der unter Zweijährigen betrifft, gehen Eltern viele Fragen durch den Kopf: Was kann ihr Kind verkraften? Was tut ihrem Kind seelisch gut?

Tagesmutter oder Tagesvater? Oder wäre eine Betreuung in der noch relativ unbekannten Großtagespflege das Beste? Oder lieber doch eine Krippe oder eine Kita ohne besonderes Konzept, in der keine Selbstständigen sondern fest angestellte Fachkräfte, die einander gegenseitig kontrollieren können, für die Kinder zuständig sind … In vielen Köpfen herrscht noch die Angst vor, in der Tagespflege würden labile Alkoholiker Kinder einfach vors Fernsehen setzen. Doch von unrühmlichen Ausnahmen abgesehen, haben Eltern die Chance, gerade in der Tagespflege auf Idealisten zu treffen. Zahlreiche Kinderpflegerinnen, Erzieherinnen und Sozialpädagogen betreuen beispielsweise neben den nur kurz geschulten Kräften in der Tagespflege Kinder, weil es ihnen lieber ist, ihr eigenes Kind nicht so früh in eine Institution zu bringen und sie es dennoch mit anderen Kindern spielen lassen wollen. Lieber nur das mickrige Honorar einer Tagesmutter als eine konventionelle Berufstätigkeit zu Lasten des eigenen Kindes. Die noch bestehenden Freiheiten der Tagespflege werden geschätzt. Kinder werden nicht wie in den Institutionen nach Liste aufgenommen, sondern die in der Tagespflege Tätigen können vieles selbst bestimmen. Möchten sie weniger als fünf Kinder betreuen? Es ist möglich. Auch die Anzahl der Stunden und auch welches Kind zur Betreuung angenommen wird, kann sie selbst entscheiden. Einer ehemaligen Erzieherin schwebt vor, ein behindertes Kind zuerst zwei Tage pro Woche und später drei Tage pro Woche halbtags mit ihrem Sohn zu betreuen. Eine andere möchte aus finanziellen Gründen eigentlich gern drei Kinder zusätzlich zum eigenen betreuen. Weil sie jedoch den Eindruck hatte, dass die Chemie zwischen ihr und einem Elternpaar nicht stimmte, hat sie es dabei belassen, »nur« zwei Kinder als Tageskinder bis maximal 15.00 Uhr anzunehmen.

So wie es Vorzeigekitas und so genannte Horrorkitas gibt, gibt es selbstverständlich auch in der Tagespflege qualitativ erhebliche Unterschiede. Auf Spielplätzen fallen kritischen Eltern jene Tagespflegepersonen unangenehm auf, die immer wieder Kinder entweder extrem betüdeln oder aber anraunzen. Das Jugendamt vermittelte … Wie viel Vertrauen verdient das zuständige Jugendamt?

Wie unterscheiden sich eigentlich Tagesmütter von Erzieherinnen, die ebenfalls mit unter Dreijährigen auf öffentliche Spielplätze ziehen? Den Erzieherinnen merkt man ihre lange Ausbildung im Umgang mit den Kindern nicht unbedingt an. Man könnte sie sowohl mit Müttern als auch mit Tagesmüttern verwechseln. Manchmal rauchen alle gemeinsam auf dem Spielplatz eine Zigarette, die Kinder immer im Blick. Das finden die Kinder normal. Sie kennen es nicht anders und es ist unwahrscheinlich, dass sie daheim davon erzählen. Und wenn schon! Eltern wagen es kaum noch, derartige Vorfälle zu beanstanden. Der Mangel an Kinderbetreuerinnen ist groß. Hat ein Kind sich einmal an seine Betreuerin gewöhnt, könnten ihm der Abschied und die Gewöhnung an eine Nachfolgerin schwerfallen. Und ob eine Neue besser fürs Kind wäre, steht nicht fest.

Die Tagespflege wird zunehmend zur anerkannten Alternative zur Kita.

Stünde die Suche nach einer neuen Erzieherin an, wird es noch schwieriger. Es herrscht Erziehermangel. Fachkräfte können sich ihre Stellen aussuchen, bald schwanger werden und ein Beschäftigungsverbot erhalten, umziehen oder kündigen. Erschwerend für Einrichtungen mit unattraktiven Gebäuden und fehlenden Außenanlagen: Mehrgeschossige Kitas und vor allen Kindergärten ohne Garten kommen nicht für alle Fachkräfte als Arbeitsort in Frage. Eltern müssen zudem damit rechnen, dass in einer Einrichtung, ohne einen attraktiven Garten das Personal besonders häufig wechselt, denn wenn Kinder sich allzu lange in geschlossenen Räumen aufhalten müssen, ist der Geräuschpegel schwerer zu ertragen. Doch auch wenn die Elternschaft als zu anstrengend empfunden wird oder die Mieten zu hoch, stimmen Erzieherinnen schon mal mit den Füßen ab.

Behutsame Eingewöhnung? Es kann sein, dass sich ein Kind an mehrere Wechsel seiner Bezugserzieherinnen und seiner Erzieherinnen gewöhnen muss.

Arbeit, Arbeit über alles …

Junge Erwachsene mit mehreren Handyverträgen können sich kaum noch vorstellen, wie unerreichbar ihre Eltern – und vor allem ihre Großeltern nach dem Ende ihrer Arbeit für ihre Arbeitgeber waren. Zwar wurde zunächst länger gearbeitet, doch dann trug ein jahrzehntelanges Engagement der Gewerkschaften Früchte. Die Arbeitszeiten wurden abgesenkt und ein Ziel wurde erreicht: »Samstags gehört Vati mir!«

Heute geht der Trend wieder in die andere Richtung. Wollen oder müssen Mütter und Väter für ihre Arbeitgeber nahezu ständig erreichbar sein? Inwieweit werden Betriebskitas und die von Startups propagierten »Mini-Kitas« (an die Tagespflege angelehnte Betreuungsmodelle, für die nicht alle Vorschriften gelten, die für den Betrieb eines Kindergartens erfüllt sein müssen) besondere Lösungen anbieten, die Eltern eine Erwerbstätigkeit in Vollzeit inklusive Schichtdienst ermöglichen? Welche Vorteile hat es, wenn ein Kind in unmittelbarer Nähe zur Arbeitsstelle betreut wird? Eine halbe Stunde länger schlafen und schnelle Erreichbarkeit, wenn es dem Kind nicht gutgeht. Insbesondere wenn es um Babys geht, schätzen Eltern es, notfalls schnell beim Kind sein zu können. Andererseits könnten Eltern sich auch unter Druck gesetzt fühlen: Wenn der eigene Arbeitgeber schon Betreuungsplätze mit flexiblen Öffnungszeiten – oder eine 24-Stunden-Kita anbietet – wird dann nicht erwartet, dass dieses Angebot von den Angestellten für ihr Kind in Anspruch genommen wird? Sollen Kindergärten, die nach Maria Montessori, Reggio oder einem neuen, innovativen Konzept Kinder betreuen, deshalb »aus dem Rennen sein«?

Müssen Eltern nicht sowieso nehmen, was sie kriegen können? Seit Jahren besteht Betreuungsplatzmangel. »Mütter ziehen mit frischer Kaiserschnittnarbe von Kita zu Kita« hieß es 2015 in einem Artikel der Welt. Haben sich Mütter das wirklich angetan?

Immer wieder erkundigen sich Eltern eingehend nach den Schließtagen der Einrichtung. Krankentage von Kindern wurden in Bayern, wie ein Artikel von Felicitas Macketanz aufzeigt, bemerkenswert selten in Anspruch genommen. Obwohl jedem Elternteil zehn und Alleinerziehenden zwanzig Fehltage pro Kind zustehen, blieben Eltern nach Angaben der AOK Bayern im Schnitt nur 2,4 Tage zu Hause! Dass der tatsächliche Krankenstand der Kindergartenkinder in allen Bundesländern wesentlich höher liegt, ist allgemein bekannt.

Die Angaben darüber, wie viele Infekte pro Jahr für ein Kindergartenkind »normal« wären, schwanken und tendieren nach oben. Mal hieß es, sechs bis acht Infekte, dann acht bis zehn oder elf oder noch mehr. Eltern ziehen es vor, ihr Kind mit einer schmerzhaften Mittelohrentzündung lieber erst am Wochenende in der Notfallambulanz eines Krankenhauses vorzustellen, nur um keinen Fehltag auf der Arbeit zu riskieren. Lieber eine eigene Krankheit vortäuschen, als zu sagen »Mein Kind ist krank. Ich will, muss und werde deshalb daheim bleiben.«

Es dürften keine teuren Studien nötig sein, um zu der schnöden Feststellung zu kommen, dass Kinder erheblich gesünder heranwachsen könnten, wenn sie in ihren Krippen und Kitas unter grundsätzlich verbesserten Rahmenbedingungen betreut würden. In der feucht-warmen Luft eines Gruppenraumes, in dem oft weniger als 3 und meist weniger als 4 qm Platz pro Kind vorgesehen sind, ist die Ansteckungsgefahr höher als im Außengelände oder in einem Waldkindergarten. Stress, weil Kindern Ruhe und emotionale Zuwendung fehlt, kann die Abwehr schwächen, wo ein Aufenthalt im Wald sie stärken würde, wie ein aktueller Artikel mit dem Titel Die Waldmedizin verdeutlicht.

Müssen Eltern nicht sowieso nehmen, was sie kriegen können?

Bis zu 18 Infekte im Jahr seien bei kleinen Kindern durchaus »normal«, betonte Heilpraktikerin Anja Rund vor Jahren gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger. Niemand kann Eltern zwingen, derartige Angaben zu glauben. Wenn kein Umdenken einsetzt, wenn Eltern nicht endlich anfangen, Ansprüche an die Betreuungsqualität zu stellen, wird die Anzahl der Infekte, die Kinder in einem »immunologischen Trainingslager« durchmachen wieder nach oben »korrigiert«. Schon jetzt klagen Erzieherinnen darüber, dass immer wieder Kinder krank in den Kindergarten gebracht oder auf einen Anruf hin nicht zügig abgeholt werden. Haben während des Familienurlaubs Kinder einen »Mini-Club« besucht, infizieren sich andere Kinder und ihre Erzieherinnen an »Mitbringseln«, die ihr Immunsystem noch nicht kannte … Beliebt in Krippen und Kitas sind bunte Plastikbällchenbäder. Gut zu reinigen sind sie nicht.

Honig im Kopf?

Bald wird es die ersten Kitas mit Krankenstatiönchen geben. Erweitere Öffnungszeiten und 24-Stunden-Kitas sind schon jetzt zur »Eingewöhnung« an ein ausuferndes Betreuungssystem im Angebot. Immer mehr bildende Angebote für Kinder… »Zukunftsfähig durch Bildung« sollen sie werden. Verpflichtende Ganztagsschulen sind geplant. Das Vokabular aus der Wirtschaft lässt schaudern. Soll ein dementer Opa – wie der von Dieter Hallervorden gespielte Amandus Rosenbach in Til Schweigers Film Honig im Kopf oder sollen die durch einen Unfall oder von Geburt an geistig behinderten Kinder – ausgerechnet jetzt, wo »Inklusion« gefordert wird – nicht »zukunftsfähig« sein?

Ist »zukunftsfähig« wer sich nach den Anforderungen der Wirtschaft »zurichten« lässt? Es ist bezeichnend, wie Druck von oben nach unten weitergegeben wird: Am Ende eines Fachbuchs mit dem Titel S chlafen in der Kinderkrippe gibt es ein kopierfreundliches Protokoll: »Einen günstigen Weckzeitpunkt ermitteln«. Diejenigen, die in der Ausbildung von Erzieherinnen etwas zu sagen haben, meinen Erzieherinnen beizubringen zu müssen, wie sie »auf Wunsch der Eltern« ein Kind aus dem Schlaf holen.

Wie wäre es, wenn sich Eltern und Erzieherinnen einmal gegenseitig »aufwecken«? ■

Angelika Mauel

wurde 1960 geboren, ist freie Autori n und ausgebildete Erzieherin.

Quellen

Miriam Harner: Wir brauchen die große Wut der Eltern! Dresdner Neue Nachrichten, 29. August 2015

Zum Berliner Eingewöhnungsmodell: www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_Braukhane_Knobeloch_2011.pdf

Zum Münchener Eingewöhnungsmodell: www.kindergartenpaedagogik.de/2348.html und www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_winner_2015.pdf

Ergänzend zu beiden Modellen (mit Kommentaren von Eltern und Erzieherinnen): www.erzieherin.de/eingewoehnung-modelle-und-rahmenbedingungen.html

Rainer Böhm: Die dunkle Seite der Kindheit. FAZ, 4. April 2012

Interview mit Wassilios Fthenakis: Kita erst ab 18 Monaten. Taz, 21. Februar 2007

Lea Bernsmann: Was übrig bleibt, ist ein Taschengeld. NWZonline, 7. Dezember 2016

Renate Faerber-Husemann: Samstags gehört Vati mir. Deutschlandfunk, 1. Mai 2004

Katharina James: Der verzweifelte Kampf um einen Kita-Platz. Welt, 16. Februar 2015

Felicitas Macketanz: Wenn Eltern ihre Kinder krank in die Kita schicken. Augsburger Allgemeine, 17. März 2016

Clemens G. Arvay: Die Waldmedizin. Psychologie heute, 12/2016

Angela Horstmann: Kölner Klima macht Atemwege krank . Kölner Stadtanzeiger, 7. Januar 2001

Zukunftsfähig durch Bildung – Die Qualifzierungsstudie für Deutschland. Studie von McKinsey & Co. im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung

Maren Kramer, Dorothee Gutknecht: Schlafen in der Kinderkrippe. Herder, 2016

Interview mit Daniel Siekaczek: In ganz Deutschland Mini-Kitas gründen. Zeit online, 12. Oktober 2016