Licht am Ende des Tunnels (Teil 3)

Die ersten beiden Teile der Reihe thematisierten die Probleme von Familien mit psychisch erkrankten Eltern, wie es den Kindern damit geht und wie sich mit ihnen über die Erkrankung sprechen lässt. Um mit betroffenen Kindern ins Gespräch zu kommen, können auch Bücher eine Hilfe sein. Welche gibt es?

Dr. Katja Rose

Bücher zum Thema gibt es für verschiedene Altersstufen. Die meisten von ihnen sind so ansprechend, dass die achtjährige Testleserin sie allein oder mit erwachsener Begleitung aus eigenem Antrieb las. Die meisten der Bücher erklären eine bestimmte Störung gut, entlasten die Kinder von der Idee, an der Erkrankung schuld zu sein, und beschreiben ein gutes Ende, bei dem das erkrankte Elternteil Hilfe bekommt. Sie enthalten spannende Geschichten und schöne Bilder, an denen viele Kinder Freude haben – egal ob ihre Eltern gesund oder krank sind. Auch erwachsene Betroffene, ob als selbst Erkrankte oder als Angehörige, können sich in den Büchern wiederfinden. Ein Manko ist, dass in fast allen Büchern nur Medikamente verschreibende Ärzte bei der Behandlung benannt werden. Wie es gesellschaftlichen Tabus entspricht, kommen Psychotherapeuten nicht vor, auch wenn sie für die Behandlung vieler psychischer Störungen nach dem aktuellen Forschungsstand die richtige Behandlung bereithalten. Medikamente sind unterstützend je nach Erkrankung sinnvoll, sollten aber bis auf wenige Ausnahmen nicht die einzige Behandlung darstellen.

Das Bilderbuch Eine Tütü-Torte für Elise erklärt Magersucht kindgerecht. Als einziges Buch für Kinder zu dieser Erkrankung wurde es hier aufgenommen, obwohl in dem Buch kein Elternteil, sondern eine Schwester an Magersucht leidet. Es wird für Kinder von fünf bis zehn Jahren empfohlen und erzählt einfühlsam die Geschichte zweier Schwestern, von denen die eine gern tanzt und die andere gern bäckt. Als die Tänzerin aufhört zu essen, gefährdet dies die Beziehung zur Bäckerin. Das Buch erklärt die Symptomatik der Magersucht und endet damit, dass die tanzende Schwester in der Klinik behandelt wird. Die Sprache ist kindgerecht und die Bilder ansprechend.

Bücher können Kinder von der Idee, an der Erkrankung schuld zu sein, entlasten.

Das Bilderbuch Mamas Monster für Kinder von drei bis sechs Jahren regte die Achtjährige Testleserin zu vielen Fragen an. Es erzählt von einer immer trauriger und antriebsloser werdenden Mutter, die sich schließlich ein Herz fasst, und ihrer kleinen Tochter von ihrer Depression erzählt, die sie selbst als ein Monster wahrnimmt. Auch der Vater spricht mit dem Mädchen. Die Mutter wird schließlich medikamentös behandelt und ist auf dem Weg der Besserung. Da das Mädchen einen kleinen Bruder hat, bietet das Buch auch eine Identifikationsfigur für Jungen. Die Ängste der Kinder sind gut beschrieben und einfühlsam bebildert.

Auch in Warum ist Mama traurig geht es um Depressionen. Das Buch spricht dieselbe Altersklasse an, wirkt aber durch die sehr einfachen Zeichnungen und den verhältnismäßig kurzen Text etwas naiver. Es hat keinen Festeinband und die handelnden Personen sind Schafe. Die alleinerziehende Schafmutter wird depressiv und die Oma eines Freundes der Schaftochter findet schließlich Worte für die Sorgen des Schafmädchens. Dieses wohnt während des Klinikaufenthaltes der Mutter bei diesem Freund, so dass auch hier Jungen und Mädchen angesprochen werden. Die große Schrift macht das Buch für Leseanfänger leicht lesbar, die Bilder vermitteln sehr schlicht und klar Stimmungen. Das Buch enthält neben der Schafgeschichte vier Seiten mit Informationen für Erwachsene, die dabei helfen, mit Kindern über psychische Krankheiten zu sprechen. Die Informationen sind hilfreich und dem Buch von Mattejat und Lisofsky entnommen.

In Papa Panda ist krank für dieselbe Altersklasse gibt es einen depressiven Vater. Das Bilderbuch handelt von einem depressiven Panda, der nicht mehr mit seinem Sohn toben mag, was diesen sehr traurig macht. Hier ist es die Mutter, die den Pandapapa zu einem Klinikaufenthalt drängt und mit den Kindern spricht. Zum Schluss wird der Papa in der Klinik behandelt und es geht ihm langsam besser. Die Akteure sind, bis auf die Pandamutter, alle männlich. Obwohl sie im Text an wechselnden Orten sind, sind sie immer im Bambuswald gemalt, wobei die Bilder niedlich und ansprechend sind. Für ein Bilderbuch hat das Buch viel Text.

Ein depressiver Zirkusartist und seine Tochter Nele stehen im Zentrum des Buches Papas Seele hat Schnupfen für Kinder von sechs bis acht Jahren. Einfühlsam wird erzählt, wie der große Hochseilartist plötzlich vor den Augen aller Zuschauer versagt – und wie er dann Hilfe bekommt und in die Klinik geht. Er kann zunächst nicht mehr arbeiten und betätigt sich im Zirkus als Koch. Seine ersten Versuche, wieder auf das Seil zu steigen, sind ein schönes Symbol für den schwierigen und von Rückschlägen begleiteten Heilungsprozess vieler psychischer Erkrankungen. Das Buch beinhaltet recht viel Text und eigenwillige ausdrucksstarke Bilder. Es thematisiert die mit der Erkrankung verbundene Scham, bietet jedoch keine Schuldentlastung für Kinder.

Um Depressionen und deren Auswirkungen geht es auch in Kirsten Boies Mit Kindern redet ja keiner für Kinder (und Erwachsene) ab acht Jahren. Das Buch beschreibt einfühlsam und aus der Sicht einer Neunjährigen, wie alleingelassen sich ein Kind fühlen kann, wenn die Mutter depressiv und der Vater abwesend ist. Dabei ist das Buch eine in wunderbarer Sprache geschriebene schöne Geschichte, die auch die Scham und Hilflosigkeit der Eltern thematisiert. Unterstützung kommt schließlich von der Mutter einer Freundin, deren Hilflosigkeit zwar deutlich spürbar wird, die aber ihre Sprachlosigkeit überwindet und die Not des Kindes sieht und anspricht. Aufgrund der Aufmachung und Bilderlosigkeit spricht dieses Buch vor allem ältere Kinder an.

Das Bilderbuch Mama, Mia und das Schleuderprogramm von Christiane Tilly und Anja Offermann versucht, die Borderline-Persönlichkeitsstörung kindgerecht zu erklären. Es richtet sich an Kinder zwischen sechs und acht Jahren. Darin wird ein Alltagsausschnitt erzählt, der nicht wirklich spannend ist. Die Figuren bleiben seltsam fern, die Sprache wirkt hölzern, Handlungen sind nur teilweise nachvollziehbar und erklärt wird wenig. Das Buch wurde hier aufgenommen, weil es das einzige Kinderbuch zu dieser Störung ist und weil das zentrale Bild der Gefühlswaschmaschine, die die Gefühle der Erkrankten durcheinanderwirbelt, gelungen ist und als Gesprächseinstieg dienen kann. Leider sind Selbstverletzungen mit Mama hat sich weh getan nicht gut und unzureichend beschrieben. Auch die knappen Informationen auf den letzten beiden Seiten machen die unzureichenden Erklärungen nicht wett. An Kinder zwischen acht und zwölf Jahren richtet sich Blumen für Pina zum Thema Heroinabhängigkeit. Dies ist das einzige Kinderbuch, das sich explizit Drogensucht widmet. Mit den naiv gemalten Bildern wirkt eher wie ein Kindergartenbuch, sprach aber die Textleserin an. Inhaltlich scheint es wenig gelungen: Die Geschichte über eine blumenliebende Mutter und ihre Tochter hat Logikfehler, ist wenig packend und endet kitschig auf einer Blumenwiese. Die Sprache ist ungelenk und etwas steif, insbesondere wenn die süchtige Mutter ihrer Tochter von ihrer Erkrankung erzählt. Die Erklärungen der Mutter wirken dadurch unglaubwürdig und sind auch zu knapp: Es findet weder eine Schuldentlastung des Kindes statt, noch gibt es eine Erklärung, wie es zur Sucht kommt. Die Heilung erfolgt wenig glaubwürdig allein durch Medikamente. Auch dieses Buch endet mit zwei knappen Informationsseiten.

Die Autorin Kirsten Boie hat in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Jutta Bauer und dem Hamburger Straßenmagazin Hinz und Kunzt mit Ein mittelschönes Leben ein Buch über Obdachlosigkeit geschrieben. Es erzählt die Geschichte eines Vaters der langsam immer depressiver wird und beginnt vermehrt Alkohol zu trinken. Als er sich von der Mutter seiner Kinder trennt und dann die Arbeit verliert, ist er damit so überfordert, dass er schließlich auch seine Wohnung verliert. Aus Scham sieht er seine Kinder danach nicht mehr. Im zweiten Teil des Buches beantworten Obdachlose von Kindern gestellte Fragen. Das Buch ist ein gelungener Einstieg ins Nachdenken darüber, wie Menschen obdachlos werden, auch wenn die häufigen Hinweise auf die tolle Arbeit von Straßenzeitungen etwas aufdringlich wirken.

Ich bin Loris passt insofern nicht in diesen Bücherreigen, als dass das Buch zwar Kindern zwischen fünf und sieben Jahren Autismus erklärt, es aber kein Elternteil ist, das unter dieser Störung leidet, sondern ein Kind. Der einfühlsame Text aus der Sicht eines autistischen Jungen kann trotzdem gut als Gesprächseinstieg dienen, wenn jemand einem Kind Autismus erklären möchte. Das Buch schildert einen Ausschnitt aus dem Alltag von Loris und stellt dessen Außenseiterposition mit sehr zurückhaltenden Bildern in Grautönen dar, aus denen Loris farbig heraussticht.

Da spricht man nicht drüber widmet sich dem schwierigen Thema Suizid. Der zwölfjährige Jakob leidet nicht nur unter dem Tod seines Vaters, sondern auch unter den Tuscheleien Bekannter und Verwandter und darunter, dass ihm zunächst niemand sagt, dass sein Vater sich das Leben genommen hat. Erst als die verbliebene Familie aus der Sprachlosigkeit herausfindet und Jakob wieder in Kontakt mit seinen Klassenkameraden kommt, geht es langsam bergauf. Das Buch bietet zwar keine Schuldentlastung für Kinder, greift das Thema Suizid aber einfühlsam und ansprechend auf – wenn Jakob sich zum Beispiel freut, sich nun endlich wieder mit seiner Schwester streiten zu dürfen. Es ist ansprechend bebildert und endet mit zwei Informationsseiten.

Um ins Gespräch zu kommen über die Erkrankung der Eltern, können Bücher gute Hilfe leisten.

Für Jugendliche bzw. Kinder ab ca. zwölf Jahren gibt es mit Nele im Nebel ein Buch, in dem es um das Leben mit einer psychisch kranken Mutter geht. Es ist die Geschichte von Nele, deren alleinerziehende Mutter sich immer wieder merkwürdig verhält und schließlich eines Tages einfach verschwunden ist. Nele kommt bei bislang unbekannten Verwandten unter und macht sich gemeinsam mit ihrem Onkel auf die Suche nach einer Erklärung für das, was mit der Mutter passiert ist. Das Buch ist einfühlsam geschrieben und sehr berührend, wenn auch leider stellenweise sprachlich etwas hölzern. Es erklärt wenig; die Erkrankung der Mutter und das Leben der Kinder in einer Wohngruppe werden eher am Rande erwähnt, aber es greift die Gefühlslage betroffener Kinder sehr authentisch und bewegend auf.

Annikas andere Welt für Kinder ab sechs Jahren widmet sich nicht einer Störung, sondern erklärt eine Vielzahl psychischer Störungen. Das broschierte Buch enthält im ersten Drittel Informationen für Kinder: Zuerst eine kurze Geschichte über Annika, der schließlich ein anderer Junge auf dem Spielplatz erklärt, was mit ihrer Mutter los ist und wo sie Hilfe bekommt. Das wirkt etwas unglaubwürdig, vor allem da es einen gesunden Vater gibt, der den Anstoß seines Sohnes braucht, um das zu tun, was nötig ist. Dann folgen Fachtexte für Kinder zu einer Vielzahl psychischer Erkrankungen und möglichen Hilfen. Diese Informationen sind sehr gelungen und bieten die passenden Worte für fast alles rund um die Psyche und ihre Erkrankungen. Im zweiten Drittel enthält das Buch Arbeitsblätter für Kinder, in denen es um Emotionen und eigene Stärken geht. Das letzte Drittel ist mit Informationen für Erwachsene, einem gelungenen Glossar und Werbung gefüllt. Die Informationen für Eltern scheinen gelungen; da das Buch in Österreich erschienen ist, passt aber nicht alles für Deutschland. Die Informationen für Fachleute sind zu knapp und teilweise banal. Befremdlich ist die Mischung der Anzeigen: Neben Fachkliniken finden sich dort Angebote, die esoterisch oder unseriös wirken. Das Buch ist sparsam bebildert und großenteils schwarz-weiß, was jüngere Kinder tendenziell wenig anspricht. Ein zweiter Band »Mein ganzes Jahr mit Annika«, leitet Kinder zum Tagebuchschreiben an. Kinder, die Arbeitsblätter mögen, werden damit auf ihre Kosten kommen. Für Lehrerinnen oder Erzieher, die Gruppen von Kindern aufklären möchten, ist es sicher eine Fundgrube.

Ebenfalls eine Vielzahl Störungen erklärt Sonnige Traurigtage , eines der ersten Kinderbücher über psychische Erkrankungen. Das dreiteilige Buch beginnt mit der reich bebilderten Geschichte von Mona, deren alleinerziehende Mutter Sonnig- und Traurigtage hat und sich an den Traurigtagen nicht um Mona kümmern kann. Die Geschichte ist einfühlsam erzählt. Darauf folgt ein Ratgeberteil für Kinder, der umfassend und kindgerecht aus Monas Sicht relevante Informationen über verschiedene Erkrankungen und den möglichen Umgang damit vermittelt. Besonders hilfreich sind dabei die Anregungen für Notfallpläne. Der letzte Teil mit Informationen richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Alle Teile sind sehr gelungen.

Ganz ähnlich aufgebaut ist Flaschenpost nach irgendwo von der gleichen Autorin für dieselbe Altersklasse (acht bis zehn Jahre). Es beginnt mit der ansprechenden Geschichte von Mark und Julia, deren Vater alkoholkrank wird, so dass sich die Mutter schließlich trennt. Dann folgt ein sehr umfangreicher Informationsteil aus der Sicht von Mark, der Kindern alles zum Thema Sucht erklärt, wobei auf verschiedene Süchte eingegangen wird. Daher ist dieses Buch auch zur Erklärung von Drogen- oder Verhaltenssüchten gut geeignet, auch wenn der Schwerpunkt deutlich auf der Alkoholsucht liegt. Auch mögliche Hilfen für Kinder kommen nicht zu kurz. Der Informationsteil für Erwachsene fällt relativ knapp aus. Ähnlich wie in den Sonnigen Traurigtagen gelingt es auch hier, die Informationen interessant und kindgerecht darzustellen und ansprechend zu bebildern, so dass die Testleserin das Buch gern las. ■

Vielen Dank an Theodora Rose für ihre Mithilfe.

Dr. phil. Katja Rose

ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin (Tiefenpsychologie) in eigener Praxis (www.psychologie-rose.de). Sie ist Mutter einer Tochter und wohnt in Berlin.

Literatur

Anja Freudiger: Eine Tütü-Torte f ür Elise. Balance Buch + Medien Verlag, 2013

Erdmute von Mosch: Mamas Monster. Balance Buch + Medien Verlag, 2011

Susanne Wunderer: Warum ist Mama traurig. Mabuse-Verlag, 2014

Anne Südbeck: Papa Panda ist krank. Mabuse-Verlag, 2016

Claudia Gliemann und Nadia Faichney: Papas Seele hat Schnupfen. Monterosa Verlag, 2014

Kirsten Boie: Mit Kindern redet ja keiner. Fischer KJB, 2005

Christiane Tilly und Anja Offermann: Mama, Mia und das Schleuderprogramm. Balance Buch + Medien Verlag, 2012

Anne-Christine Loschnigg-Barman, Otto Schmid und Thomas Müller: Blumen für Pina. Ein Kinderbuch zum Thema Heroinabhängigkeit. Mabuse-Verlag, 2012

Barbara Tschirren, Pascale Hächler, Martine Mambourg: Ich bin Loris. Balance Buch + Medien Verlag, 2014

Mechthild Hüsch und Ulrich Roth: Da spricht man nicht drüber. Hüsch & Hüsch, 2013

Kirsten Boie, Jutta Bauer: Ein mittelschönes Leben. Ein Kinderbuch über Obdachlosigkeit. Carlsen, 2011

Ortrud Beckmann: Nele im Nebel. Mabuse-Verlag, 2013

Sigrund Eder, Petra Rebhandl-Schartner, Evi Gasser: Annikas andere Welt. edition riedenburg, 2013 (dazu auch: Ein ganzes Jahr mit Annika )

Schirin Homeier: Sonnige Traurigtage. Ein Kinderfachbuch für Kinder psychisch kranker Eltern. Mabuse-Verlag, 2006

Schirin Homeier, Andreas Schrappe: Flaschenpost nach irgendwo. Ein Kinderfachbuch für Kinder suchtkranker Eltern. Mabuse-Verlag, 2012