Jeden Tag ein kleines bisschen langsamer

Entschleunigung ist mehr als ein neuer Modetrend. Auch Familien leiden zunehmend unter Stress und Anforderungen. Durchzuatmen, zurückzutreten und das Leben langsamer angehen, klingt erstmal gut. Aber wie? Tipps und Ratschläge für die Slow Family .

Julia Dibbern

Auf der Bühne steht eine nackte Balletttänzerin. Manchmal zuckt sie mit den angewinkelten Armen oder macht einen Schritt, und ab und zu zieht sie Grimassen. Das Orchester plingt und quietscht dazu, künstlerisch präzise. Ich verstehe es nicht. Ein Blick – vorsichtig, aus dem Augenwinkel – zu meiner Freundin, sagt mir, dass es ihr ebenso ergeht. Sie wagt nicht, mich anzusehen. Lachen wäre gemein den Künstlern gegenüber und all den Leuten um uns herum, die ernst und gebannt die zackigen, nackigen Bewegungen zum Plingplong der Musik verfolgen.

Also schauen wir uns nicht an, zählen konzentriert die Strahler an der Decke, träumen uns weg, versuchen irgendwie die Zeit rumzubringen. Ich fühle mich, als wäre ich nochmal dreizehn und säße in der Mathestunde bei Herrn Volk, verstünde nichts und müsste über irgendwas objektiv völlig Unwitziges lachen und könnte das nicht anhalten.

Meine Freundin fiept verhalten und ich presse mir die Hand auf den Mund, unterdrücke das Lachen und träume mich weg.

Ich weiß – ich hoffe – in spätestens einer Stunde ist Pause, und ich darf raus.

Wir sind nicht mehr dreizehn. Wir sind freiwillig in dem Stück. Wir haben das ausgesucht und sogar dafür bezahlt. Nach der Pause kehren wir nicht zurück, sondern baggern spätpubertierend den netten Barkeeper an.

Nachdem das Kichern vorbei ist, denke ich wieder einmal darüber nach, wie viele Kinder in ganz Deutschland, in der ganzen Welt, jeden Tag stundenlang das durchleben, was wir gerade weggelacht haben: Mehr oder minder bewegungslos irgendein Zeug über sich ergehen lassen, was sie sich nicht ausgesucht haben. Ohne lachen zu dürfen, ohne rumrennen zu dürfen, ohne einfach aufstehen zu dürfen und sagen zu können: »Was soll der Scheiß?« (Zugegeben, letzteres hätte ich gekonnt, aber die Musiker und Tänzer hatten hart für ihren Auftritt trainiert, ich hätte das gemein gefunden.)

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