Mythos Mutterschaft:

Kulturhistorische Perspektiven auf den Frauenalltag des 18. und 19. Jahrhunderts

Gern werden in Bezug auf Mutterschaft das Diktat der Natur und das »Natürliche« des Mutterseins bemüht. Aber was ist »natürlich«? Ist Mütterlichkeit nicht viel mehr ein Abbild der vorherrschenden Ideologien, dem gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Umfeld? Eine historische Bestandsaufnahme.

Marita Metz-Becker

Nachdem die französische Philosophin Elisabeth Badinter 1980 ihr Aufsehen erregendes Buch Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute vorgelegt hatte, schlugen die Wellen hoch und es kam eine Diskussion in Gang, die ungemindert bis heute anhält. Genau 30 Jahre später, im Jahr 2010, schrieb Badinter ein weiteres Buch, das den unterschiedlichen Mutterbildern in Frankreich und Deutschland nachgeht und unter dem Titel Der Konflikt. Die Frau und die Mutter erschien. In beiden Werken analysiert sie einen Mythos von Mutterschaft, der vom Diktat der Natur und des angeblich »Natürlichen« des Mutterseins beherrscht ist. Doch Badinter zeigt in ihren Ausführungen, dass Mutterliebe nicht unbedingt »natürlich« gegeben sein muss und dass die jeweiligen Mutterbilder auch keineswegs in Stein gemeißelt sind. Mütterlichkeit – so Badinter – ist beim Menschen weniger »natürlich« als vielmehr von Ideologien und dem gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Umfeld geprägt. Hierbei sind historische Traditionen und Mentalitäten zu berücksichtigen, die sich in verschiedenen Zeiten und auch in unterschiedlichen Ländern sehr unterschiedlich zeigen können. Geben beispielsweise die Französinnen ihre Kinder mehrheitlich bereits im Säuglingsalter ganztägig in eine Krippe, so wird dies in Deutschland oft immer noch als rabenmütterliches Verhalten angesehen, wie die aktuelle Ratgeberliteratur aufzeigt. Natürlich wird auch das Stillen propagiert, das weit über das erste Jahr hinaus moralisch geboten sei. Die Mutterrolle sei nun einmal von der Natur vorgegeben und könne nicht einfach abgestreift werden. Aber was ist nun »natürlich«?

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