Kulturelle Perspektiven von Bindung und Mutterschaft

Bindung und Mutterschaft sind biologisch angelegte Verhaltensbereitschaften. Sie sind aber gleichzeitig kulturelle Konstruktionen. Was in einer Kultur als gesund und normal betrachtet wird, kann in einer anderen Kultur als pathologisch gelten. Die Perspektive der westlichen Mittelschicht wird fälschlicherweise als universell gültig betrachtet. Da in diesen Konzepten immer moralische Wertungen enthalten sind, ist diese Praxis unwissenschaftlich und unethisch.

Heidi Keller

Soziale Beziehungen sind zentral für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen über den gesamten Lebenslauf hinweg. Die Art und Qualität sozialer Beziehungen ist jedoch sehr unterschiedlich für unterschiedliche Lebensphasen. Für Babys sind soziale Beziehungen (über-)lebenswichtig. Alle Babys sind physiologische Frühgeburten. Aufgrund der Bedeutung und Größe des menschlichen Gehirns und dem begrenzten Raum im Geburtskanal aufgrund des zweibeinigen Ganges des Menschen werden sie geboren, lange bevor sie in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Das Gehirn ist vorbereitet, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten mit angeborenen Dispositionen oder Lernbereitschaften, aber gelernt wird kontextuell, d. h., das was an Informationen in der spezifischen Umwelt, in die das Baby hineingeboren ist, verfügbar ist. Diese Plastizität ist wichtig, denn in unterschiedlichen Umwelten werden unterschiedliche Kompetenzen benötigt. Würden Menschen mit einem fixen Verhaltensrepertoire geboren, wären sie längst ausgestorben. In den ersten beiden Lebensjahren findet so eine explosionsartige Entwicklung statt, sodass sie als Hirnprägungsphase bezeichnet werden.

Bindung: ein Modell früher sozial-emotionaler Entwicklung

Der britische Psychiater John Bowlby hat in den 60er Jahren ein Modell vorgeschlagen, das diese frühen Lernprozesse in den Kontext sozialer Beziehungen einordnet. Demnach sind Babys evolutionär vorbereitet, Bindung an eine erwachsene Bezugsperson zu entwickeln. Diese Bindung besteht in einem emotionalen Band und ist spezifisch und unverwechselbar. Es können weitere Bindungen zu wenigen anderen Personen aufgebaut werden, die dieser primären Bindung jedoch nachgeordnet sind. Bindung entsteht im Laufe des ersten Lebensjahres aufgrund der Bindungserfahrungen mit dieser Person, die im Regelfall die Mutter ist. Die kanadische Psychologin Mary Ainsworth hat in umfangreichen häuslichen Beobachtungen in Uganda und Baltimore, USA, ein Konzept für die Beschreibung mütterlichen Verhaltens entwickelt und daraus unterschiedliche Entstehungsbedingungen für unterschiedliche Bindungsqualitäten – sichere und unsichere – abgeleitet. Die Kernkompetenz für die Entwicklung einer sicheren Bindungsbeziehung und damit die Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung sahen Ainsworth und Kolleginnen in der mütterlichen Sensitivität. Sensitivität oder Feinfühligkeit besteht aus vier aufeinander aufbauenden Prozessen:

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