Die Geburt als »gewaltiges« Ereignis: Eine gar nicht so rosige Geschichte

Die Geburt gilt als wichtigstes und prägendstes Ereignis. Nicht nur für den neuen Erdenbürger, sondern auch für die Mutter. Respektvolle Begleitung durch vertraute und achtsame Helfer sind dabei wichtige Zutaten für ein beglückendes Erlebnis. Trotz dieses Wissens ist die Gewalt in der Geburtshilfe erschreckend hoch und aktuell. Auch in Deutschland.

Susanne Sommer

Irgendwo am Amazonas. Eine Frau aus dem indigenen Volk der »Piapocos« wird bald ein Kind gebären. Die werdende Mutter liegt auf einem Bett aus speziellen Gräsern und Kräutern. Ein Schamane markiert einen Schutzkreis. Drei Frauen singen Kraft- und Heilgesänge. Kurz vor der Geburt tragen sie die Schwangere an eine auserwählte Stelle im Amazonas. Nach wenigen Minuten ist das Baby geboren; es ist wohlauf und liegt an der Brust der Mutter. Diese strahlt und wirkt entspannt. Sie erlebte eine fast schmerzfreie Geburt. Mitten in der Natur. Mithilfe natürlicher Ressourcen. Mit dem intuitiven Wissen und Vertrauen, dass sie beschützt und fähig ist, ihrem Kind das Leben zu schenken. Der Vater durchtrennt die Nabelschnur, vergräbt die Nachgeburt und pflanzt einen Baum. Als Dank an Mutter Erde für dieses große Geschenk. Die Geburt eines Menschen im Einklang mit der Natur …

Diese Schilderung stammt aus dem inspirierenden Buch Taguari – Das Leben findet seinen Weg von Angelika Selina Braun. Die Möglichkeit einer derart idyllischen Geburt treibt vielen Frauen, die in der »zivilisierten Welt« gebären, Tränen, Scham und Wut ins Gesicht. Steht sie doch in erschreckend radikalem Gegensatz zu ihrer eigenen Geburtserfahrung – meist einer gewaltvollen Klinikgeburt. Die amerikanische Hebamme Ina May Gaskin trifft mit ihren Worten ins Schwarze, was menschenwürdige Geburtshilfe angeht: »Wenn eine Frau während der Geburt nicht aussieht wie eine Göttin, dann wurde sie nicht richtig behandelt.« Gleichzeitig klingt die Aussage für viele Frauen wie Hohn. Denn die wenigsten fühlen sich im Kreißsaal wie Hera oder Aphrodite. Respektlosigkeit, Unachtsamkeit und andere gewaltsame Maßnahmen machen das schlichtweg unmöglich.

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