»Das sind nur die Schwangerschaftshormone, Liebling!« (Teil 1)

Emotionale Veränderungen während der Schwangerschaft sind nicht zwangsläufig biologisch, sondern haben eine Geschichte. Wenn die weibliche Psyche dennoch allein durch Hormone erklärt wird, ist das ein Problem. Denn gesellschaftliche Faktoren bleiben so außen vor.

Lisa Malich

Schwangere werden von Hormonen beherrscht. Das sagen sie selbst und das sagen andere. Ihr Bauch wächst, ihr Appetit steigt, sie weinen, sie lieben, sie brüllen, sie sind glücklich oder werden depressiv, sie bauen ein Nest und ziehen sich zurück – nur aufgrund ihrer hormonellen Situation. Dabei changieren die Schwangerschaftshormone zwischen der Rolle als rationalistische Erfüllungsgehilfen biologischer Reproduktion, die etwa embryonale Versorgung sicherstellen, und der Rolle als Agenten des Chaos, die Körper und Geist überschwemmen. Ihre negative, chaotische Seite kommt gerade dann zum Einsatz, wenn es um die Emotionalität schwangerer Frauen geht. Denn die hormonellen Stimmungsschwankungen sollen gewöhnliche Gefühlsmuster außer Kraft setzen und zu überbordenden Reaktionen führen, die beispielsweise die Ratgeberautorin Vicki Iovine als »hormonell bedingte Irrationalität« beschreibt. Solche Vorstellungen von exzessiven, durch endokrine Prozesse verwirrten Emotionen haben eine sehr breite gesellschaftliche Wirkmacht. Sie werden nicht nur in Narrativen der Schwangeren über sich selbst tradiert, sondern auch in Zeitungen und Zeitschriften, in Filmen und TV-Serien, in populären Aufklärungsbüchern und in anwendungsbezogenen Texten der Medizin, der hebammengeleiteten Geburtshilfe und der Psychologie.

Die vehement postulierte Irrationalität, durch die man als Schwangere wohl alles Vertrauen in die eigene Urteilskraft fahren lassen muss, erschreckt. Und woher ist so sicher zu wissen ist, dass Hormone tatsächlich den Grund für die jeweilige Missstimmung bilden? Körperliche Erklärungen schienen in diesen Narrativen zentral, obwohl mitunter auch andere Faktoren erwähnt wurden und durchaus alternative Kausalitäten denkbar wären – von dem Wechsel in eine neue Rolle, über eine beruflich potenziell unsichere Zukunft, bis hin zu Schlafmangel. Zugleich wird Schwangerschaft oft als Schwellenzustand betrachtet, leitet sie doch zur Mutterschaft über. Und die bedeutet für viele Frauen noch heute ein Ende der vermeintlichen Geschlechtergleichheit. Schließlich kommt es in heterosexuellen Paarbeziehungen nach der Elternschaft häufig zu einer Retraditionalisierung von Rollenmustern.

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