»Wir sind so frei« auf Tour

Vor einem Jahr erschien das Buch Wir sind so frei – Freilerner-Familien stellen sich vor . 29 Familien berichten darin von ihrem Alltag als Freilerner und wie sie das Leben ohne Schule für sich entdeckt haben. Seit Erscheinen gehen die Herausgeberinnen mit dem Buch auf Lesungen und erleben dabei viele, inspirierende Begegnungen. Ein persönlicher Eindruck.

Stefanie Mohsennia

Ein Buch mit 29 Geschichten von Freilerner-Familien habe ich mit drei weiteren Frauen im März 2016 herausgegeben. 29 Familien haben uns ihre Türen geöffnet und uns hinter die Kulissen ihres Freilerner-Alltags blicken lassen. Dabei sind Familien, die als Freilerner in Deutschland geblieben sind, Familien aus Österreich und der Schweiz, deutsche Familien, die ins Ausland gezogen sind, um ihren Kindern ein Leben in Bildungsfreiheit zu ermöglichen, und Familien, die reisend in der Welt unterwegs sind.

Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen

Während des Entstehungsprozesses fragten wir uns: Wird unser Buch gut ankommen? Wird so ein Buch aus der Praxis gebraucht? Was werden die Erfahrungsberichte bei unseren Lesern auslösen? Genau diesen Fragen möchte ich heute – zwölf Monate nach Erscheinen von Wir sind so frei – nachgehen. Und ich möchte von den Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen erzählen, die ich durch unser Buch erleben konnte.

Eine dieser Begegnungen gab es im November. Wir hatten uns zum Freilerner-NRW-Treffen in einem Bürgerzentrumscafé in Köln getroffen und hatten das Café fast die ganze Zeit für uns. Es gab kaum andere Gäste. Ich hatte die neuen Flyer des Bundesverband Natürlich Lernen e. V. (BVNL) auf einigen Tischen verteilt und auch jeweils zwei Exemplare meiner Bücher Schulfrei und Wir sind so frei ausgelegt. Bei 67 Teilnehmern an dem Tag war es nicht einfach, den Überblick zu behalten, aber irgendwann fiel mir eine Familie mit einem etwa dreijährigen Sohn auf, die ich nicht kannte. Der Vater hatte angefangen in Wir sind so frei zu lesen. Ich schlenderte hinüber und der Vater fragte mich, ob wohl der Mann hinter der Bar diese Bücher ausgelegt hätte. Auf meine Erklärung, die wären von uns und wir hätten hier ein Freilerner-Treffen, fragte er erstaunt: »Das sind hier also alles Menschen, deren Kinder nicht zur Schule gehen?« Peter entpuppte sich als Lehrer, stellte viele, viele Fragen zum Freilernen, fand das alles sehr spannend und kaufte schließlich ein Exemplar. Ich bin gespannt, ob er sich bei mir meldet, wenn er es gelesen hat.

Warum ist es denn in Deutschland so schwierig?

Ich finde es wunderbar, wenn Menschen, die sich vorher noch nicht mit Bildungsfreiheit und dem Recht auf selbstbestimmte Bildung beschäftigt haben, durch unser Buch mit dem Thema in Berührung kommen. So geschehen auch bei der allerersten Lesung, die ich am 19. März 2016 frisch nach Erscheinen des Buches in einer großen Buchhandlung im Rahmen der Reihe »Leipziger Verlage stellen sich vor« anlässlich der Buchmesse gehalten habe. Dort bekamen verschiedene Leipziger Verlage im Halbstunden-Takt die Gelegenheit sich mit ihrem Programm zu präsentieren. Das Besondere an diese Lesung war, dass viele Menschen im Publikum nicht aus Interesse am Thema Freie Bildung gekommen waren, sondern zufällig in die Vorstellung von Wir sind so frei hineingeraten sind. Im Publikum saß auch meine Mit-Herausgeberin Gabi Reichert. Als ich in meiner Antwort auf eine Frage der Moderatorin darauf hinwies, dass Freilernen in den meisten europäischen Ländern eine völlig anerkannte Bildungsalternative ist und Deutschland gemeinsam mit Schweden mit seiner strengen Schulpflicht eine große Ausnahme darstellt, entrüsteten sich zwei ältere Damen in der Reihe vor Gabi Reichert spontan: »Ja, warum ist das denn in Deutschland jetzt schon wieder so schwierig?!«

Stefanie Mohsennia bei einer Lesung von Wir sind so frei in Bremen.

Genau diese Reaktionen wünschen wir uns! Wie schön wäre es, wenn Wir sind so frei dazu beitragen könnte, dass mehr Menschen unvoreingenommen Freilerner-Familien und ihren Alltag kennenlernen. Oder zumindest durch ihre Geschichten einen ersten authentischen Eindruck gewinnen können, was das für Menschen sind, warum sie sich wünschen, dass sich ihre Kinder selbstbestimmt außerhalb der Institution Schule bilden können, und wie unterschiedlich das Leben als Freilerner aussehen kann.

Intensiver Austausch zwischen den Familien

So individuell wie die Geschichten der 29 Familien sind, so einzigartig waren bisher auch die Lesungen, wenn ich mit Wir sind so frei auf Tour gegangen bin. Bei jeder Lesung trage ich ein paar längere oder kürzere Ausschnitte aus verschiedenen Texten vor und erzähle etwas zur Entstehungsgeschichte des Buches. Der weitere Verlauf hängt stark von den Bedürfnissen des Publikums ab, ob sie lieber noch weitere Erfahrungsberichte hören möchten oder gleich brennende Fragen haben und in die Diskussion einsteigen wollen. Die Lesung in Berlin im Oktober nahm noch einen anderen Verlauf. Nach vier Textausschnitten und der Beantwortung einiger Fragen, kam der Wunsch nach einer kurzen Pause auf. Danach setzten wir uns mit über zwanzig Teilnehmern im Kreis zusammen. Jeder hat sich kurz vorgestellt und gesagt, was er sich von diesem Abend wünscht und mit welchen Erwartungen und Hoffnungen er gekommen ist. Die Runde hätte diverser kaum sein können. Eine Familie mit 9-jährigem Sohn, der seit Ostern nicht zur Schule geht – aufgrund einer Einzelfallentscheidung des Schulamtes für ein Jahr, wegen hoher beruflicher Mobilitä t , unter der Auflage einer Anmeldung bei der Clonlara Schule (eigener Vorschlag der Familie). Eine junge Frau, die noch keine Kinder hat, aber sich sehr mit den Geschichten im Buch identifizieren konnte – sie hatte nach einem angefangenen Studium sieben Jahre dem Erwartungsdruck der Familie standgehalten und sich entschult, bevor sie sich für eine handwerkliche Ausbildung entschied. Ein Vater, dessen fünfköpfige Familie seit zwei Jahren freilernend zwischen Belgien und Berlin pendelt. Eine ältere Frau, die noch nie etwas vom Freilernen gehört hatte, aber häufiger zu Vorträgen im Karl-Ballmer-Saal geht, äußerte, dass das alles sehr spannend klang und sie erstaunt war, was für eine »Revolution« da im Gange ist, von der sie nichts wusste …

Besonders berührt hat uns alle der Bericht eines 15-jährigen, der seit Juni 2015 nicht mehr in die Schule geht und sich der Runde öffnete, um zu erzählen, wie es ihm dort ergangen war, was ihm teilweise offensichtlich nicht leicht fiel und Emotionen wieder hochbrachte. Bevor sich nach über vier Stunden die Veranstaltung auflöste, wurden E-Mail-Adressen und andere Möglichkeiten ausgetauscht, wie man untereinander in Kontakt bleiben kann. Organisatorin Bianca Geburek von der Lernwerkstatt Alt-Treptow schrieb im Rückblick: »Ich bin glücklich, dass dieser Abend statt gefunden hat! Die Lesung und die anschließende Gesprächsrunde haben die entstehende Freilerner-Gruppe in Berlin ein Stück weit zusammenwachsen lassen. Er hat einmal mehr gezeigt, dass der persönliche Austausch nicht durch Online-Vernetzung zu ersetzen ist.«

Rückmeldungen der Leser

Begegnungen einer anderen Art finden statt, wenn ich Rezensionen zu Wir sind so frei lese oder auch privat Feedback von Menschen bekomme. Eine Rückmeldung scheint klar im Vordergrund zu stehen: Das Buch macht Mut! So schreibt Der Trotter , die Zeitschrift der Globetrotter seit 1975, in seiner Ausgabe vom Oktober 2016 beispielsweise: »Das Buch macht Mut sich für die eigenen Wünsche einzusetzen, sich zu trauen den konventionelle Weg zu verlassen und mit seiner Familie den Schritt in ein selbstbestimmtes Leben zu wagen.« In einer Kundenrezension auf amazon.de heißt es: »Es macht Mut zur Freiheit, danke!« und eine Freilerner-Mutter schrieb mir in einer privaten Nachricht: »Die Geschichten im Buch machen einfach Mut auch diesen Weg zu gehen, da es viele Vorgänger gibt und man nicht allein ist damit. Wir sind im Mai ins Elsass gezogen und sind sehr glücklich über diese Entscheidung, noch bevor die Schulpflicht in Deutschland losginge. Und hier sind wir auch unter vielen anderen Freilernern.«

In anderen Rückmeldungen lese ich u. a. von Inspiration und vom Hinterfragen des Bestehenden:

»Regt zum Nachdenken an über das eigene Lebensmodell und was man selbst vom Leben und Lernen möchte, aber auch für seine Kinder.«

»Natürlich ist es spannend, diverse Erkenntnisse der Wissenschaft zu erfahren, jedoch so einen umfassenden, persönlichen, spannenden Einblick in FreilernerFamilien zu bekommen ist noch viel besser.«

»Meine ersten Gedanken beim Lesen des Buches waren: »Wow, es sind so viele Familien, die Freilernen«. Ich war überwältigt von diesem Gefühl. Freilernen ist nicht nur ein Leben ohne Schule, es ist eine Lebensphilosophie. Leben in Freiheit, das ist es, was ich mir für meine Familie wünsche.«

»Die Berichte der Familien sind teilweise so intensiv, dass ich manchmal nicht einfach so weiterlesen konnte. Ich musste erstmal »verdauen«, was einige so für Erkenntniswege durchgemacht haben.«

»Mich hat Katis Geschichte sehr erfreut und inspiriert. Mich hat sehr berührt zu lesen, wie eine Familie von Anfang an dem Weg folgt, die Bedürfnisse der Kinder zu respektieren, mit allen Konsequenzen. Ich denke, dass die Geschichten dieser mutigen, liebevollen Eltern in dem Buch viele Menschen zum Nachdenken anregen können und dazu ihrem Beispiel zu folgen.«

Und noch eine Familie, der eine bestimmte Geschichte besonders viel bedeutet hat: »Als ich im Oktober 2014 begonnen habe, mich mit dem Freilernen auseinanderzusetzen, habe ich immens viel dazu gelesen und ganz viel erfahren. Aber genau das, was hier abgebildet wird, hat mir gefehlt. Sozusagen das Insiderwissen und die Erfahrungen von aktiv freilernenden Familien in Deutschland. Dabei finde ich ganz wunderbar, wie vielfältig die Wege zur selbstbestimmten Bildung ausgestaltet werden können und im Buch entsprechend dargestellt sind. So gibt es viele Wege, die mir persönlich nicht zusagen würden, aber eben auch einige Fälle, in denen ich mich und meine Familie sehr gut wiederfinden kann. Eine Geschichte war für uns persönlich besonders wertvoll: Im Bericht von Familie Stein aus NRW bin ich eben wieder auf genau die Freilerner-Familie gestoßen, die mich damals 2014 schon in einem tollen Radiofeature mit dem Freilern-Fieber infiziert hat und die ich seither nie ganz vergessen konnte. Als ich sie im Buch wieder entdeckt hatte, konnten wir uns dann auch persönlich kennenlernen, wodurch sich ein wirklich netter Kontakt entwickelt hat.«

Auch die Politik erreichen

Wenn ich auf die letzten zwölf Monate zurückblicke, seit Wir sind so frei erschienen ist, war das Buch durchaus eine Art Initialzündung für die eine oder andere wunderbare und wertvolle Begegnung zwischen Freilernern und ein Zugang zur Welt der Freilerner für Interessierte. Und vielleicht kann es sogar eine Wirkung darüber hinaus erzielen. Bei einer unserer Veranstaltungen gab es bereits eine Begegnung mit einem lokalen Politiker, der im Buch blätterte und interessiert nachfragte: »Wie? Kinder aus der Schule nehmen? Und wie machen sie dann einen Abschluss?« Ihn hatten die persönlichen Geschichten offensichtlich berührt und zum Nachdenken angeregt. Die Frage, was eine Mutter denn machen soll, deren Sohn sagt: »Ich geh da nicht mehr hin«, konnte er auch nicht beantworten. Es bleibt die Hoffnung, dass dieser Politiker den Appell: »Sorgen Sie dafür, dass aus der Schulpflicht in Deutschland ein Bildungsrecht wird, wie in den meisten Ländern in Europa« mit an seinen Arbeitsplatz im Bildungsministerium nehmen wird. ■

Stefanie Mohsennia

ist Bibliothekarin, beschäftigt sich seit über einem Jahrzehnt mit dem Thema Freilernen und ist Autorin von Schulfrei – Lernen ohne Grenzen und Mit-Herausgeberin von Wir sind so frei – Freilerner-Familien stellen sich vor . Über die Jahre hat sie an Freilerner-Treffen in elf Ländern teilgenommen und hält Vorträge zum Thema »Natürlich lernen!«. Gemeinsam mit ihrem Sohn hat sie 2015 die Freilerner-Vernetzungsplattform Schulfrei-Community entwickelt.