Jenseits des Wachstums: Zukunftsszenarien für Schule im ländlichen Raum

Bildungspolitik für ländliche Räume muss sich den demographischen Veränderungen stellen. Sie darf nicht davon ausgehen, dass der finanzielle »zu verteilende Kuchen« immer weiter wächst. Daher sind Veränderungen im Schulsystem ebenso notwendig wie bei den Inhalten. Soziokulturelle Nachteile ländlicher Räume könnten zu Vorteilen beim Wandel von schulischer und außerschulischer Bildung schlechthin werden.

Jens-Eberhard Jahn

Der ländliche Raum im engeren Sinne (ohne »Zwischenräume«) nimmt 58 Prozent des Bundesgebiets ein. Hier lebt ein Viertel der Bevölkerung. Das Grundgesetz verpflichtet den Gesetzgeber in Artikel 72 (2) zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im gesamten Bundesgebiet.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Für viele Menschen sind das niedrige Lohnniveau und das mangelhafte Arbeitsplatzangebot wichtige Gründe, ländliche Räume zu verlassen. Aber auch der Mangel an »weichen Standortfaktoren« mag für erhebliche Teile der Bevölkerung Mitursache sein, sich in ländlichen Räumen gar nicht erst anzusiedeln. Dies gilt in besonderer Weise im Falle mangelhafter Ausstattung der Regionen mit Bildungseinrichtungen aller Art.

Verantwortungsträger und Betroffene sind hier gefordert bezüglich Schuldichte, Schulstruktur und Schulsystem generell. Letztlich geht es um die Frage, ob bei den langen Schulwegen im ländlichen Raum überhaupt alle Schüler am institutionalisierten Bildungsangebot teilhaben können. Und darum, ob die Schulpflicht erfüllt werden kann. Aber es geht nicht nur um Strukturen, es geht auch um Inhalte. Darum, ob die in der Schule vermittelten Inhalte relevant und qualifizierend für Schüler in ländlichen Räumen sind. Dies betrifft die Entwicklung der Lehrpläne (Curricula).

Die Lösung aller Probleme und Fragen liegt nahe: Denn gleich, welche Partikularinteressen vertreten werden (Schülervertretung, Elternvertretung, Schulkollegien, Gewerkschaft …) oder welcher politischen Couleur die jeweiligen Schulpolitiker angehören – sofern sie ihre im weiteren Sinne schulpolitische Aufgabe ernst nehmen, werden sie alle mehr Geld für die Bildung fordern. Dabei scheitern sie meist mehr oder weniger an Kämmerern, sofern auch diese mit Ernst ihre Sache vertreten.

Derartige Forderungen beruhen auf der Annahme, der »Kuchen« werde wachsen, zumindest gleich groß bleiben. Es gelte nun, sich davon ein möglichst großes Stück zu sichern bzw. in angemessener Form vom Wachstum zu profitieren. Kurzfristig mag man damit Erfolge erzielen – langfristig führt eine solche Strategie in die Sackgasse. Denn weder global noch regional ist es realistisch, von ökonomischen Wachstumsraten auszugehen, die den Aufbau eines »idealen« Schulsystems ermöglichen könnten. Dies ist nicht einmal wünschenswert, denn der ökologische Preis für dieses Wachstum würde in relativ kurzer Zeit jedes Bildungssystem überflüssig machen.

Eine nachhaltige Lösung bildungspolitischer Probleme muss berücksichtigen, dass die zur Verfügung stehenden Mittel eher abnehmen werden. Die Chance dabei: Wenn mit quantitativen Verbesserungen nicht zu rechnen ist, kann man sich entschiedener den qualitativen Verbesserungen widmen!

Anforderungen an die Schulstruktur

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