… Im Anfang war das Wort …

Bei bestimmten Begriffen glauben alle zu wissen, was darunter zu verstehen ist: Da sie sich einer eindeutigen Definition entziehen, werden sie der Deutungshoheit der Dialogpartner überantwortet. Just bei den ungleich missverständlichen Begriffen »Schule« und »Gesellschaft« dürfte es ganz besonders schwierig sein, zu einer erwünschten oder erforderlichen Klarheit in der gemeinsamen Verständigung zu gelangen. Warum ist das so?

Bertrand Stern

Wann ist von »Gesellschaft« die Rede? Wenn es um Firmen geht, ist klar, was gemeint ist. Als »lustige Gesellschaft« wird die Gruppe von in Bahn oder Bus grölenden Typen bezeichnet, die etwa auf dem Wege ins Stadion ist. Dem Ursprung des mit »Saal« verwandten Wortes »Gesellschaft« kommt am nächsten jene Gesellschaft, die – im Sinne der Geselligkeit – mit mir den Nachmittagstee und Kuchen genießen möge. In einem anderen Zusammenhang gibt es den Gesellen als den jungen Menschen, der in seiner beruflichen Laufbahn noch kein Meister ist. Ganz unklar wird es, wenn von der »deutschen Gesellschaft« die Rede ist, denn diese lässt sich kaum anders definieren als im beanspruchten Stolz, das »Wir« müsse sich von den anderen, den »Sie« abheben … Historisch betrachtet: Aus dem einstigen Antagonismus von »bürgerlicher Gesellschaft« und fürstlicher Herrschaft wuchs die heutige Vorstellung oder Hoffnung auf eine sich vom »Staat« abzuhebende »Zivilgesellschaft«, welche vor dem möglichen staatlichen Zugriff geschützt, gar gerettet werden müsse – wohingegen mit dem 1949 als verbindlich verkündeten Grundgesetz der Öffentlichen Hand die Aufgabe zufällt, den Menschen vor jedweder subtilen oder offenen Macht und Gewalt zu schützen: vor Gewalt durch einzelne Menschen, durch Gruppen, Massen (»Pogrome«), Volk oder durch andere totale und totalitäre Gebilde. (Dass vom demokratischen Selbstverständnis her es sich unter allen Umständen verbietet, jemanden auf dem Altar einer Gesellschaft oder »Allgemeinheit« zu opfern, lässt sich daraufhin kritisch überprüfen, wenn es beispielsweise darum geht, ein junger Mensch verweigert sich etwa der Beschulung, die der »fürsorgliche Staat« als Zwang auferlegt hat: Welche Bedeutung kommt dann den postulierten Menschenrechten zu?)

Besonderes Kennzeichen der Gemeinschaft ist das Gemeine, die »Allmende«, also ein für jedes Mitglied der Gemeinschaft gemeinsames Interesse.

Im Idealfall sollte es also ein Dreieck geben: Am oberen Eckpunkt ist der – als würdevolles, selbstbestimmtes, entfaltungsfähiges Subjekt erkannte, anerkannte – Mensch, dessen Grundrechte unbedingt und bedingungslos zu schützen sind. An den beiden unteren Eckpunkten stehen hier »die Öffentliche Hand« als neutrale, subsidiär dienende, strukturierende Instanz; und dort »die Gesellschaft«, der dieser Beitrag gewidmet ist, um vielleicht einige Illusionen zu zerstreuen.

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