Die Macht in der Ohnmacht

Erwachsene haben Macht gegenüber Kindern. Ob sie wollen oder nicht. Diese Macht beschreibt sich zum Beispiel dadurch, dass Erwachsene schlussendlich ihre Interessen gegen den Willen des Kindes durchsetzen können – durch Anwendung körperlicher oder seelischer Gewalt. Diese Macht zu akzeptieren und Verantwortung dafür zu übernehmen ist ein wichtiger Schritt für die gemeinsame Beziehung. Die Beschreibung eines persönlichen Weges.

Johannes Neumann

Meine Tochter ist acht Jahre alt. Vor etwa vier Jahren geschah ein Erlebnis, das mir heute noch Tränen in meine Augen treibt. Wir waren gemeinsam, mit einer Freundin meiner Tochter, im Schwimmbad. Alles lief entspannt, bis zu dem Punkt, als ich das Schwimmbad verlassen wollte, vor allem, um nicht noch mehr Geld bezahlen zu müssen. Ab diesem Zeitpunkt fühlte ich eine Unruhe und die Atmosphäre wurde stressig. Meine Tochter wollte lieber länger im Schwimmbad bleiben, und unter der Dusche nahm sie sich mehr Zeit, als mir lieb war. Nach mehrmaliger »Aufforderung«, mitzukommen, ließ ich sie, gegen ihren Willen, allein in der Dusche zurück und ging mit ihrer Freundin zu den Umkleidekabinen. Ich fühlte mich dabei sehr angespannt.

Sie kam empört, widerwillig und laut protestierend hinterher und begann, während ich mich bereits anzog, wütend auf mich einzuschlagen. Ich ignorierte ihre Wut und Empörung, bis mir mit einem Male der Geduldsfaden riss, die Sicherung durchbrannte oder wie immer ich das nennen kann. In diesem Moment konnte ich ihre Aggression nicht mehr aushalten. Ich packte sie und warf sie mit voller Wucht von mir weg. Sie fiel hart mit dem Hinterkopf auf den Fliesenboden, während ich in einem Schwall von ungebändigtem Hass dastand. Meine Tochter schrie aus voller Kehle, ich sei nicht mehr ihr Vater, und sie sperrte sich schreiend in eine Kabine ein und war erst nach einer Stunde bereit, auf meine Wiederannäherung einzugehen.

Ich war lange nach diesem Vorfall so schockiert über mein Verhalten, dass ich mein Handeln nicht einmal mir selbst gegenüber eingestehen konnte. Der Vorfall passte nicht in mein Selbstbild als sensibler, liebevoller Vater und Anhänger eines gewaltfreien Umgangs miteinander. Es gibt einige solcher Vorfälle in unserer gemeinsamen Geschichte, und sie alle sind wie dunkle Flecken auf einer bunten Blumenwiese.

Ich weiß mittlerweile, dass viele Eltern Erlebnisse mit ihren Kindern haben, in denen sie selbst so dermaßen an ihre Grenzen kommen, dass sie Dinge tun, von denen sie nicht mal im Traum gedacht hätten, dass sie dazu fähig sind. Und es gibt sicherlich verschiedene Möglichkeiten als Eltern damit umzugehen – Verdrängung (das ist gar nicht passiert), Rechtfertigung (es ist passiert, aber gerechtfertigt), Kleinmachen (das war doch nicht so schlimm) oder sich selbst dafür beschuldigen (ich bin einfach ein schlechter Vater) etc.

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