Das erziehungsfreie Leben im Alltag (und seine Tücken)

Frage: Es stört mich, wie mein Partner mit meiner Tochter (7) umgeht. Er erzieht sie, weil er glaubt, dass er das muss, dass Kinder Erziehung brauchen. Wir streiten mittlerweile regelmäßig darüber, da ich es zunehmend kaum noch aushalte, dabei zuzuschauen. Auch meine Tochter streitet natürlich viel mit ihm, weil sie es nicht hinnehmen will. Das Schimpfen, Nörgeln, Belehren und Bestrafen seinerseits vergiftet unsere Familienatmosphäre mittlerweile massiv. Ich sehe gerade keinen Weg da raus. Was ratet ihr mir?

Eine Antwort von Sylvia K. Will

Mir scheint, ihr seid bereits in eine Falle getappt, die einigen Familien schon zum Verhängnis geworden ist. Immer dann, wenn einer in der Partnerschaft meint, er habe die Antworten auf gemeinsame Fragen gefunden, oder sich sicher ist, dass sein Weg der richtige sei, entsteht ein Ungleichgewicht in der Partnerschaft. Aus eurer gleichwürdigen Elternbeziehung ist ein Lehrer-Schüler-Verhältnis geworden, in dem du versuchst, deinen Partner von deinen Wahrheiten zu überzeugen. Aber ähnlich wie beim Missionieren in Glaubensfragen wirst du damit nur mäßig bis gar nicht erfolgreich sein können, wenn dein Partner keinerlei Interesse daran zeigt, von dir missioniert zu werden. Ich vermute, dass nicht seine erzieherischen Ansätze eure Familienatmosphäre vergiften, sondern die Unausgewogenheit eurer Partnerschaft, in die sich mittlerweile auch euer Kind derart einbezogen fühlt, dass sie sich eine Seite aussuchen muss, auf der sie kämpft. Lange Zeit herrschte die Ansicht vor, dass Eltern immer und überall »an einem Strang« ziehen müssten. Ich glaube, dass dies vor allem dem Glauben geschuldet ist, Eltern müssten eine starke Front gegen die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder bilden, um nicht von ihnen um den Finger gewickelt oder ausgespielt zu werden. Schon die Wortwahl zeigt, welches Menschenbild dieser Vorstellung von Zusammenleben in der Familie zu Grunde liegt.

Die Wahrheit ist jedoch, dass Eltern auch in der Vergangenheit in den seltensten Fällen in allen Belangen an einem Strang gezogen haben. Schon immer haben sich Kinder den Gesprächspartner gesucht, den sie für ihr aktuelles Bedürfnis für am geeignetsten hielten und von dem sie sich das größtmögliche Verständnis für ihre Situation erhofften. So wurden unterschiedliche Personen in unterschiedlichen Lebenssituationen kontaktiert und einbezogen. Und genau so ist das Leben. Wenn Eltern in Diskurs miteinander gehen, wie sie den Aufgaben ihrer Elternschaft begegnen, so kann das Kind in meinen Augen davon nur eins lernen – Menschen sind unterschiedlich, und über diese Unterschiedlichkeit kann man sprechen und nach Lösungen suchen.

Das passiert dann, wenn alle Parteien offen für gemeinsame Ideen sind und vor allem neugierig auf das, was den anderen bewegt. Was weißt du von den Ängsten, Sehnsüchten und Wünschen deines Partners? Was wünscht er sich für euer gemeinsames Kind? Welche Herausforderungen sind für ihn schwierig zu bewältigen? Sprecht darüber, was euch dazu bewegt, die Dinge so unterschiedlich zu handhaben, wie ihr es tut. Und gebt euch gegenseitig die Erlaubnis, mit eurer Tochter so umzugehen, wie es sich für euch richtig anfühlt. Ihr könnt in eurer Elternrolle keine authentische Beziehung zu eurem Kind eingehen, wenn ihr permanent etwas vorspielt, was ihr nicht seid. Sollte dein Mann irgendwann an den Punkt kommen, an dem ihm Erziehung so überflüssig vorkommt wie dir bereits, dann ist das nur möglich, wenn er selber auf Grund seiner Erfahrungen zu dieser Erkenntnis gelangt. Diesen Prozess verhinderst du jedoch im Moment, indem du ihn dazu drängst, zu einem Abbild deiner Überzeugungen zu werden. Langfristig gesehen gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder dein Partner erkennt seine Rolle als Schüler an und lässt sich von dir willig belehren. In dem Fall stellt sich allerdings die Frage, welches Modell von Partnerschaft ihr zukünftig leben wollt, denn diese Veränderung wird sich auch in anderen Lebensfragen widerspiegeln. Oder euch gelingt es, euch gegenseitig die Verantwortung für eure Elternschaft zurückzugeben. In dem Fall ermöglicht ihr eurer Tochter ein Zusammenleben mit lebendigen Eltern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit das Verbindende im Blick haben und ihr ein Aufwachsen ermöglichen, ohne sich für eine Seite entscheiden zu müssen. ■

Fragen Sie!

Sie haben Fragen, Probleme oder Schwierigkeiten mit Erziehungsfreiheit im Alltag? Schreiben Sie uns, wir geben in den nächsten Heften Antworten: redaktion@unerzogen-magazin.de.