»Das sind nur die Schwangerschaftshormone, Liebling!« (Teil 2)

Emotionale Veränderungen während der Schwangerschaft sind nicht zwangsläufig biologisch, sondern haben eine Geschichte. Wenn die weibliche Psyche dennoch allein durch Hormone erklärt wird, ist das ein Problem: Gesellschaftliche Faktoren bleiben so außen vor.

Lisa Malich

Um soziale Fragen und Ungleichheiten zu verschleiern, diente oft die Rückführung von psychischen Phänomenen auf rein biologische Gründe. Dies zeigen etliche kulturwissenschaftliche und historische Studien. Da macht Schwangerschaft keine Ausnahme. Die Art, wie und wie viel über Gefühle geschrieben wurde, lässt Rückschlüsse auf zeitgenössische politische und gesellschaftliche Probleme zu. Drei Muster spezifizieren das. Der erste Teil endete mit dem Muster der reizbaren Verstimmung, bei dem im 18. und 19. Jahrhundert die Vorstellung vorherrschte, dass Schwangere auf Grund ihres Nervensystems zu einer Stimmungsverschlechterung und Reizbarkeit neigen würden.

Stimmungsverbesserung und Muttergefühl

Ab 1900 schienen Schwangere ausgeglichener. Nun veränderten sich die Vorstellungen zu schwangerer Emotionalität allmählich, wenngleich die Idee der Reizbarkeit keineswegs völlig aufgegeben wurde. Zumindest ein Unterschied zwischen Schwangeren wurde aber immer gewichtiger: zwischen denen mit gesunden Anlagen und vermeintlich degenerierten Frauen. Festgemacht wurde dieser Unterschied erneut am Körper, hierbei verschob sich das Bezugssystem jedoch: Die Konstitution und Erbanlagen wurden zentraler. Mit ihnen hielten die Ansätze der Eugenik und Rassenhygiene Einzug – Ideen einer Hinaufzüchtung des Volkes, die im Nationalsozialismus eine mörderische Zuspitzung erfahren sollten. Die Konstitution entschied nun über den Zustand des Nervensystems – und nur diejenigen Schwangeren mit zweifelhafter Anlage sollten noch zur Verstimmung neigen. Die Erbgesunden dagegen schienen sich einer zunehmend stabilen Stimmung zu erfreuen. Sie sollten zufriedener, gesünder und robuster werden, ja, vorherige nervöse Leiden sollten durch die Schwangerschaft sogar behoben werden. Und auch mütterliche Gefühlsmuster hielten Einzug in den Bereich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst sehr zögerlich: »Mutterinstinkte« sollten durch die Kindsbewegungen, ähnlich mechanischen Reflexen, ausgelöst werden.

Diese Entwicklung stand im Kontext sowohl medizinischer als auch gesellschaftspolitischer Entwicklungen: Zum einen vollzog sich eine zunehmende Integration der Schwangerschaft in die Medizin. Geburtshilfe und Gynäkologie hatten sich ausdifferenziert, institutionalisiert und verbreitert. Durch die Etablierung der Sozialversicherung und Krankenkassen war es nun breiteren Bevölkerungsschichten möglich, einen Mediziner aufzusuchen. Neue Diagnoseverfahren wie der Wassermann-Test auf Syphilis wurden im frühen 20. Jahrhundert auch für Schwangere relevant. Schließlich wurde 1929 der erste Schwangerschaftstest erfunden, die Aschheim-Zondek-Reaktion. Auch erste Ideen einer institutionalisierten präpartalen Vorsorge für alle Schwangeren entstanden.

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