Freie Schule ‒ freie Erwachsene?! Die eigene Entwicklung mit in den Blick nehmen (Teil 1)

Eltern melden ihre Kinder an einer besonderen Schule an, damit ihnen dort etwas anderes widerfährt als das, was sie selbst als Schüler erlebt haben. Sie wollen den Kindern ersparen, gedemütigt, verletzt und in ihrer Entwicklung systematisch behindert zu werden. Sie wünschen ihren Kindern, dass sie sich frei entfalten können; dass sie in einem Raum voller Liebe und Respekt geborgen sind, wo sie Anregung und Begleitung statt Belehrung und zur Auslese missbrauchte Bewertungen erhalten.

Ariane Brena und Kay Garcia im Gespräch

Ariane Brena: Eltern sagen: Wir wollen das Beste für unser Kind. Und dieses suchen wir in dieser Freien Schule xy. Gleichzeitig passiert etwas anderes ‒ und zwar meistens unbewusst: Eltern wollen auch das Beste für sich selbst.

Kay Garcia: Ich sehe in dem Wunsch, das Beste für sein Kind und für sich zu bekommen, keinen Widerspruch. Für mich geht das miteinander einher. Die Interpretation, was gut ist für mein Kind, ist immer abhängig davon, was ich für gut halte.

Viel spannender finde ich den Widerspruch, dass die Eltern einerseits das, was du sagst, für ihr Kind in einer Schule suchen; gleichzeitig zu der freien Entwicklung wollen sie aber auch Sicherheit. Eltern sagen: Wir wollen die freie Entwicklung und den anderen Umgang mit dem Kind und gleichzeitig die Sicherheit, dass sich unser Kind so entwickelt, wie wir es gewohnt sind. Sie verabschieden sich bezüglich des Umgangs und auch eventuell der Unterrichtsgestaltung von der Regelschule und wünschen sich etwas anderes, meist etwas als kindgerechter Eingestuftes. Aber gleichzeitig halten sie als Maßstab für die Entwicklung und das Vorankommen weiterhin die Vorgaben und Normen der Regelschule aufrecht.

Ariane Brena: Das, was ich mit »das Beste für sich selbst wollen« meine, ist nicht per se ein Widerspruch zu »das Beste für sein Kind wollen« ‒ da bin ich ganz einverstanden. Mir geht es darum, dass viele oder wohl die meisten Eltern sich selbst Heilung ihrer Verletzungen aus ihrer Schulzeit wünschen, und dass das nicht explizit mit gesagt und gedacht wird: Weil es unbewusst bleibt; oder, wenn es bewusst ist, wird es nicht ausgedrückt, weil die Verletzungen selbst oder die eigene Wut über das Erlebte mit Scham besetzt sind.

Trotzdem wird aber von diesen Eltern versucht, das Eigene zu heilen, indem sie die Kinder in diese Freien Schulen geben. Hier soll alles heil und schön und harmonisch und konsens-orientiert sein … Alle Erwachsenen sollen quasi von jetzt auf gleich anders ticken als die damals erlebten Erwachsenen: respektvoll, gelassen, beziehungs- bzw. bindungsorientiert, wertschätzend … Dabei hat so gut wie niemand das gelernt, weil alle, einschließlich der Pädagogen, noch aus dieser Gehorsams- und Überlebenskampf-Kultur kommen. Und dann passieren sehr typische und bemerkenswerte Konflikte bei den Schulgründungs-Initiativen und in den Schulen ‒ Konflikte zwischen den Erwachsenen.

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