Vom Schmerz der Hochbegabung

von Helga Thieroff

Lit Verlag, ISBN: 978-3-643-13502-5, 14,90 Euro

Auf unverlangt eintreffende Bücher reagiert so manch einer mit Skepsis; doch jenes hier vorgestellte ist so fesselnd, dass es erst nach vollbrachter Lektüre weggelegt werden kann. Helga Thieroff, Kais Mutter, beschreibt in wirklich atemberaubend nüchterner, klarer Weise die faszinierende, leider allzu kurze Biographie ihres Sohnes, dessen »tragisches Schicksal« es war, dass er hochbegabt war: Dass er unter dieser »Not« litt und dies wahrscheinlich zu seinem tragischen Ende führte, wird gleich zu Anfang angesprochen.

Dass Kai bereits bei der Geburt sich als kein »gewöhnlicher« Mensch erwies, hat nichts mit seinen auf solches Schicksal keineswegs vorbereiteten Eltern zu tun; viel dramatischer ist, dass auch das ganze Umfeld jemanden offensichtlich verwirft, der anders sein könnte als die »08-15-Norm«: nicht krank, nicht verkrüppelt, nicht delinquent, sondern lediglich »hochbegabt«! »Kai kannte schon mit knapp zwei Jahren alle Buchstaben, doch haben wir es bewusst vermieden, sein Lesevermögen zu fördern.« Dem Kai am Geburtsort Berlin noch beschiedenen Glück eines privat initiierten »Kinderclubs« folgt die alles verändernde Schulzeit. Der Hoffnung einer guten Lösung in Oslo, wohin die Familie wegen des väterlichen Lehrauftrags an der dortigen Universität umzieht, folgt die Ernüchterung nach der Rückkehr nach Deutschland: Durch die »normale Beschulung« muss Kai mit allen Mitteln in die Normalität eingefügt werden, außer ihm könne eine Krankheit bescheinigt werden. Tragisch, wie Kai an diesem auf Gleichmacherei orientierten Schulbetrieb beinahe zu scheitern, zu zerbrechen droht. »Schon am ersten Tag, als ich meinen Sohn abholen ging, empfing mich seine Lehrerin alarmiert. Sie wisse nicht, was sie mit Kai anfangen solle, er könne alles und sei den anderen Kindern weit voraus.« Wie tragisch für einen Jungen, der so viel sogleich begreifen, erfassen, verstehen, klar erläutern kann, und dessen Wunsch, mit anderen zusammen zu sein, die engen Grenzen altershomogener Schulgruppen sprengt. Sind Hochbegabung und Sozialität vereinbar? Allen Beteuerungen aus Politik und Schulbehörden zum Trotz: In den 90ern war »Hochbegabung« ein weitgehend unbekanntes, ignoriertes Phänomen; jenen, die das Pech dieser »Krankheit« ereilt hatte, sollte psychiatrisch »geholfen« werden. Der Umwidmung von Kais Hochbegabung zu ADS folgte das Verschreiben von Ritalin, was die kluge und kundige Mutter selbstverständlich ablehnte. »Bedauerlicherweise ist es auch heute oft so, dass Psychologen und Psychiater bei der Einschätzung von Kindern wie Kai im Dunkeln tappen und daher zur ungerechtfertigten Pathologisierung neigen.«

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