Das genormte Kind

Eine Kolumne von Michael Gebauer

Gesellschaftlicher Wandel und beschleunigte Modernisierung werden individuell und kollektiv häufig als Kontrollverlust wahrgenommen. Je rascher und tiefgreifender dieser Wandel, desto heftiger der Abwehrreflex und das Bedürfnis nach Kontrolle, Orientierung und Normierung. Was anders ist, von der Norm abweicht, aus der Reihe tanzt, gilt als nicht beherrschbar und damit potenziell bedrohlich und muss angepasst werden.

Dieser Mechanismus scheint gleichermaßen für Staaten bzw. Gesellschaften mit deren politischen, administrativen und institutionellen Organen und Instanzen zuzutreffen. Nun erleben wir gegenwärtig zweifellos einen dynamisierten soziokulturellen Wandel, der in vielfacher Hinsicht durch eine zunehmende Heterogenität, Diversität und Pluralisierung nahezu aller Lebensbereiche gekennzeichnet ist. Damit einher geht eine Logik der Produktivitäts- und Effizienzsteigerung, Selbstoptimierung und Verwertung des Menschen, der als Humankapital betrachtet wird. Dieser widersprüchliche Prozess erfasst in zunehmendem Maße auch Erziehung und Bildung und setzt ihnen ein wachsendes Bedürfnis nach Partizipation, Teilhabe, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung entgegen, vor allem in Kreisen der gesellschaftlichen Avantgarde. Dies kommt beispielsweise in der steigenden Zahl von Gründungen freier Schulen durch Elterninitiativen oder der wachsenden Zahl von Freilernern zum Ausdruck. Überhaupt beanspruchen Eltern zunehmend das Recht, über die Geschicke ihrer Kinder selbst zu bestimmen. All dies kennzeichnet die Verweigerung staatlicher bzw. gesetzlicher Kontrolle, Normierung und Vereinnahmung und provoziert eben jenen ordnungspolitischen Abwehrreflex.

Jüngstes Beispiel ist die Diskussion um die Meldepflicht von nicht geimpften Kindern durch die Kitas. Hier soll es nicht um das Für und Wider der Impfungen an sich gehen, sondern um den daran sichtbar werdenden Mechanismus der Normierung der Kindheit, also des Versuchs, sowohl elterliche Selbstbestimmung als auch die Heterogenität und Diversität von Kindheit in zunehmendem Maße zu kontrollieren und an die Erfordernisse, Strukturen, Mechanismen und Erwartungen des Systems anzupassen.

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