Was bedeutet der Kaiserschnitt für das Kind?

Kinder, die keinen natürlichen Geburtsverlauf erleben konnten, starten mit seelischen Belastungen ins Leben. Das betrifft gegenwärtig rund jedes dritte Neugeborene in Deutschland. Der Blick soll hier beim Geburtserleben in erster Linie auf die Kinder gerichtet werden.

Inés Brock

Gesundheit und Resilienz im Aufwachsen sind eng verbunden mit guten Startbedingungen – darüber sind sich alle Wissenschaftler einig. Wie sich die Wirkungen im Leben entfalten, ist bisher jedoch kaum Gegenstand der Diskussion.

Realität in deutschen Kliniken

Kinder werden geboren – auf die eine oder andere Weise. Der bekannte Geburtshelfer und Autor Michel Odent sagt: »Es ist nicht egal wie wir geboren werden.« Dafür gibt es einerseits wissenschaftliche Erkenntnisse der Medizin und Epigenetik und andererseits logische Schlüsse und Beobachtungen in Familie, Kita, Ergo- und Psychotherapie. Auch wenn die ausgefeilte Technik des Kaiserschnittes lebensrettend für zehn bis max. 15 % (WHO 2015) der Kinder ist, so wird die Entscheidung zum Kaiserschnitt bei mehr als der Hälfte der Geburten ohne Not getroffen. Nicht selten sind es Entscheidungen, die über den Kopf der Gebärenden hinweg getroffen werden und auch medizinisch nicht zu rechtfertigen sind. Wenn gegenwärtig ca. jedes dritte Kind in Deutschland nicht die Erfahrung einer physiologischen Geburt machen darf – nur 7 % der Geburten verlaufen gänzlich ohne Interventionen – dann bedeutet das für das einzelne Kind und seine Eltern eine belastende Erfahrung und letztlich für die gesamte Gesellschaft eine Normverschiebung. Sicherlich gibt es die Kaiserschnitte, die von den Neugeborenen gut kompensiert werden können, bei denen die Mütter wenig Schmerzen und keine traumatischen Erinnerungen haben. Aber die Stimmen derer, die sich dagegen wehren werden lauter. Der Beruf der Hebamme wird zudem entwertet, da der Kaiserschnitt in erster Linie ärztliches Handeln ist. Die Aufklärung zur Option des Kaiserschnittes ist wichtig, bisher wird jedoch selten die Auswirkung auf das Kind thematisiert, sodass der Eindruck entstehen könnte, eine Schnittentbindung sei für das Kind besser. Das Gegenteil ist der Fall, Kinderärzte und Psychotherapeuten warnen zunehmend vor den kurz- und langfristigen Folgen für die Kinder.

Erleben aus Sicht des Kindes

Neurophysiologische Wissensbestände bestätigen die frühe Prägung insbesondere von Stressmustern aus der Schwangerschaft und der frühen Säuglingszeit. Der existenzielle Vorgang der Geburt liegt dazwischen und ist trotz seiner vergleichsweise kurzen Dauer die drastischste Übergangssituation des Lebens – nur mit dem Sterben vergleichbar. Aus der Geborgenheit, Versorgtheit und Enge der Gebärmutter findet der Säugling seinen Weg durch Muttermund, Becken und Vagina. Dabei ist das Kind nicht nur Objekt, sondern aktiv beteiligt. Es wird von kräftigen Wehen massiert, windet sich durch den Geburtskanal und erblickt dann das Licht der Welt mit einer unüberschaubaren Fülle neuer, unbekannter Reize. Seine implizite Erwartungshaltung ist dann von seiner Mutter an die Brust und auf die warme Haut genommen zu werden, um ihre Stimme und den Herzschlag wiederzuerkennen. Innerhalb von Sekunden füllen sich die Lungenbläschen erstmals mit Luft aus der künftig der Sauerstoff gewonnen werden muss. Es muss seine Körpertemperatur selbst regulieren, lernen Nahrung oral aufzunehmen und es beginnt deutlicher zu hören, zu riechen und zu sehen. All dies ist seit Jahrtausenden so. Wir wissen jedoch heute, dass vorsprachliche Erinnerungen existieren. Und weil wir dafür keine Worte haben, werden sie im Unbewussten und im Körpergedächtnis gespeichert. Wenn nun eine Geburt nicht so verläuft, wie es von der Natur aus vorgesehen ist, wenn Medikamente die Sinne trüben, Reize auf das Kind prallen, die es nicht kompensieren kann, weil es von der erwarteten Mutter getrennt wird, dann entstehen Stress und möglicherweise eine Frühtraumatisierung. Da Menschen jedoch sehr resilient sind, können viele Kinder mit einfühlsamen Eltern, die fehlenden Erfahrungen nachholen und Traumata verarbeiten. Nicht wenige Kinder jedoch bleiben innerlich traumatisiert, schreien sich die Seele aus dem Leib, erfahren von ihren Eltern keine Heilung, weil diese möglicherweise selbst traumatisiert, unbeteiligt oder überfordert sind. Kaiserschnittmütter berichten von Ängsten, weil ihnen ihre Selbstbestimmung genommen wurde, sie können sich nicht auf das Kind einlassen, brauchen länger sich für die Liebe zu öffnen oder finden lange keine Bindung an dieses Kind. Aus Sicht des Kindes – für das die Bindung und der Schutz überlebenswichtig sind – entstehen existenzielle Mangelzustände.

Artikel weiterlesen?

Kauf die aktuelle Ausgabe oder schließ ein Abo ab, um alle Ausgaben zu lesen.

Du bist bereits Abonnent oder hast das Heft gekauft und besitzt ein Benutzerkonto?