Kindheit, Armut und Bildungschancen

Kindheitsarmut ist auch in Deutschland ein individueller Risikofaktor, auch hinsichtlich Bildung und Bildungschancen. Wie sind die Fakten und welches Risiko birgt Armut für Kinder?

Ulrich Klemm

Aktuell ist die Armutsbekämpfung eine wichtige innen- und sozialpolitische Aufgabe in Deutschland geworden. Im Januar 2006 berichtete die im Wirtschaftsteil über »Kinder – Armutsrisiko in Deutschland« und schrieb dazu: »Kinder machen arm. Kann eine Mutter mit zwei Kindern von 1.450 Euro im Monat leben? Ja. Aber der Kühlschrank darf nicht kaputtgehen. Und Taschengeld ist nicht drin. Immer mehr Familien fehlt das Geld für das Nötigste«.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Diese nüchterne Beobachtung ist auch 2017 Bestandteil deutscher Kindheitsrealität. Armut –und vor allem Kindheitsarmut – ist zu einem individuellen Risikofaktor in Deutschland geworden und wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Teile der Presse, Ökonomen und der konservativen Politik leugnen das Vorhandensein von Armut in der Bundesrepublik immer wieder und sprechen von Schwarzmalerei. Auf der anderen Seite veröffentlichen Wohlfahrtsverbände und Sozialwissenschaftler seit vielen Jahren regelmäßig Armutsberichte und -studien und dokumentieren Armut in der Bundesrepublik.

Armut in Deutschland bedeutet jedoch nicht absolute Armut im Sinne der Weltbank mit weniger als 1,25 US-Dollar zum täglichen Lebensunterhalt. Es bedeutet auch nicht Hungertod oder Tod durch Seuchen und Entbehrungen. Armut bedeutet in wohlhabenden Industriestaaten aber einen dauerhaften Mangel an Minimalstandards: an Kleindung, Nahrungsmitteln, Freizeit, Möbeln und es bedeutet eine signifikante Benachteiligung in der Arbeitswelt, beim Wohnen, in der Freizeit und in der Bildung. Erhöhte Gesundheitsrisiken, Stigmatisierung und fehlende gesellschaftliche Teilhabe prägen außerdem den Alltag von Menschen in Armutsverhältnissen.

Fakten

Der Paritätische Gesamtverband stellte Anfang 2017 fest, dass die Armut in Deutschland bei allen Risikogruppen – z. B. Kinder, Senioren, alleinerziehende Eltern, Großfamilien, Mirgraten-Familien – in einem Zehn-Jahres-Vergleich auf einem neuen Höchststand von 15,7 Prozent der Bevölkerung angestiegen ist (Der Paritätische Gesamtverband 2017). Und der fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2017 (BMAS 2017) spricht davon, dass zwischen 1,9 und 2,7 Millionen Kinder in Deutschland mit einem Armutsrisiko leben müssen, weil ihr privates Lebensumfeld über weniger als 60 Prozent des Nettoäquivalenzeinkommens verfügt.

In Deutschland zählen über 10 Millionen Menschen als »einkommensarm«. Wer mit weniger als 60 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens auskommen muss, gilt als armutsg efährdet . Das sind ca. 987,- Euro monatlich pro Person (Stand 2014). Einem durchschnittlichen Haushalt in Deutschland – oftmals mit mehreren Einkommensquellen – standen 2014 19.733 Euro jährlich zur Verfügung, wobei es deutliche regionale und berufsbedingte Unterschiede gibt (Datenreport 2016).

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