Die mehrfache Entdeckung der Kindheit

Allgemein wird angenommen, dass, was heute als »Kindheit« bekannt ist, im 17. Jahrhundert entstand. Genau genommen wurde die Kindheit da aber »wiederentdeckt«. Ein Blick auf die Geschichte der Kindheit.

Bernd Hainmüller

Eine grundlegende Erkenntnis, die wir dem Hiiker und Mittelalterforscher Philippe Ariès und seiner bahnbrechenden Arbeit über die »Geschichte der Kindheit« verdanken, lautet: Das, was wir heute Kindheit nennen, hat es nicht immer gegeben. Natürlich hat es immer Kinder gegeben, im Mittelalter wie in der Antike und zu allen Zeiten. Aber eine ganz andere Frage ist, ob die Menschen früherer Zeiten die Phase des Kindseins in gleicher Weise erlebt und erfahren haben wie wir heute. Nach unserem Verständnis wird Kindheit als besonderer sozialer Status wahrgenommen und als Freiraum begriffen; ein Freiraum, den eine Gesellschaft ihren körperlich, geistig und seelisch noch nicht voll entwickelten Individuen gewährt und in dem sie spielend und lernend Erfahrungen sammeln sollen und können mit dem Ziel, später eine eigenständige Rolle im jeweiligen sozialen Bezugsrahmen wahrzunehmen. Dieser Freiraum wird geschaffen, er wird institutionell organisiert (beispielsweise durch Kindergarten und Schule), und er wird mit bestimmten Schutzmaßnahmen abgesichert (etwa mit Hilfe des Jugendschutzgesetzes). Aber dieses Verständnis von Kindheit ist historisch betrachtet noch recht jung. Erst seit dem 17. Jahrhundert haben sich diese Betrachtungsweise und diese Einschätzung kindlicher Existenz angebahnt, und etwa ab dieser Zeit spricht man von der »Entdeckung der Kindheit«. Genau genommen müsste man allerdings von einer »Wiederentdeckung« sprechen, denn die Kindheit wurde mehrfach entdeckt im Laufe der Geschichte.

Frühe Entdeckung

Schon für die Zeit des Hellenismus hat man von einer »Entdeckung der Kindheit« gesprochen. Als Indiz dieser Entdeckung gilt die deutliche Zunahme von bildlichen Darstellungen von Kindern im Hellenismus und besonders von individuellen Kinderbildern in der römischen Kaiserzeit. In der klassischen Zeit waren Kinder nichts anderes als kleine und unfertige Erwachsene, die, eben weil sie noch keine »fertigen Erwachsenen« waren, mit strengen Erziehungsmaßnahmen zurechtgebogen werden mussten. Beliebte Bilder hierfür waren das Zurechtbiegen und Beschneiden junger Bäume, denen man auf diese Weise die rechte Form gibt, das Zähmen und Dressieren von Tieren oder das Einprägen eines Siegels in Wachs.

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