Verschult und entschult: Lernfeld Lernen

Mit dem Modell des lebenslangen Lernens und damit der Verwischung der Grenzen zwischen Spielen, Lernen und Arbeiten ergibt sich auch ein neuer Blick auf junge Menschen und ihre Lebenswirklichkeit . Also, wie gestaltet sich Kindheit heute?

Heinz Hengst

Für einen kurzen Beitrag über »Kindheit heute« bieten sich zwei Möglichkeiten an: Entweder die relativ überschriftenhafte Skizzierung des Gesamtphänomens oder eine exemplarische Bearbeitung. Die Überlegungen in diesem Artikel folgen dem zweiten Muster. Sie sind eine Exkursion in konkurrierende Bildungs- und Lernwelten.

Lernen ist heute weniger denn je an Lernorte im traditionellen Verständnis gebunden. Es kann fast überall stattfinden. Und es ist oft nur sehr schwer als spezifische Aktivität identifizierbar. Zum Beispiel verschwimmen in Gegenwartsgesellschaften die für das Kindheitsprojekt der Moderne charakteristischen Grenzen zwischen Spielen, Lernen und Arbeiten. Anders als noch vor ein paar Jahrzehnten ist kein Ende der Lernreise in Sicht. Die vor allem und von allen Zeitgenossen geforderte Kompetenz besteht darin, sich auf unvorhersagbare künftige Anforderungen und Umstände einstellen zu können. Der Bewohner der »learning society« – wie immer er im Einzelnen verstanden wird – ist nicht der Lernende (der Schüler) im Konzept der Moderne, also jemand, der einer für seine Lebensphase typischen Aktivität nachgeht, sondern der »lifelong learner« . Mit der Vorstellung vom lifelong learner hat das Lebenslaufmodell des »erst lernen, dann arbeiten« ausgedient. Beobachtbar ist darüber hinaus eine Tendenz der Aufhebung der Einheit von Lebensphase und Lebensform. Es entwickeln sich Modelle der offenen Grenzen. Man hat, unabhängig davon, welcher Altersgruppe man angehört, die Option, Anleihe bei Lern-, Lebens- und Identitätsformen anderer Altersgruppen zu machen. Vor allen anderen Zuordnungen sind kollektive Subjekte wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Zeitgenossen, also altersübergreifend als Kinder ihrer Zeit zu betrachten.

Ambiguitäten

Alan Prout, einer der Pioniere der soziologischen Kindheitsforschung, die zu Beginn der Neunzigerjahre von englischen und skandinavischen Forschern initiiert wurde, diagnostizierte die »Ambiguität zeitgenössischen Lebens«. Der Soziologe Nick Lee sieht deren Beginn im Übergang von der Produktions- zur Konsumgesellschaft: Mit der Etablierung des Fernsehens in den Haushalten verwandelte sich, Lee zufolge, die Familie in eine ambigue Institution; denn einerseits festigt das Fernsehen die familiäre Wohnung als einen von der Außenwelt abgeschotteten Kokon. Andererseits fungiert und agiert es im Innern dieses Kokons als Schaufenster, Satellit und Schaltstelle der Konsumgesellschaft. Was Lee zur Familienwohnung sagt, gilt generell. Die Sozialräume der Zeitgenossen, Kinder eingeschlossen, sind komplexe Phänomene. Es handelt sich dabei fast immer um Ensembles aus materiellen, medialen, sozialen und räumlichen, realen und virtuellen Ressourcen, realem und virtuellem Personal. Und die Konsumwelt ist nahezu immer und überall präsent.

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