Elterliche Schuld – Eine lautlose Epidemie

Schwer lastend fühlen heutige Eltern eine vermeintliche Schuld auf ihren Schulter. »Wie konnte ich das nur tun«, mag sich manche Mutter, mancher Vater fragen. Woher kommt diese Schuld? Wie lässt sich damit umgehen? Ein Perspektivwechsel.

Robin Grille

Stellen Sie sich vor, Sie seien eine Fliege an der Wand eines Beichtstuhls in einer kleinen Gemeinde gläubiger Kirchgänger. Innerhalb weniger Sonntage stellen Sie zu Ihrer Erheiterung fest, dass fast jedes Gemeindemitglied von Schuld über den einen oder anderen Fehltritt geplagt ist – aber sie alle denken, sie seien die einzige unreine Seele, während sie die anderen Mitmenschen als aufrechte Bürger sehen. Würden sie doch nur auf ihren sittsamen Anschein verzichten und ihre Wahrheiten einander mitteilen, würden sie sich so erleichtert fühlen, zu sehen, dass sie nicht alleine sind!

Genau so steht es mit elterlicher Schuld. Überall quälen sich Eltern heimlich: »Was hab ich falsch gemacht? Wird mein Kind durch mein Tun oder Nicht-Tun Schaden davontragen?« Und um das alles schlimmer zu machen, gibt es heutzutage sehr viele Informationen über die Bedürfnisse von Babys und Kindern; das Futter für Selbstvorwürfe hat sich so sicherlich verdoppelt. Vergangen sind die alten Tage, in denen unsere Vorfahren dank einer beiläufigen Einstellung den Gefühlen der Kinder gegenüber größtenteils unbesorgt darüber waren, was dem Kind geschah.

Schuld wiegt heute so viel schwerer, da so viele von uns die Tiefen dessen, was sich in unserer Kindheit so »toxisch« anfühlte, ausgelotet haben – dank vieler Stunden in Therapie und auf Seminaren für persönliches Wachstum, dank des Stapels Selbsthilfebücher auf unserem Nachttisch und, natürlich, dank Oprah. Wir sind die erste Generation, die sich im großen Stil geschworen hat, es nicht wie unsere Eltern zu machen. Und dann erwischt man sich in diesem kurzen Moment, in dem man sich fragt, was das eigene Kind eines Tages seinem Therapeuten erzählen wird. Oh Schreck!

Und so sorgen wir uns im Stillen, wie wir uns als Eltern einschätzen und wie unsere Handlungen auf unsere Kinder wirken. So schmerzhaft ist diese quälende Schuld, dass wir sie begraben halten; eine Unterhaltung, die wir mit uns selbst in der Stille der Nacht führen. Selten zeigen wir uns gegenseitig, wie verloren, außer Kontrolle und verletzlich wir uns manchmal fühlen. Das Ergebnis: Die meisten von uns leben in einer Scheinwelt, in der alle Eltern um uns herum es viel besser als wir selbst schaffen. Und wir sind allein mit unseren Eigenarten, Tücken, Übellaunigkeiten und peinlichen Aufmerksamkeitsdefiziten.

Überall quälen sich Eltern heimlich: »Wird mein Kind durch mein Tun oder Nicht-Tun Schaden davontragen?«

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Und dennoch, so sehr ich nach einer Erleichterung der Schuld suche, vertrage ich die oberflächlichen Bemerkungen nicht, die Eltern oft zu hören bekommen, um ihre Schuld zu lindern. »Sorge dich nicht um die Kinder, sie sind belastbar«, heißt das Mantra – und wenn wir es nur glauben könnten, würden unsere Sorgen verschwinden. Tatsache ist, dass jede Mutter und jeder Vater ihren Kindern manchmal Schmerzen bereiten, ohne es zwingend zu bemerken oder zu beabsichtigen.

Auf die eine oder andere Weise ist jeder von uns verletzt und unsere Vorbilder waren nicht perfekt. Wir können unsere Kinder nicht beschützen vor unseren eigenen menschlich beschränkten Fähigkeiten hinsichtlich Personensorge und Zuwendung. Früher oder später kommt es in jeder elterlichen Beziehung zu Reue, Wiedergutmachung und sogar Entschuldigungen. Unsere Babys und Kinder haben jedes Recht, dagegen zu protestieren, wenn wir sie im Stich lassen, auch wenn wir uns dabei unbehaglich fühlen. Wir stellen Behauptungen über kindliche »Resilienz« auf – aber haben wir selbst die Ego-Resilienz, sie ausreden zu lassen, wenn sie direkt mit dem Finger auf unsere elterlichen Schwächen zeigen?

Was können wir also tun, wenn wir schmerzvoll entdecken, dass eine unserer Handlungen unser Kind verletzt hat? Und wie können wir mit der Schuld umgehen, die aufkommt? Schauen wir zuerst kurz, was Schuld eigentlich ist.

Was ist diese »Schuld«?

Schuld und Reue sind sehr unterschiedlich; sie sind sogar gegensätzlich. Bei Reue geht es um die anderen: Es geht darum, ihre Gefühle zuzulassen, mitfühlend zuzuhören, und es geht um den Wunsch und die Bemühung, jeden Schmerz zu heilen, den wir möglicherweise verursacht haben.

Schuld, auf der anderen Seite, ist auf uns selbst konzentriert – und es geht darum, uns selbst zu geißeln. Per Definition ist Schuld die Angst vor Strafe. Schuld nagt in deinen Eingeweiden, während sie dir sagt: »Schau, was du getan hast! Was für eine Mutter, was für ein Vater bist du? Du hättest es besser wissen müssen!« Präventiv, vor dem Urteil unserer Miteltern, führt Schuld den ersten Schlag gegen uns aus. Da Schuld schwer zu ertragen ist, hüllt sie sich in Verleugnung mit Rechtfertigungen wie: »Oh, ich bin sicher, es wird ihm gut gehen«, »Sie verträgt das«, »Das sind nur Krokodilstränen« – und so weiter.

Das unterstützende Dorf, das Eltern brauchen, fehlt in unserer Kultur weitgehend.

Elternschaft findet im Privaten statt.

Aus echter Reue entsteht Liebe; sie heilt, sie ist genau das Richtige, das uns erlaubt weiterzumachen und loszulassen. Schuld jedoch ist eine Sackgasse, in der wir feststecken, und sie entfremdet unsere Kinder von uns. Auch wenn sie eine natürliche und allgemein menschliche Reaktion ist, ist sie einer der zerstörerischsten Gefühlszustände – und sie hilft nicht dabei, dass Beziehungen wachsen.

Die gute Nachricht ist, dass die Lösung, um Schuld loszulassen, eine einfache Frage der Perspektive sein kann. Wenn Sie sich manchmal mit elterlicher Schuld quälen, empfehle ich einige neue, möglicherweise Erleichterung bringende Wege, sich selbst und Ihre Beziehungen zu betrachten.

Sollten Lernende sich schuldig fühlen?

Allgemein haben wir keine Schwierigkeiten einzugestehen, dass wir noch viel zu lernen haben, wenn es um unsere Hobbys oder unsere Arbeit geht. Warum sollte das beim Elternsein anders sein?

Achten Sie darauf, was Sie über sich selbst als Mutter oder Vater sagen. Die schuldgefüllten Selbstgespräche, die manchmal unseren Verstand quälen, können ziemlich alarmierend klingen – sie enthalten Aussagen wie: »Ich habe meinem Kind geschadet! Ich bin eine schlechte Mutter! Ich habe als Vater versagt! Mein Kind wird später gestört sein!«

Sprechen Sie jemals so hart zu sich selbst, wenn Sie Fehler beim Lernen auf anderen Gebieten in Ihrem Leben machen? Selbstverständlich können einige Fehler, die wir als Eltern machen, großen Einfluss auf unsere Kinder haben und wir sollten unsere Verantwortung nicht zu leichtnehmen. Aber rechtfertigt das, uns selbst so fertig zu machen?

Die meisten Eltern glauben, sie sollten das Elternsein besser bewerkstelligen, als sie es tun, und sind dann enttäuscht über sich selbst, wenn es anstrengender ist, als sie erwartet haben. Wenn das auf Sie zutrifft, fragen Sie sich, woher das kommt, dass Sie so viel von sich erwarten.

Alle Eltern sind Lernende!

Manchmal hilft es, uns selbst in einem größeren Kontext zu betrachten. Wie fachkundig sollten wir als Eltern sein? Die meisten nehmen an, dass Menschen schon immer ihre Kinder auf dieselbe Art und Weise aufgezogen haben: in glücklichen und liebevollen Familien. Fakt ist, je weiter wir in der Geschichte der sogenannten Zivilisation zurückblicken, desto rauer und gleichgültiger war das Elternsein – und das gilt für die Mehrheit der Kulturen auf der Welt.

Ich kenne kein besseres Gegenmittel gegen »Schuld« als festzustellen, dass Elternsein eine sich ständig weiterentwickelnde laufende Arbeit ist. Ein schneller Blick auf die Evolution des Elternseins durch die Zeiten vollbringt Wunder dafür, unseren Sinn für Schuld schwinden zu lassen und ihn durch Demut und Begeisterung für Lernen und Wachsen als Eltern zu ersetzen.

Während des Viktorianischen Zeitalters beteiligten sich die Eltern in Europa kaum an der unschönen Tätigkeit der Kinderaufzucht. Die Reichen stellten für diese beschwerliche Aufgabe Kindermädchen an, während der Rest ihre Kinder zur Arbeit schickte, oft schon mit vier Jahren. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren keine Gesetze gegen Kinderarbeit verabschiedet.

Vom Mittelalter bis zur Renaissance gab die Mehrheit der Eltern ihre Babys an bezahlte Ammen und quartierte ihre Kinder aus, damit diese als Auszubildende oder Laienbruder/-schwester für die Kirche arbeiten. Bei beidem – zu Hause und in der Schule – wurden Kinder regelmäßig und brutal geschlagen. Die Peitsche, die Rute oder der Rohrstock gehörten zur Standardausrüstung jedes Klassenzimmers und jedes Haushaltes.

Für Kindheitsforscher machen es die Dokumente recht klar: Quer durch alle antiken Zivilisationen, von Athen bis Rom, von Ägypten bis China, von den Inkas bis zu den Azteken war Kindheit ein Albtraum. Wenige Kinder entkamen derartigen Behandlungen, die wir heute als Missbrauch verstehen. Der Verlust eines Kindes war weit verbreitet und Millionen von Kindern wurden von ihren Eltern verlassen.

Gutes Zuhören erfordert das bewusste Bemühen, offen zu sein und Erwartungen beiseite zu legen; das können wir stetig lernen.

Als die Moderne Fahrt aufnahm, beschleunigte sich auch die Entwicklung des Elternseins. Körperliche Züchtigung, beispielsweise, verschwand rasch. Das Hauen von gestern ist der Klaps aufs Handgelenk von heute (in Australien zumindest). Zu Großmutters Zeiten war es der Holzlöffel, im 19. Jh. war die Prügelstrafe unerlässlich. Heute ist es Eltern in 34 Ländern gesetzlich verboten, ihr Kind zu klapsen oder anderweitig zu schlagen. Weitere 23 Nationen bereiten einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor und die Liste hin zum weltweiten Verbot wächst rapide.

Die Selbstverpflichtung, Kinder respektvoll zu behandeln, ist eine überraschend junge Neuerung. Die internationale Aufmerksamkeit für Kindesmisshandlung kam erst auf, als ein besorgter amerikanischer Kinderarzt 1962 den Begriff »Kindesmisshandlung (Battered-Child-Syndrome)« prägte. Zuvor war Gewalt gegenüber Kindern kein Grund für öffentliche Besorgnis. Die Kunst des Stillens war fast ausgelöscht durch künstliche Milch in den 60er und 70er Jahren. Mithilfe hingebungsvoller Beraterinnen und Stillexpertinnen kämpfte sich das Stillen mühsam seinen Weg zurück – aber eine ganze Generation Rollenvorbilder war nahezu verloren.

Die meisten unserer Generation wurden von hingebungsvollen und liebenden Bezugspersonen beschützt, gefüttert, gekleidet und gebildet – aber nur wenige von uns können behaupten, dass ihre emotionalen Bedürfnisse als Babys und Kleinkinder tief und durchweg befriedigt wurden. Als nächste Stufe auf der sozial-evolutionären Leiter scheinen wir die erste (oder zweite) Generation zu sein, die sich in der Mehrheit mit kindlicher emotionaler Gesundheit befasst. Fragen Sie Ihre Eltern, wie es sich für sie anfühlte, Kind zu sein – und wenn Ihre Großeltern noch leben, stellen Sie ihnen dieselbe Frage. Wahrscheinlich werden Sie feststellen, dass die meisten (wenn auch nicht alle) ihre Babys nach strikten Zeitplänen gefüttert haben und sie gewohnheitsmäßig sich »ausschreien« ließen. Viele von ihnen nutzten großzügig körperliche Züchtigung. Die meisten wurden in der Schule mit dem Rohrstock geschlagen und erlebten wesentlich rauere Bedingungen, als wir heute überhaupt zulassen. Für die meisten von uns ist das unser psychologisches Erbe.

Können Sie mit diesem Erbe noch erwarten, ein Experte zu sein, wenn es gilt, die emotionalen Bedürfnisse Ihres Kindes zu befriedigen? Wir alle zusammen sind Anfänger, die versuchen, sich selbst zu heilen, während sie ein neues Modell empathischer Elternschaft aufbauen. Wird es mit diesem geschichtlichen Hintergrund im Hinterkopf einfacher für Sie, sich Ihre Fehler einzugestehen und zu vergeben?

Natürlich haben wir alle blinde Flecken und geraten als Eltern ab und zu ins Straucheln. Einige von uns können sich gut einfühlen, aber haben Schwierigkeiten damit, ihre Grenzen aufzuzeigen. Einige von uns sind sehr durchsetzungsfähig als Eltern, aber ihnen mangelt es manchmal an Sensibilität. Einige von uns können mit Kleinkindern besser in Beziehung gehen als mit Babys oder andersrum. Dennoch: Aufgrund des neuen, weltweiten Augenmerks auf gesunde emotionale Entwicklung haben wir die Möglichkeit, eine neue Gesellschaft aufzubauen, durch unser ehrliches Bemühen als Eltern zu wachsen. Fühlen Sie sich immer noch schuldig?

Wer hat gesagt, unseren Kindern zuzuhören sei leicht?

Mitgefühl kann eine schwer zu erringende Fertigkeit sein. Psychologen und Berater verbringen Hunderte von Stunden damit, den Gefühlen von Menschen zuzuhören, sodass diese sich gehört fühlen. Ungeachtet all dieser Übung und sogar nach Jahren der Erfahrung kann niemand von uns behaupten, wir bräuchten unsere Fähigkeit mitzufühlen nicht zu verbessern. Gutes Zuhören erfordert das bewusste Bemühen, demütig und offen zu sein und Verurteilungen und Erwartungen beiseite zu legen – das können wir stetig lernen.

Warum sind wir also so überrascht, wenn es uns an Mitgefühl für unsere Kinder mangelt? Es ist in Ordnung, Dinge zu bereuen, aber warum strafen wir uns selbst? Wenn sogar professionelle Zuhörer ihre Kunst weiter erlernen und üben müssen, ist es dann nicht auch für Eltern in Ordnung, dass sie übers Zuhören viel lernen müssen?

Wer hat gesagt, wir sollten alles selbst lösen?

Das unterstützende Dorf, das alle Eltern brauchen, fehlt in unserer Kultur weitgehend. Elternschaft findet im Privaten statt und viele Eltern hatten vor ihrem eigenen nie ein Baby im Arm. Je mehr Anthropologen und Soziologen über menschliche Elternschaft verstehen, desto mehr schließen sie nachdrücklich daraus, dass wir dazu bestimmt sind, Kinder in kleinen, kooperativen Gruppen aufzuziehen und nicht in Kernfamilien. Elternsein soll da stattfinden, wo Hilfe gleich zur Hand ist, in kollektiven Zusammenhängen, wo sogar Kinder ab einem jungen Alter sich in den Fertigkeiten der Kinderaufzucht üben können. Wenn ein Jugendlicher in einer solchen Gesellschaft das Erwachsenenalter erreicht, ist er oder sie gründlich damit vertraut, Kinder jeglichen Alters zu versorgen. Wenn wir im Westen uns mit uns selbst ringend erleben und nicht wissend, was wir mit unserem Kind tun sollen, riskieren wir, uns selbst zu beschuldigen, wenn wir uns nicht folgende zwei Fragen stellen: Habe ich die Unterstützung, die ich verdiene? Und haben meine älteren Verwandten mir gezeigt, mit Babys, Kleinkindern und Kindern umzugehen?

Ein gesundes, emotional stabiles Kind wird sofort zeigen, wenn es sich von Ihnen verletzt oder enttäuscht fühlt.

Folgenden wichtigen Gedanken sollten alle Eltern verstehen: Elternschaft sollte nicht so schwer sein, wie sie sich für die meisten Eltern anfühlt. Der Hauptgrund, warum wir mit uns ringen, warum unser Geduldsfaden so kurz ist, ist, dass unsere Kernfamilien-Situation komplett unnatürlich, unvernünftig und nicht nachhaltig ist. Der Umstand, dass sie gängig ist, befreit sie nicht davon, ungesund zu sein. Kein Elternteil ist dazu bestimmt, allein mit einem oder mehreren Kindern zu sein. Die Natur hat vorgesehen, dass immer ein weiteres Paar Hände verfügbar ist, dem wir uns zuwenden können, lange bevor Müdigkeit zur Erschöpfung wird.

Wenn Sie sich also das nächste Mal dabei ertappen, ungeduldig gegenüber Ihrem Kind zu sein – und dann in Schuld verfallen – sagen Sie sich, dass es ein Zeichen für mangelnde Unterstützung als Mutter oder Vater ist. Ähnlich gesinnte Eltern zu finden und sich mit ihnen zu umgeben, kann so bereichernd sein, wie es Ihnen und Ihrem Kind viel Kummer erspart. Wenn Ihre erweiterte Familie nicht greifbar ist, können Sie vielleicht eine Gruppe gleichgesinnter Eltern in Ihrer Gegend besuchen oder Ihre eigene gründen. Betrachten Sie das als etwas Grundlegendes und nicht als Luxus.

Mitgefühl statt Schuld

Es gibt noch einen letzten Grund, warum wir manchmal nicht angemessen auf unsere Kinder reagieren. Wenn Ihr Kind das nächste Mal mit seinem Verhalten Ihre Knöpfe drückt, sodass Sie unfreundlich reagieren, nehmen Sie sich einige Momente Zeit, um nach innen zu schauen. Versuchen Sie sich daran zu erinnern, wie Sie behandelt wurden, wenn Sie sich ähnlich Ihrem Kind im gleichen Alter verhalten haben. In den meisten Fällen, in denen wir unseren Kindern nicht die Geduld und Sensibilität entgegenbringen, die sie verdienen, entspringt das den tiefen emotionalen Wunden aus unserer eigenen Kindheit. Im Laufe meiner Arbeit haben mir viele Eltern ihr tiefes Bedauern darüber mitgeteilt, dass sie irgendwann einmal ihre Kinder enttäuscht haben. Eine Reise in die eigenen Kindheitserinnerungen ist immer mit Enthüllungen verbunden; damit, neues Licht auf die eigenen Reaktionen zu werfen und Schuld mit Mitgefühl für einen selbst zu ersetzen.

Zwei Vorteile belohnen den sich selbst hinterfragenden Elternteil: Einer ist die Befreiung von Schuld, die die Verbindung mit den Gefühlen des inneren Kindes bringen kann. Der andere Vorteil besteht darin, wie es unsere Herzen für unsere Kinder öffnen kann. Wenn wir etwas tun, das die Menschen verletzt, die wir am meisten lieben, ist das ein Zeichen dafür, dass etwas in uns selbst geheilt werden will. Es ist nicht die Zeit dafür, uns selbst zu geißeln. Natürlich braucht unser Kind unsere Hilfe, wenn es ärgerlich ist, und bestimmt auch unsere Entschuldigung – und wir sollten beides großzügig geben. Aber wir müssen auch unserem eigenen Bedürfnis nach Heilung, Selbst-Mitgefühl, Verständnis und Wachstum nachkommen.

Eine Gruppe Psychologen untersuchte einmal Mütter, für die der Klang des Schreiens ihrer Babys so aufreibend war, dass es ihnen Schwierigkeiten bereitete, diese zu beruhigen. Da ein Baby zu haben für sie so unangenehm war, zeigten sie Symptome einer Postnatalen Depression. Als sie gebeten wurden, ihre eigene Kindheit zu beschreiben, erzählten sie Geschichten der Ablehnung, mütterlichen Distanziertheit, Unverbundenheit und sogar des Missbrauchs. Viele dieser Mütter brachen zusammen und weinten bitterlich, als sie ihre Geschichte erzählten. Was die Forscher dann entdeckten, war sehr aufbauend. Hatten die Mütter einmal in Gegenwart fürsorglicher Menschen getrauert, griffen sie spontan zu ihren Babys und trösteten sie liebevoll in ihren Armen. Das Weinen der Babys hatte die Kraft verloren, den lang zurückgehaltenen Schmerz der Mütter zu triggern.

Elternschaft verbessert sich nicht einfach, weil wir auf bessere Informationen und Ratschläge hören. Die innere Arbeit verändert die Beziehung zu unseren Kindern am meisten: unsere Bereitschaft zu lernen, zu heilen und zu wachsen.

Einmal arbeitete ich mit einer Mutter, die glaubte, dass sich die Beziehung zu ihrer Tochter verschlechterte, als diese ein Teenager wurde. Sie merkte, dass sie sich oft über ihre Tochter ärgerte und diese kritisierte. Ihre Beziehung war zunehmend konfliktreich und an den schlimmsten Tagen war das zwischen beiden vorherrschende Gefühl Hass. Die Mutter fühlte sich beschämt durch ihre Schuldgefühle und beklommen durch die zunehmende Distanz zwischen ihnen beiden. Das änderte sich, als sie selbst aktives Interesse an ihrer eigenen Beziehung als Teenager zu ihrer Mutter entwickelte. Ihre eigene Mutter war ununterbrochen spitzfindig und verurteilend ihr gegenüber. Sie »sagte nie ein nettes Wort zu ihr als Teenager«. Sie fühlte sich als Heranwachsende entfremdet, beschämt und wütend. Kein Wunder, dass sie es so schwer fand, sich mit ihrer eigenen Teenager-Tochter zu verbinden – ihr selbst war es nie erlaubt, ein Teenager zu sein. Als sie mir das erzählte, weinte sie vor Wut und Trauer.

Als sie ihre Aufmerksamkeit von ihrem äußerlichen Verhalten hin zu ihren inneren Gefühlen lenkte, lösten sich die Verurteilungen der Mutter gegenüber ihrer Tochter auf und ihre Schuld und ihre Selbstbezichtigungen begannen zu verschwinden. Je mehr Mitgefühl sie für sich selbst aufbrachte, desto mehr Akzeptanz hatte sie für die natürlichen Pubertätserscheinungen ihrer Tochter: ihre Launenhaftigkeit, ihre starken Meinungen, ihr Infragestellen von Autoritäten und ihre ersten Abenteuer. Mutter und Tochter redeten sehr bald offener miteinander, entdeckten die innere Welt des anderen und eine neue Freundschaft begann zwischen ihnen zu wachsen.

Wir alle kennen den Spruch: »Arzt, heile dich selbst!« Hier ist ein neuer für uns alle: »Eltern, seid euch selbst Eltern!«

Der Vorteil davon, Schuld gehen zu lassen

Ein gesundes, emotional stabiles Kind wird sofort protestieren, wenn es sich von Ihnen verletzt oder enttäuscht fühlt – und es hat keine Schwierigkeiten, das dementsprechend anzusprechen. Bei Kleinkindern findet es sich gewöhnlich irgendwo in diesen Zeilen: »Du bist eine schlechte Mami! Du bist ein blöder Papa!« Oder es wird etwas farbenfroher, wenn ein Teenager seinem Unmut Luft macht. Ich befürworte nicht, dass Eltern die verbalen Attacken ihrer Kinder akzeptieren sollten. Trotzdem, solange wir nicht empathisch zuhören und die Gefühle der Kinder einschätzen, kann keine Heilung oder Erneuerung stattfinden. Und das ist es, warum das Loslassen elterlicher Schuld grundlegend für das Fließen der Liebe zwischen uns und unseren Kindern ist. Nur wenn wir uns nicht den Schmerzen der Schuld, der Scham und Unzulänglichkeit hingeben, ist in uns selbst ausreichend Raum für Respekt gegenüber dem Recht unserer Kinder auf Protest. Ein intaktes Selbstwertgefühl macht uns stark, damit wir unseren Kindern wirklich zuhören können, wenn sie sagen: »Papa, du hast mich im Stich gelassen! Papa, du hast mir weh getan! Mama, du hast mir nicht zugehört!« Richtiges Zuhören ist ein Geschenk, denn nur wenn Gefühle gehört und anerkannt wurden, kann wieder Liebe entstehen und wir können weitermachen. Kinder sind nicht nachtragend, so wie es Erwachsene sind. Ihr Ärger verschwindet in dem Moment, in dem sie sich gehört fühlen – und im nächsten Moment sagen sie Ihnen, dass Sie die beste Mutter oder der beste Vater auf der Welt sind. Aber Schuld oder Scham können uns dazu bringen, die Bemühungen unserer Kinder, die Beziehung zu reparieren, zu untergraben. Wenn sie ihren Kummer äußern, drehen wir uns weg, wir leugnen ihre Gefühle oder spielen diese runter und das lässt sie sich unwichtig fühlen. Unsere Schuld macht uns überempfindlich und schwer ansprechbar.

Bei guter Elternschaft geht es um die Bereitschaft, Fehler und Mängel mitfühlend und offen einzugestehen.

Wird elterliche Schuld durch emotionale Ehrlichkeit ersetzt, geht für die Familie erneut die Sonne auf. Die Beziehungen werden angenehmer und das Lachen kehrt in den Haushalt zurück. Ihr Kind möchte nicht, dass Sie sich winden, um Vergebung betteln, sich selbst fertig- oder in irgendeiner Weise niedermachen. Es will nur die Gewissheit, dass Sie wirklich erkennen, was Sie getan haben oder nicht getan haben und ihre oder seine Gefühle dabei sehen, und es will sehen, dass Sie wirklich daran interessiert sind zu lernen und zu wachsen. Das ist nicht so schwer, es erfordert lediglich ein offenes Herz, Demut und emotionale Verletzlichkeit. Der Lohn ist es wert. Und wenn Sie sich darauf einlassen können, werden Sie erstaunt sein, wie sehr Ihre Kinder Ihnen vergeben können.

Was also macht uns zu »guten Eltern«?

Als Vater habe ich so viele Fehler gemacht, war ungeduldig, reizbar und unangemessen drängend manchmal. Wenn also mein Selbstwert darauf beruhen würde, ein »guter Vater« zu sein, wäre ich in Schwierigkeiten. Worauf sollte unser Selbstwert als Eltern also beruhen?

Ich würde alle Eltern auffordern, neu zu definieren, was eine »gute Mutter« oder ein »guter Vater« ist. Es geht nicht so sehr darum, wie oft wir es mit unseren Kindern richtig machen, es geht nicht um die Fehler, die wir machen. Bei guter Elternschaft geht es um die Bereitschaft, unsere Fehler und Mängel mitfühlend und offen einzugestehen und demütig genug zu sein, sich zu entschuldigen, wenn es nötig ist. Es geht auch darum, ständig bereit zu sein zu lernen, zu heilen und zu wachsen. Wenn wir uns an unseren Kindern erfreuen für das, was sie sind, und es vermeiden, uns selbst zu ernst zu nehmen, ist dieses Ziel gut erreichbar für uns.

Ein integraler Bestandteil der Elternschaft – einer, der einigen von uns vorher erzählt wurde – besteht darin, dass wir früher oder später unsere Kinder verletzen und enttäuschen. Wir lieben sie unermesslich, aber wir tun ihnen auch manchmal weh. Die Gründe dafür sind zahlreich und sie sind schmerzvoll einzugestehen. Normalerweise haben wir unsere »blinden Flecken« als Eltern in genau den Bereichen, in denen wir als Kinder verletzt wurden – genau da, wo wir selbst Heilung und Unterstützung brauchen. Diese nur allzu menschlichen Beschränkungen definieren nicht die Beziehung zu unseren Kindern. Eine liebevolle Beziehung ist keine, in der Schmerz niemals stattfindet. Die erfüllendste Beziehung mit unseren Kindern ist möglich, wenn sie regelmäßig erneuert wird durch Erzählen, und Hören, der emotionalen Wahrheit. ■

Robin Grille

ist ein australischer Psychologe, Elternberater, Autor und Vater. Er hat eine Praxis für individuelle Psychotherapie und Beziehungsberatung. Er ist Autor des Buches Kinder zeigen, was sie brauchen . Mehr von ihm auf hearttoheartparenting.org.