Das erziehungsfreie Leben im Alltag (und seine Tücken)

Frage: Meine Tochter ist drei Jahre alt und ich habe sie bisher ganz klassisch erzogen, so wie ich es aus meiner eigenen Familie und meinem Umfeld kenne. Irgendwas hat sich aber schon immer seltsam angefühlt. Nun bin ich durch diverse Artikel auf unerzogen gestoßen und möchte damit aufhören, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Wie geht das?

Eine Antwort von Sylvia K. Will

Herzlich Willkommen und wie wunderbar, dass du den Weg zum erziehungsfreien Zusammenleben gefunden hast. Der vielleicht absurdeste, aber ernst gemeinte Ratschlag wäre: Tu lieber erstmal gar nichts. Warum? Unerzogen birgt eine große Gefahr. Nämlich die, aus falsch verstandenem (anerzogenem?) Ehrgeiz alles bisher Aktuelle über Bord werfen zu wollen, um alles zu verändern – sodass am Ende überhaupt nichts mehr funktioniert. Eins sollte dir klar sein – der Entschluss, ohne Erziehung leben zu wollen, ist der Anfang einer weiten Reise, die dich am Ende zu dir selbst führt. Und es ist gut, den Enthusiasmus des Anfangs zu nutzen, um möglichst viel zu lesen, zu hören, zu wissen, zu reflektieren … und um dann, wenn es soweit ist, neue Entscheidungen treffen zu können.

Entscheidungen, die wahrscheinlich schon die ganze Zeit in dir schlummerten, aber die bisher durch rationale Gedanken mit Erzieherabsicht überdeckt wurden.

Du schreibst, was du bisher getan hast, fühlte sich schon immer falsch für dich an. Großartig! Geh diesem Gefühl weiter nach, spür genau hin. Was ist das, was sich da komisch anfühlte? Was hat dich gestört? Woher kennst du diese Gefühle? Was hättest du dir gewünscht, als du diese Gefühle vielleicht als Kind schon einmal hattest, und was glaubst du, wünscht sich dein Kind jetzt von dir?

Wenn du genug gelesen, genug Ideen entwickelt, genug gedacht und reflektiert und entschieden und wieder gedacht hast, dann werden sich wahrscheinlich drängende Impulse entwickeln, die dich dazu bringen, dass du die Dinge anders tust , weil du sie anders fühlst und anders darüber denkst . Und wahrscheinlich wird das dazu führen, dass du passend zur Entwicklung deiner inneren Haltung deinem Kind authentisch begegnen wirst.

Dabei wirst du sicherlich viele Dinge anders machen. Du wirst häufiger Ja statt Nein sagen. Du wirst überlegen, ob etwas jetzt nicht geht, weil es dir zu unbequem ist oder weil ein wirklich wichtiger Grund dagegenspricht. Du wirst mit deinem Kind häufiger in einen Dialog treten und weniger deine Macht ausspielen, die du nun mal als Erwachsener hast. Du wirst deinem Kind ermöglichen, dass es Gefühle haben und ausleben darf und du wirst feststellen, wann diese Gefühle dich so berühren, dass sie nur etwas mit dir und deiner Vergangenheit zu tun haben. Für diese Gefühle wirst du als Erwachsener die Verantwortung tragen und sie nicht deinem Kind in die Schuhe schieben. Du wirst dein Kind Fehler machen lassen können und du wirst selber Fehler machen, und den Mut haben, dich dafür aufrichtig zu entschuldigen. Du wirst erkennen, was deinem Kind wichtig ist und wirst nach Lösungen suchen. Und du wirst erkennen, was dir wirklich wichtig ist und nach Lösungen suchen. Du wirst dein Kind ansehen und feststellen, dass du es liebst, ganz egal für welchen Lebensweg es sich entscheidet. Und du wirst dir vergeben können, wenn dir das an manchen Tagen nicht so gut gelingt wie an anderen.

Es könnte noch sehr lange so weitergehen, denn die Dinge, die du wahrscheinlich verändern wirst, sind unendlich. Aber was du vor allem ändern wirst, ist der Blick, mit dem du auf dein Kind schaust. Und das wird das Allerwichtigste sein. Dein Kind ist nicht länger ein Objekt, welches du mit adäquaten Maßnahmen über eine von dir ausgesuchte Ziellinie schleifen möchtest, sondern du wirst lernen, dein Kind als den Menschen zu sehen, der sie bereits ist und ihr den Raum zu geben, sich in alle Richtungen zu entwickeln, die sie für notwendig erachtet. Dabei kannst du begleiten, beraten und viel Beziehungsarbeit anbieten. Manchmal wirst du auch einen Rahmen stecken, den du für unausweichlich erachtest.

Vielleicht ist es ja doch möglich, dass du schon heute beginnst, wenn du einen dieser Impulse spürst. Wenn der erste Stein angestoßen ist, fällt der Rest oft von alleine …

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