Auf der Suche nach dem verlorenen Selbstwert

Eine Kolumne von Alexej Sesterheim

Unser Selbstwert, der unendliche und einmalige Wert, der jedem Menschen, dem jungen wie dem alten, zu eigen ist, ist das größte Geschenk, der größte Schatz, den wir nur haben können. Warum aber fühlen wir ihn so oft nicht?

Neulich stellte jemand in einer Social-Media-Gruppe die folgende zunächst harmlos erscheinende Frage: »Welche positiven Dinge haben deine Eltern in deiner Kindheit zu dir gesagt?«

Das Ergebnis war erschütternd: Die Mehrheit der Antwortenden suchte vergeblich in ihrem Gedächtnis nach anerkennenden Worten oder Zärtlichkeit von Seiten ihrer Eltern. Zutage kamen stattdessen oft Kritik und Negatives.

»Kindheit ist kein Kinderspiel« stand vor zwei Jahrzehnten auf einem Plakat des Kinderschutzbundes. Und auch heute sind wir als Gemeinschaft von der gleichwertigen, geschweige denn wertschätzenden, Behandlung der Kinder, die doch die schwächste und wehrloseste Minderheit darstellen, noch weit entfernt. Der Begriff »minder-jährig« scheint viele – bis hin zum Papst – zu verführen, Kinder als »minder-wertig« einzustufen. Kein Wunder, dass so viele Kinder und Erwachsene von Minderwertigkeitskomplexen heimgesucht werden und Depressionen und Süchte bis hin zu Selbsttötungen Konjunktur haben.

Wie nur konnte es zu einer so tiefen Zerrüttung und Verschüttung des Selbstwertgefühls der europäischen Bevölkerung kommen? Wilhelm Reich hat sich – schon 50 Jahre vor Jean Liedloff – intensiv mit Naturvölkern beschäftigt, und auch er fragte sich, wo in aller Welt auf unserem geschichtlichen Weg in unsere Gegenwart denn das so verständnisvolle und friedliche Zusammenleben der Generationen geblieben ist, welches bei vielen Naturvölkern völlig selbstverständlich war und ist (vgl. dazu den Film von Gordian Troeller Kinder der Welt ).

Seit wann hat Erziehung jenen Frieden ersetzt und Krieg in die Kindheit getragen? Wieso benimmt sich ausgerechnet im Umgang mit dem eigenen Kind die Mehrheit der angeblichen Art Homo sapiens – um es in den Worten von Goethe zu sagen – »… tierischer als jedes Tier«?

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