Das »Ja« im »Nein« entdecken

Die Möglichkeit, ein »Ja« im »Nein« zu entdecken, mag zunächst widersprüchlich klingen. Die Gewaltfreie Kommunikation bietet diesbezüglich Inspirationen, die zu gegenseitigem Verständnis und einfühlsamer Verbindung beitragen.

Hanna Brodersen

Für die meisten Menschen stellt der Ausdruck eines »Neins« in Beziehungen eine besondere Herausforderung dar. Einerseits fällt es nicht jedem leicht, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu formulieren und gegebenenfalls durch ein »Nein« zu schützen. Andererseits haben Verneinungen Potenzial, im Gegenüber Not auszulösen, weil sie leicht an jene kindliche Ohnmacht und den alten Schmerz des Abgelehntseins erinnern, der bis heute in so vielen Eltern-Kind-Beziehungen eine leidvolle Rolle spielt.

Kindliche Integrität

Vielleicht benötigt kein anderes kindliches Bedürfnis so sehr unsere Unterstützung wie jenes nach Integrität. Weil natürlicherweise ein Machtgefälle zwischen Eltern und ihren Kindern besteht, ist es besonders verletzbar und erfordert ein erhöhtes Maß an Achtsamkeit; Ohnmacht gehört zu der Lebensrealität eines jeden Kindes, denn es ist schließlich ganz unbestreitbar auf die Fürsorge und Zuwendung seiner Bezugspersonen angewiesen. Tragischerweise haben es insbesondere Eltern, deren eigene Integrität als Kind verletzt wurde, schwer, ein achtsames Gespür für die Grenzen ihrer Kinder entwickeln zu können und entsprechend einfühlsam auf sie zu reagieren.

Die kindliche Integrität gerät dort in Gefahr, wo:

  • wiederholt aus einem »Nein« ein »Ja« werden muss, um es den Eltern recht zu machen und sie vor eigener Hilflosigkeit oder Gefühlen wie Ärger und Trauer zu schützen.
  • Bedürfnisse grundsätzlich zurückgestellt werden müssen, weil Strafen drohen und die Liebe an Bedingungen geknüpft ist.
  • Kinder ganz allgemein von ihren Bedürfnissen entfremdet werden, weil der freie Gefühlsausdruck nicht willkommen ist, die Eltern sich ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen nicht bewusst sind und daher auch ihre Kinder nicht dabei unterstützen können, ihre inneren Anliegen zu erforschen und zum Ausdruck zu bringen.
  • Eltern durch viele Glaubenssätze und Gedanken von ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen entfremdet sind, aufgrund dieser Überzeugungen ebenfalls nicht frei sind, »Nein« zu sagen, oder das »Nein« anderer Menschen als persönliche Ablehnung wahrnehmen und bewerten.
  • autonome Bestrebungen als Gefahr für die Macht der Eltern erlebt werden und Angst auslösen.

Die Freiheit »Nein« zu sagen

Damit junge Menschen sich frei fühlen, ein »Nein« zum Ausdruck zu bringen und ebensolches annehmen zu können, ohne in Not zu geraten, benötigen sie sichere Beziehungserfahrungen. Sie brauchen Vorbilder, die sie dabei unterstützen, mit ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen in Verbindung zu treten, denn das ist die Voraussetzung, um dies auch im Außen zum Ausdruck bringen zu können.

Sie brauchen die Sicherheit, dass ein »Nein« die Zugewandtheit der Bezugspersonen nicht gefährdet, und das Vertrauen, mit ihren Bedürfnissen grundsätzlich ernst genommen zu werden. Kinder benötigen Eltern, die die Verantwortung für ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse übernehmen und die selbstfürsorglich vorleben, dass diese bedeutsam sind, ohne sie deswegen tendenziell denen ihres Kindes überzuordnen. Kinder brauchen Vorbilder, die einerseits zu einfühlsamer Selbstverständnis in der Lage sind und andererseits mitfühlend auf die Sehnsucht ihrer Kinder eingehen können. Sie brauchen eine Idee davon, wie sie sich für die eigenen Bedürfnisse einsetzen können, ohne die des Gegenübers aus dem Blick zu verlieren. Sie brauchen eine Idee davon, wie eigene Grenzen geschützt werden können, ohne andere Menschen in ihrer Freiheit einzuschränken. Sie benötigen die Gewissheit, dass sie mit dem, was sie brauchen, grundsätzlich berücksichtigt werden, um dann auch selbstverständlich Rücksicht darauf nehmen zu können, dass andere Menschen sich ebenfalls für die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse einsetzen.

Im Grunde ist es ganz einfach: bejahen.

Ein Kind, das sich seiner Bedürfnisse bewusst ist und sich dafür engagieren darf, diese auf individuelle Weise zu nähren, lebt in einer Fülle, die anderen Menschen ganz selbstverständlich zugesteht, für die ihrigen zu sorgen.

Ein Kind, welches seinen Bezugspersonen mit allen Gefühlen willkommen ist, wird ein stimmiges Selbstbild sowie die Fähigkeit entwickeln, auch andere mit ihrem Fühlen anzunehmen – es kann das »Nein« anderer Menschen bejahen, weil es dieses als Ausdruck eines lebendigen Bedürfnisses erkennen kann.

Jede Handlung ist ein »Ja« zu einem Bedürfnis

Grundsätzlich verbirgt sich hinter jedem »Nein« immer ein »Ja« zu sich selbst und der eigenen Sehnsucht.

Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg setzt in ihrem Menschenbild voraus, dass jede Handlung dem bestmöglichen Versuch dient, ein Bedürfnis zu erfüllen. Wenn wir mit anderen Menschen eine einfühlsame Verbindung aufnehmen möchten, brauchen wir nichts anderes tun, als das »Ja« zu jenem Bedürfnis wahrzunehmen, das ihr gegenwärtiges Handeln erfüllen soll, und die Schönheit dieser Absicht anzuerkennen. Die Gewaltfreie Kommunikation unterscheidet zwischen einem Bedürfnis – die universellen Sehnsüchte, die wir mit allen Menschen dieser Welt gemeinsam haben –, und Strategien – den individuellen Handlungen, mit denen wir für das sorgen wollen, was wir gerade brauchen.

Grundsätzlich verbirgt sich hinter jedem »Nein« immer ein »Ja« zu sich selbst und der eigenen Sehnsucht.

Die Weigerung eines Kindes, Zähne zu putzen, mag den bestmöglichen Versuch darstellen, die eigene Selbstbestimmung zu nähren. Ein »Nein« zum Aufräumen stellt vielleicht die gegenwärtige Sehnsucht nach Spiel und Leichtigkeit dar. Ein junger Mensch, der lieber bei seiner Mutter bleiben möchte, anstatt den Kindergarten zu besuchen, sucht damit möglicherweise einen Raum, in dem sich seine Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Zuwendung nachhaltiger erfüllen lassen.

In einer einfühlsamen Verbindung ist es zunächst einmal zweitrangig, ob eine Strategie bekannt ist, mit der sich das hungrige Bedürfnis nachhaltig nähren lässt. Der Sohn Miki Kashtans, einer amerikanischen Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation, sagte einmal: »Meine Bedürfnisse haben sich nicht immer erfüllt, doch ich konnte stets darauf vertrauen, mit ihnen wahrgenommen zu werden!«

Marshall Rosenberg lehrte uns, dass wir mit den Strategien anderer Menschen nicht einverstanden sein müssen und gleichzeitig sehr wohl verständnisvoll wahrnehmen können, welches Bedürfnis in diesem Augenblick hungrig ist. Wenn mein Kind also dem Hund am Schwanz zieht, dann muss ich diese Strategie nicht bejahen, kann jedoch mitfühlend anerkennen, dass es sich hierbei um den Versuch handelt, die Umwelt und seine Einflussnahme darauf zu erforschen, um daraus zu lernen. Ich kann mich immer wieder aufs Neue daran erinnern, dass dies der bestmöglichen Weise entspricht, die meinem Kind aus seiner derzeitigen Lebenserfahrung heraus bekannt ist und ihm im jeweiligen Augenblick zur Verfügung steht, um sein Bedürfnis zu erfüllen.

Selbsteinfühlung und Einfühlung

Die Bedeutsamkeit und Schönheit der Einfühlung gilt nicht nur für das kindliche Erleben.

Oft sind Eltern zwar höchst motiviert, einfühlsam die Bedürfnisse ihrer Kinder zu berücksichtigen, stellen im selben Maße jedoch ihre eigenen zurück. Kinder benötigen die mitfühlende Unterstützung ihrer Bezugspersonen, um eine gesunde Integrität entwickeln zu können. Wenn Eltern sich den Bedürfnissen ihrer Kinder jedoch mitfühlend zuwenden, ohne dabei selbsteinfühlsam mit ihren eigenen Anliegen zu sein, muss die Quelle des Mitgefühls früher oder später versiegen.

So schimpft auch eine Mutter ärgerlich über die am Boden liegende Jacke, weil sie ein Bedürfnis nach Rücksichtnahme und Unterstützung hat. Ein Vater, der seinen Sohn auffordert, beim Essen am Tisch sitzen zu bleiben, sehnt sich nach Gemeinschaft und Verbindung.

Erst dann, wenn Eltern ihre Kinder aus einem Ja zu den eigenen Bedürfnissen heraus beantworten, sind sie wirklich frei dafür, bestmöglich achtend und mitfühlend wahrnehmen zu können, was ihre Kinder brauchen. Erst dann, wenn die Fragen »was brauchst du« und »was brauche ich« Hand in Hand gehen, entsteht eine Qualität von Verbundenheit, die wirklicher Achtsamkeit entspricht und die am wahrscheinlichsten macht, dass sich Lösungen finden lassen, die alle Bedürfnisse berücksichtigen.

Die Bedürfnisebene

Der Blick auf die Bedürfnisebene schafft Verbindung, gegenseitiges Verständnis und die beste Grundlage, um Strategien zu finden, die das, was alle brauchen, berücksichtigen.

Wenn Kinder die Lieblingsstrategien ihrer Eltern verneinen, unterstützt diese möglicherweise die Erinnerung daran, dass sich in einem Nein immer ein Ja zu den eigenen Bedürfnissen verbirgt und damit einer gesunden Selbstfürsorge entspricht.

Um ein gleichwürdiges Miteinander zu gestalten, in dem jeder frei ist, sich mit den persönlichen Gefühlen und Bedürfnissen zu zeigen, können wir dreierlei tun:

  • das Bedürfnis unserer Kinder einfühlsam vermuten, bevor wir unser eigenes Anliegen zum Ausdruck bringen.
  • in Verbundenheit mit unserem eigenen Bedürfnis sprechen.
  • Strategien erst wählen, nachdem die Bedürfnisse des Kindes und auch das der Eltern wahrgenommen wurden.

Einige Beispiele sollen die beschriebenen Aspekte spürbar machen:

Stellen wir uns eine Mutter vor, die im Spätherbst, bei bereits kühlen Temperaturen sieht, dass ihr dreijähriger Sohn sich entkleidet hat, während sie mit einer anderen Mutter in ein Gespräch vertieft gewesen ist.

Eine Mutter, die keinen Augenblick gefunden hat, sich einfühlsam mit dem Erleben ihres Kindes zu verbinden, klingt möglicherweise so:

»Es ist viel zu kalt! Zieh dir sofort deine Sachen wieder an, sonst wirst du krank!«

Das kurze Einstimmen auf das Erleben des Kindes, ermöglicht hingegen eine andere Qualität der Verbindung:

»Fühlt sich der Sand schön auf der nackten Haut an? Magst du gern, wenn du dich ohne Kleidung ganz frei bewegen kannst?«

Wenn wir uns einen Moment Zeit nehmen, um auch mit unserem Bedürfnis, unserer Sehnsucht, der lebensdienlichen Absicht Kontakt aufzunehmen, sprechen wir außerdem aus einer vollkommen anderen Energie heraus:

»Schau, du hast Gänsehaut und deine Füße sind ganz kalt. Ich hab Sorge, dass du frierst und es beim Spielen vielleicht gar nicht merkst.«

Nachdem die Mutter ihr eigenes Bedürfnis wahrgenommen hat (Fürsorge, beitragen wollen, schützen) und das ihres Kindes einfühlsam benannt hat (Genuss, Freiheit), steht ihr die ganze Fülle der Strategienvielfalt zur Verfügung und sie wird sich dieser aus einer anderen Energie heraus bedienen.

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen ein sofortiges Handeln erforderlich ist und in denen kein Raum besteht, Bedürfnisse einfühlsam wahrzunehmen. Etwa dann, wenn unser Kind auf die Straße zuläuft, die Gefahr besteht, dass einem Lebewesen Schmerz zugefügt wird oder Dinge Schaden nehmen können, die uns am Herzen liegen. Dann handeln wir unmittelbar, bestenfalls in der Bewusstheit, dass wir schützend eingreifen wollen, anstatt zu strafen. Später können wir einfühlsam wahrnehmen, was in unserem Kind lebendig gewesen ist, und uns dann selbsteinfühlsam unserem eigenen Erleben zuwenden, um dort zu entdecken, was wir fühlen und was uns nun guttun würde.

Es lässt sich also zusammenfassen, dass die Fähigkeit, das »Ja« im »Nein« entdecken und annehmen zu können, Hand in Hand mit der Bewusstheit und dem Bejahen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse geht. Erst, wenn ich verstehe, dass das »Nein« eines anderen Menschen niemals gegen mich gerichtet, sondern immer Ausdruck eines Bedürfnisses ist und damit einem »Ja« zu sich selbst entspricht – sind wir frei, es mitfühlend willkommen zu heißen. Dann können wir, nicht zuletzt, nach anderen Strategien suchen, die für uns alle passen.

Eine Einladung zum Üben: Bitte erinnere dich an eine Situation zurück, in der es für dich herausfordernd gewesen ist, ein »Nein« auszudrücken, und finde das dahinterliegende Bedürfnis und damit das »Ja« zu dir selbst.

Erinnere dich an eine Situation, in der dein Kind Dir gegenüber auf eine Art und Weise, die für dich herausfordernd gewesen ist, ein »Nein« ausgedrückt hat, und stelle eine einfühlsame Vermutung darüber an, welchem Bedürfnis die Verneinung dienlich war. ■

Hanna Brodersen

gründete vor fünf Jahren eine Elternplattform zum Thema Gewaltfreie Kommunikation, die sie bis heute moderiert. Familien in ein gleichwürdiges und liebevolles Miteinander zu begleiten, entspricht ihrer tiefen Sehnsucht, etwas für eine Welt beizutragen, in der Kinder geschützt und sicher aufwachsen können. Sie ist Autorin des Buchs Dich durch mein Herz sehen – Gewaltfreie Kommunikation für Eltern.