Das erziehungsfreie Leben im Alltag (und seine Tücken)

Sie fragen, wir antworten!

Eine Antwort von Sylvia K. Will

Frage: Wir haben zwei Kinder im Alter von drei Jahren und neun Monaten. Vor zwei Jahren haben wir uns entschieden, unsere Kinder zu Hause zu betreuen. Außerdem sind wir sehr vorsichtig bei der Wahl unserer Kontakte. Ich kann es einfach nicht ertragen, wie erzieherisch andere Leute mit ihren und unseren Kindern umgehen. Mein Mann sagt jedoch, dass wir unsere Kinder damit in einer Blase großziehen, die nicht der reellen Welt entspricht. Schließlich müssen sie ja auch irgendwann mal in die Schule. Machen wir unsere Kinder damit zum Außenseiter?

Das ist eine interessante Perspektive, die Ihr Mann da eröffnet. Inwiefern üben wir als Eltern eigentlich Erziehungsgewalt aus, wenn wir das Umfeld unserer Kinder zu kontrollieren versuchen?

Aber von vorn. In den ersten Lebensjahren der Kinder sind die Eltern häufig die wichtigsten Bezugspersonen dieser. Die ersten Menschen, mit denen sie eine innige Bindung aufbauen – diejenigen, an denen sie sich orientieren, denen sie vertrauen, von denen sie lernen (wollen). Ein Kind, welches auf die Liebe, Fürsorge und Unterstützung seiner Eltern angewiesen ist, wird deren Normen und Wertvorstellungen anfangs häufig ungefragt übernehmen. Dies ist ein Prozess, den wir nur schwer beeinflussen können.

Wenn wir als Eltern ein Interesse daran haben, keine reingewaschenen, weißen Wände zu sein, sondern greifbare, echte, authentische Identitäten, an denen sich unsere Kinder orientieren und reiben können, dann geben wir zwangsläufig viel von dem mit, was wir glauben, denken, für moralisch und ethisch sinnvoll halten, was wir ablehnen, verachtenswert oder widerlich finden. Wahrscheinlich gehen Sie momentan davon aus, dass was und wie Sie leben, die optimalen Rahmenbedingungen für ein gesundes Aufwachsen Ihrer Kinder bietet.

Ich höre viel Skepsis in Ihren Worten, dass jemand anders – sei das eine Institution oder andere Menschen – da nicht mithalten kann. Solange Ihre Kinder noch sehr klein sind, ist es unwahrscheinlich, dass sie sich davon irritieren lassen werden aus den vorher genannten Gründen. Relevant wird es jedoch dann, wenn Eltern merken oder merken sollten, dass die Vorstellungen und Ideen, die sie für das Leben ihrer Kinder hatten, nicht mehr mit dem übereinstimmen, was die Kinder brauchen, fordern oder leben wollen.

Viele Eltern, die erziehungsfrei mit ihren Kindern leben wollen, stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn diese einfordern einen Kindergarten, einen Tanzkurs, einen Sportverein, eine Musikschule, die Grundschule nebenan oder auch nur das Kind der schrecklich erziehenden Nachbarn besuchen zu wollen. Die Welt ist voll von Menschen, die unsere Ansichten über einen gleichwürdigen Umgang mit anderen nicht teilen – aber ist es deswegen eine Welt, vor der Kinder ferngehalten werden müssen? Oder geht es nicht vielmehr darum, ihnen den Boden zu bereiten, einen sicheren Hafen zu schaffen und im echten Kontakt zu unseren Kindern zu bleiben, sodass diese auf dem Weg, den sie mit den ersten selbstständigen Schritten machen, Unterstützung und Rückhalt haben, wenn sie diese benötigen?

Bezug nehmend auf Ihre Frage wäre also wichtig, wem es eigentlich Schwierigkeiten bereitet, dass andere Leute anders mit Ihren Kindern umgehen als Sie das tun. Nur Ihnen, Ihrem Mann oder tatsächlich Ihren Kindern? Es ist gut möglich, dass Ihre Kinder in Kauf nehmen, dass es in anderen sozialen Kontexten, Gruppen oder Institutionen anders läuft als bei Ihnen zu Hause – und trotzdem in Ordnung ist. Möglicherweise profitieren sie von dem, was sie dort tun können, wer sie dort sein können oder mit wem sie ihre Zeit verbringen können.

Aus Sicht Ihres Mannes haben Sie den Erziehungsauftrag, Ihre Kinder fit fürs »echte Leben« zu machen – als sei das, was sie bisher leben, nicht das echte Leben. Dieser wenig hilfreichen Idee liegt aber ein interessanter Gedanke zu Grunde – wie viel Kontrolle kann, darf und sollte ein Elternteil über das Leben eines Kindes ausüben? Und gehört zum Loslassen und So-sein-Lassen nicht eben auch dazu, die eigenen Sorgen, Ängste, Gedanken und Fantasien genauer zu hinterfragen, zu überprüfen und gegebenenfalls beiseite zu legen?

Richten Sie den Fokus wieder auf Ihre Kinder, indem Sie genau nachschauen, wo und mit welchen Menschen sie sich gut fühlen in ihrem Leben. Das sollte Ihr Maßstab sein – und nicht die eigenen Überzeugungen. Möglicherweise können Sie viel von Ihren Kindern lernen. ■

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