Trauerarbeit nach Fehlgeburt: Den Verlust des Kindes akzeptieren und verarbeiten

Trauer nach einer Fehlgeburt wurde lange totgeschwiegen. Um den Verlust eines Kindes in der frühen Schwangerschaft zu verarbeiten und nicht zu verdrängen, ist jedoch ein Trauerprozess notwendig. Dieser kann ganz individuell aussehen.

Miriam Funk

Bereits in den ersten Wochen einer Schwangerschaft entwickelt sich bei einer Frau eine tiefe Bindung zum Ungeborenen. In der Regel beginnt auch der Partner sich zu freuen, beide werdenden Eltern freuen sich auf ihr Leben mit dem Kind. Mit einer Fehlgeburt platzt dieser Traum. Eine Fehlgeburt bedeutet zunächst mal den Verlust des Kindes, bevor es außerhalb des Mutterleibs lebensfähig ist. Doch ein Kind zu verlieren, auch wenn es noch so klein ist, bedeutet für die Mutter bzw. die Eltern einen schweren Verlust. Es ist wichtig, Trauer zuzulassen und sich die nötige Zeit für die Trauer zu nehmen.

Die Trauer über den Verlust des Kinder zuzulassen ist ein wichtiger Schritt im Trauerprozeß.

Vielleicht gibt es im Umfeld wenig Verständnis und es fallen Sätze wie: »Das war ja noch kein Kind!« oder »Sei doch froh, dass es so früh passiert ist!« Menschen, die diese Sätze sagen, haben nicht verstanden, welche tiefe Bindung bereits zu Beginn einer Schwangerschaft entsteht – übrigens unabhängig davon, ob es ein geplantes oder ein ungeplantes Kind war. Oft kommen solche oder ähnliche Sätze auch von Menschen, die selber keinen gesunden Umgang mit ihrer Trauer haben und die diese deshalb anderen Menschen auch nicht zugestehen können oder wollen. Dies geschieht meist unbewusst, weil sich viele Menschen nicht mit dem Thema in ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Diese Sätze sind jedoch nicht hilfreich und Eltern, die ihr Kind verloren haben – egal wann – verletzt das zu Recht, denn es spricht ihnen ein Stück weit ihre Trauer ab. Vielleicht stellen sie ihre eigene empfundene Trauer infrage. Diese hat jedoch durchaus Berechtigung, und ein Trauerprozess ist wichtig, um den Umgang mit dem verlorenen Kind zu verarbeiten.

Bedeutung des Abschiednehmens und der Trauer bei einer Fehlgeburt

Nachweislich wirkt es sich wie bei jedem Trauerprozess negativ aus, wenn die Trauer nicht zugelassen und stattdessen verdrängt wird. Je besser Menschen um den Verlust ihres Kindes trauern und diese Gefühle zulassen können, umso besser können sie auf lange Sicht mit dem Verlust umgehen und ihn akzeptieren. Viele Frauen, die früher den Verlust einer Fehlgeburt verdrängt und nicht verarbeitet haben, bekommen oft Jahre später Probleme in Form von Depressionen oder anderen Erkrankungen, bei denen das unverarbeitete Erlebnis eine Rolle spielt, aber bis dahin nicht zugelassen wurde.

Psychische Bedeutung des Verlusts für die Eltern

Frauen und Männer trauern unterschiedlich, so wie jeder Mensch seine eigene Art hat, mit Trauer umzugehen und diese auszudrücken. Der Verlust des Kindes ist bei der Frau auch körperlicher Art, denn sie verliert das Kind im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr Körper muss sich nach einer Fehlgeburt wieder umstellen auf »nicht schwanger«. Dies ist neben vielen anderen Vorgängen im Körper auch mit einer Hormonumstellung verbunden, die sich ebenfalls auf die Psyche auswirkt. So bleibt beispielsweise das Schwangerschaftshormon HCG noch etwa zwei Wochen im Körper, bis es abgebaut ist – solange bleibt auch ein Schwangerschaftstest positiv, obwohl das Kind verloren wurde. Auch für den Mann platzt mit einer Fehlgeburt der Traum vom Kind – auch wenn er natürlicherweise den körperlichen Aspekt des Verlusts nicht spürt. Dafür kommt bei Männern nach einer Fehlgeburt neben der Trauer um das Kind häufig die große Sorge um ihre Partnerin hinzu.

Trauer ausleben und individuelle Gefühle zulassen

Trauer ist eine sehr individuelle Reaktion, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Sie kann so unterschiedlich sein, wie es die Menschen sind. Die verwaisten Eltern, eventuell vorhandene Geschwister und andere Menschen, die sich auf das Kind sehr gefreut haben, sollten die Möglichkeit haben, ihre Trauer auf ihre ganz persönliche Weise zeigen zu können. Dafür ist es wichtig, dass die Menschen in ihrem Umfeld Verständnis zeigen, da sind, zuhören und Anteil nehmen.

Tipps

für Angehörige und Freunde, die helfen möchten

  • Nehmen Sie Anteil und sprechen Sie Ihr Beileid aus.
  • Fragen Sie nach den Bedürfnissen der Frau. Fragen Sie, ob und wie Sie helfen können.
  • Falls es eine Beerdigung gibt, bieten Sie Unterstützung an.
  • Besuchen Sie sie, bringen Sie Blumen, Kuchen oder Ähnliches mit, um die Frau zu unterstützen, denn für sie steht vermutlich die Welt gerade still.
  • Bieten Sie Gesprächsangebote, immer und immer wieder.
  • Seien Sie da, zeigen Sie Verständnis, bewerten Sie nicht.
  • Geben Sie Halt und nehmen Sie die Frau in den Arm.
  • Geben Sie i hr Zeit und sagen niemals, dass es nun aber gut sein müsse. Geben Sie auch sonst keine ungefragten Ratschläge.
  • Lassen Sie sie weinen, wenn sie weint und seien einfach da und geben Halt.
  • Sprechen Sie immer vom Kind. Wenn es einen Namen bekommen hat, verwenden Sie diesen.
  • Respektieren Sie wichtige Trauertage wie den Tag der Fehlgeburt, das errechnete Entbindungsdatum oder Ähnliches.
  • Erzählen Sie nicht ungefragt, wer gerade wieder schwanger ist oder entbunden hat.

Jeder Mensch hat das Recht, auf seine eigene Weise zu trauern. Es gibt keine vorgegebenen Schemata und Zeiträume, innerhalb derer Trauer verarbeitet werden muss. Bei dem einen Menschen kann die Trauer nach einer Fehlgeburt lange dauern und intensiv gelebt werden oder auch kaum bemerkbar für Außenstehende sein. Manche Frau kann bereits nach zwei Wochen wieder arbeiten gehen, andere benötigen mehr Zeit, bis sie wieder am normalen Leben teilnehmen können. Trauer kann bei manchen Menschen auch wellenförmig auftreten, das heißt Phasen von Trauer wechseln sich mit »normalem« Gefühl ab.

Trauer muss nicht bedeuten, dass ein Mensch nur niedergeschlagen und traurig ist. Trauer kann viele Gefühle hervorrufen: Schmerz und Wut kann neben tief empfundener Liebe und Dankbarkeit bestehen, innere Leere neben Lebenswillen. Auch Verlassenheitsgefühle, das Nicht-akzeptieren-Können, Hilflosigkeit und Angst vor der Zukunft können sich abwechseln mit Akzeptanz der Situation und der Kraft, nach vorne zu schauen.

Wegbegleiter für die Trauer

In dieser schweren Phase des Verlusts und der Trauer ist es wichtig, Menschen an seiner Seite zu haben, die einen unterstützen, akzeptieren und verstehen. Verständnis für die Situation ist das Allerwichtigste. Jeder Mensch, der die Trauer abwertet und für nicht angemessen hält, ist nicht hilfreich in einem solchen Prozess. Wenn eine Frau bzw. ein Paar im Umfeld keine Unterstützung durch Familie und Freunde findet, kann es sinnvoll sein, sich professionelle Hilfe zu suchen – entweder in Form eines Psychotherapeuten oder eines spezialisierten Trauerbegleiters. Für wen dies nicht infrage kommt, sind möglicherweise Selbsthilfegruppen eine gute Möglichkeit, sich mit anderen Menschen mit ähnlichen Verlusten auszutauschen. Vielen Menschen hilft dieses Gefühl des Nicht-allein-Seins mit dem Schmerz sehr. Die schmerzvolle Erfahrung verbindet Betroffene, wenn Außenstehende den Schmerz für den Verlust nicht verstehen können. Außerdem können hier Beispiele gefunden werden, wie mit dem Schmerz umgegangen werden kann und wie Wege zu neuer Kraft aussehen können.

Unterschiedliche Arten der Trauer beim Paar

Da Menschen sehr unterschiedlich und individuell trauern, kann dies bei Paaren zu Verständnisproblemen führen. Männer trauern in der Regel anders und stiller als Frauen, wohingegen Frauen die stille Trauer ihrer Männer fälschlicherweise als Nicht-Trauer deuten könnten. Das kann in der Paarbeziehung zu Problemen und Gefühlen des Nicht-verstanden-Werdens führen. Um zu vermeiden, dass dadurch bei einem der beiden Partner das Gefühl entsteht, nicht verstanden zu werden, sollten Paare versuchen, offen über ihre Gefühle zu sprechen und von beiden Seiten Verständnis und Respekt für den jeweils anderen aufzubringen. Sonst können allmählich Einsamkeit und Entfremdung voneinander entstehen und die Partnerschaft zusätzlich belasten.

Mit Schuldgefühlen umgehen

Wir Menschen neigen dazu, Schuldige zu suchen. Im Fall einer Fehlgeburt suchen Frauen leider oft die Schuld bei sich. »Was wäre gewesen, wenn ich nicht dieses oder jenes gemacht hätte? Vielleicht war das der springende Punkt, der mein Baby das Leben gekostet hat?« Diese Zweifel lassen sich im Grunde schon damit ausräumen, dass die häufigste Ursache für Fehlgeburten Gendefekte sind, auf die wir keinerlei Einfluss bei der Befruchtung haben. Wenn außerdem fehlerhaftes Verhalten – vor allem vor dem Zeitpunkt, wo eine Schwangerschaft bekannt wird – zu einer Fehlgeburt führen würde, dann kämen viele Kinder nie zur Welt. Das ist Quatsch, Frauen sollten versuchen, sich die Fakten vor Augen zu halten und von der Schuldfrage Abstand zu nehmen. Denn sie bringt den Trauerprozess nicht voran, sondern legt ihn lahm.

Die Schuld bei anderen suchen

Manche verwaisten Eltern verbeißen sich in der Schuldfrage im Hinblick auf Ärzte und Hebammen, die Fehler gemacht haben. Auch dies bringt den Trauerprozess in der Regel nicht voran, selbst wenn die Fehler geschehen sind. Vielleicht kann es aber helfen, sich die Unterlagen vom Arzt oder der Klinik aushändigen zu lassen und Fakten schwarz auf weiß zu sehen. Gibt es Verständnisprobleme, kann ein klärendes Gespräch mit dem Arzt helfen, in dem das Gefühl offen angesprochen wird.

Heilsames Trauern

Glücklicherweise gibt es inzwischen in fast allen deutschen Bundesländern die Möglichkeit der Bestattung des Kindes. Gerade bei frühen Fehlgeburten bis zur 12. Schwangerschaftswoche findet bei vielen Kliniken regelmäßig eine Sammelbestattung der sogenannten Sternenkinder statt. Vielen Menschen ist dies eine große Hilfe, zu wissen, dass das Kind würdig behandelt wird, seinen Platz bekommt und nicht alleine ist.

Anregungen für Trauerrituale

Beerdigung/Grab: Neben der Beerdigung kann das Schmücken und Pflegen des Grabes ein wichtiger Teil der Trauerverarbeitung sein.

Namensgebung: Vielen Menschen hilft es, dem Kind einen Namen zu geben, um es realer werden zu lassen.

Eintragung auf dem Standesamt: Die Eintragung, ob mit oder ohne Namen (beides ist möglich) trägt dazu bei, das verlorene Kind wirklicher werden zu lassen.

Erinnerungskiste: Hierin können Dinge wie der Schwangerschaftstest, Ultraschallbilder und andere persönliche Erinnerungsstücke aufbewahrt werden. Die Kiste kann liebevoll gestaltet und bei Bedarf herausgeholt werden.

Gedenkecke: Eine vorübergehende Gedenkecke in der Wohnung kann für die verwaisten Eltern selbst hilfreich sein, den Verlust zu realisieren und zu betrauern. Hier können Erinnerungsstücke und Kerzen, Engel oder ähnliches aufgestellt werden.

Abschiedsbrief: Dem Kind einen Abschiedsbrief zu schreiben, kann Frauen helfen, Gedanken, Träume und Wünsche im Hinblick auf das verlorene Kind zu formulieren und somit ein Stück weit loszulassen.

Individuelle Erinnerungsstücke: Symbole, die das verlorene Kind widerspiegeln sollen, können beispielsweise als Schmuckstücke wie Kettenanhänger gefertigt werden. Auch Tattoos sind beliebt. Die Möglichkeiten der individuellen Erinnerungsstücke sind vielfältig.

Nachruf: Mit einem Nachruf wird auch dem Umfeld signalisiert, was der Verlust für die Familie bedeutet. Gerade Menschen, die darunter leiden, dass sich ihr Umfeld verhält, als hätte es dieses Kind nie gegeben, können mit dem Nachruf die Akzeptanz von außen verbessern.

Ebenfalls für viele Menschen hilfreich ist die in Deutschland mögliche Eintragung beim Standesamt. Hier kann das Kind mit oder ohne Namen eingetragen werden. Gerade für Frauen, die von ihrem Umfeld vermittelt bekommen, dass ihre Trauer überzogen sei, es noch gar kein richtiges Kind gewesen sei, oder andere Aussagen erhalten, die ihnen das Recht auf Trauer absprechen wollen, kann diese offizielle Anerkennung in Papierform sehr hilfreich sein, da diese Frauen oft damit hadern, dass sie ein starkes Verlustgefühl nach der Fehlgeburt haben. Durch die Dokumentation ist das verlorene Kind realer und damit die Akzeptanz der Trauer auch besser.

Es gibt viele Möglichkeiten, der Trauer Wege zu bieten, um mit ihr besser umgehen zu können. Vielen Menschen helfen Rituale, wie beispielsweise klassischerweise die Beerdigung nach dem Verlust eines Menschen. Aber die Wege, Trauer zu verarbeiten, können so unterschiedlich sein wie die Menschen. Deshalb muss jeder für sich hilfreiche Wege finden. In der Infobox auf Seite XY werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt.

Der Verlust bleibt – ein Leben lang

Unabhängig davon, wie der eigene Trauerprozess aussieht und wie lange er dauert, ist die Akzeptanz der Trauer, die berechtigt ist, der erste Schritt. Danach muss jeder Mensch für sich den Weg finden, mit der Trauer umzugehen. Auch wenn der akute Trauerprozess irgendwann vorbei ist, kann es sein, dass es im Leben Phasen gibt, in denen der Schmerz über den Verlust noch mal stärker wird; in anderen Phasen wird er nicht an der Oberfläche sein. Wichtig ist es, den Verlust als solchen zu akzeptieren und mit ihm nach vorne schauend weiterzuleben. ■

Miriam Funk

ist Medizin-Journalistin und A utorin des Buchs Tabuthema Fehlgeburt . Das Thema Fehlgeburten beschäftigt sie aus beruflichen und persönlichen Gründen sehr. Sie möchte dazu Aufklärung leisten und Frauen Unterstützung durch Wissen bieten.