Die Funktion der Schulversammlung

Im Artikel Freie Schule oder Demokratische Schule? im unerzogen Magazin 2/2018 wurde dargestellt, dass Demokratische Schulen wesentlich durch demokratisch legitimierte Organe gesteuert werden. Zu den wichtigsten Organen einer Demokratischen Schule zählt die Schulversammlung.

Henning Graner

Die Erfahrung zeigt, dass die stimmberechtigten Teilnehmer der Schulversammlung unterschiedliche Ansprüche an sie stellen. Einige wünschen sich eine gute Informationsverbreitung, andere wollen gemeinsame Angelegenheiten beraten, Dritten liegt die Beteiligungsmöglichkeit aller am Herzen. Für manchen steht die Gemeinschaftsbildung im Vordergrund, die Nächsten erwarten von der Schulversammlung vor allem, dass sie verbindliche Entscheidungen trifft. Schließlich sehen einige in der Schulversammlung ein kollektives Führungsinstrument. All diese Ansprüche stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, denn nicht alle lassen sich gleichzeitig in vollem Umfang befriedigen.

Die Schulversammlung als Mittel der Informationsverbreitung

Die Schulversammlung kann für Ankündigungen, wichtige Termine, Gefahrenhinweise, neue Regeln und Ähnliches genutzt werden. Für eine effektive Informationsverbreitung ist eine möglichst vollständige Teilnahme erforderlich oder zumindest wünschenswert.

Die Schulversammlung als Beratungsforum

Die Funktion einer Schulversammlung kann in der Beratung bestehen. Es gibt bestimmte Probleme oder Fragen zu erörtern, die gemeinsam diskutiert werden. Beratungen müssen nicht notwendigerweise zu einer Entscheidung führen. Beratungen können auch lediglich der Rückversicherung eigener Standpunkte, dem Austausch unterschiedlicher Ansichten und der Generierung neuer Ideen dienen. Die Teilnehmer einer beratenden Versammlung sind nicht unbedingt auch die Entscheidungsträger. Beratungen können allerdings die tatsächlichen Entscheidungsträger in ihrer Entscheidung beeinflussen.

Die Schulversammlung als Instrument der Beteiligung

Bei diesem Aspekt geht es um die Ermöglichung von Beteiligung aller Schulmitglieder. Zumindest sollen die Hürden, die einer Beteiligung entgegenstehen, abgebaut werden. Zu komplexe Sachverhalte, langwierige Prozeduren, formalistische Entscheidungsverfahren, eine zu komplizierte Sprache und langweilige Themen stehen einer vollständigen Beteiligung entgegen. Die Schulmitglieder sollen nicht nur ein formales Beteiligungs recht erhalten, sondern auch eine reale Beteiligungs möglichkeit.

Die Schulversammlung als Ort der Gemeinschaftsbildung

Bei dem Aspekt der Gemeinschaft geht es um die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls, um gegenseitiges Zuhören, Empathie, Verständnis, Geborgenheit, sich aufgehoben fühlen etc. Eine möglichst vollständige Beteiligung ist meist erwünscht. Der Fokus liegt auf der Atmosphäre, auf der Stimmung innerhalb der Versammlung. Zu lösende Konflikte können Teil der Versammlung sein, denn gelöste Konflikte wirken gemeinschaftsstiftend. Die Produktion von Konflikten soll dagegen möglichst vermieden werden. Das kann bedeuten, dass Entscheidungen vermieden werden – besonders dort, wo sie strittig sind.

Die Schulversammlung als Entscheidungsgremium

Dieser Aspekt betont die Funktion der Entscheidung. Die Schulversammlung wird als Instrument der Entscheidungsfindung und Entscheidungsfällung betrachtet. Jedes Mitglied der Schule bekommt gestaltenden Einfluss auf die Schule, indem es der Schulversammlung Anträge zur Entscheidung vorlegt oder sich an Abstimmungen über andere Anträge beteiligt. Damit bekommt jedes Mitglied der Schule einen gleichberechtigten Zugang zur Quelle der Macht. Die Komplexität mancher Entscheidungen kann allerdings dazu führen, dass eine Beteiligung erschwert wird.

Die Schulversammlung als Führungsinstrument

Wenn die Schulversammlung eine Führungsrolle übernehmen soll, muss sie effizient Entscheidungen treffen können und die Umsetzung ihrer Entscheidungen kontrollieren. Sie muss insbesondere vorausschauend handeln können und darf nicht nur ad hoc auf aktuelle Situationen reagieren.

Widersprüche

Diese sechs Funktionen – Informationsverbreitung, Beratung, Beteiligung, Gemeinschaftsbildung, Entscheidung und Führung – sind analytische Kategorien, die helfen sollen, die Widersprüche zu erklären, die innerhalb einer Schulversammlung auftauchen können.

Die Schulversammlung an einer Demokratischen Schule erfüllt verschiedene Funktionen.

Wer in der Schulversammlung das höchste Entscheidungsgremium erblickt, wird darauf achten, dass Entscheidungen nicht außerhalb oder ohne Kenntnis der Schulversammlung getroffen werden. Selbst wenn die Schulversammlung einen Teil ihrer Entscheidungen an untergeordnete Gremien delegiert, soll sie oberste Kontrollinstanz bleiben. Einige Entscheidungen betreffen derart komplexe Sachverhalte, dass die Beteiligung – insbesondere von Kindern – sinkt. Der Anspruch, dass die Schulversammlung das wesentliche Entscheidungsgremium sein soll, steht also im Widerspruch zum Anspruch nach einer möglichst großen Beteiligung.

Wer hingegen Wert auf eine hohe Beteiligung legt, wird darauf achten, dass die Schulversammlung möglichst zugänglich bleibt. Eine einfache Sprache erhöht die Zugänglichkeit, lässt sich bei komplexen Sachverhalten allerdings nicht immer durchhalten. Wer den Anspruch einer hohen Beteiligung aufrechterhalten will, wird folglich komplizierte Entscheidungen auslagern.

Der Widerspruch zwischen Beteiligung und Entscheidungsfällung wirkt sich auch auf die Rolle der Erwachsenen aus. Wer in der Schulversammlung hauptsächlich ein Instrument der Beteiligung sieht, wird sich daran stören, wenn Erwachsene allzu häufig das Wort ergreifen. Denn der Erfahrungsvorsprung der Erwachsenen wirkt sich eher hemmend auf die Beteiligungsbereitschaft von Kindern und Jugendlichen aus.

Wer in der Schulversammlung hauptsächlich ein Instrument der Entscheidungsfällung sieht, wird sich nicht so sehr daran stören, wenn Erwachsene das Wort ergreifen. Denn gerade wegen ihres Erfahrungsvorsprungs ist ihre Meinung wichtig.

Der Anspruch, dass in der Schulversammlung alle wichtigen Entscheidungen getroffen werden sollen, kann außerdem dazu führen, dass eine Gemeinschaftsbildung nicht stattfindet. Denn Entscheidungen bergen Konfliktstoff und fördern eher einen Dissens zutage. Der Anspruch, dass in der Schulversammlung eine Gemeinschaftsbildung stattfinden möge, kann umgekehrt und aus denselben Gründen dazu führen, dass bestimmte Entscheidungen dort nicht gefällt werden.

Der Anspruch, die Schulversammlung als Instrument der Informationsverbreitung zu nutzen, kann dazu führen, eine möglichst vollständige Teilnahme zu verlangen. Die Bedingung einer möglichst vollständigen Teilnahme erschwert allerdings die Beratung komplizierter Sachverhalte.

Weitere Widersprüche sind denkbar. Einige Widersprüche lassen sich lösen, indem man die Funktionen einer Schulversammlung voneinander trennt. Beispielsweise kann man die Verbreitung von Informationen an den Anfang einer Versammlung stellen, für bestimmte Beratungen eigene Gremien einrichten, komplizierte Entscheidungen an spezielle Komitees delegieren usw.

Demokratische Schulen unterscheiden sich unter anderem in der Funktion, die sie der Schulversammlung zuordnen. Die Sudbury Valley School legt beispielsweise großen Wert auf die Entscheidungsfunktion. Für Summerhill hingegen spielt die Beteiligung eine viel herausgehobenere Rolle.

Es ist wichtig, dass sich die Beteiligten einer Demokratischen Schule klarmachen, welche Funktion ihre Schulversammlung vorrangig erfüllen soll. Sonst werden ihre unterschiedlichen Ansprüche an die Schulversammlung und die daraus resultierenden Widersprüche schnell zu einem unverstandenen Konfliktfeld. ■

Henning Graner

ist Mitbegründer einer Demokratischen Schule und Co-Autor der Videodokumentation Sudbury-Schulen (erschienen im tologo verlag).