Du musst mir das nicht beibringen! Sprechen lerne ich von selber!

Wir als Eltern wollen, dass unsere Kinder sich einmal gewählt ausdrücken können, ohne Sprech- und Sprachfehler, wortgewandt und grammatikalisch korrekt. Doch wie können wir sie dabei begleiten und unterstützen, ohne dabei zum Lehrer zu werden, der sie auf ihre Fehler aufmerksam macht und korrigiert?

Bärbel Koch

Es ist schon faszinierend, wie unsere Kinder ihre Muttersprache entdecken, erforschen, sich darin üben und sie schließlich, ohne darüber nachzudenken, anwenden. Wie machen sie das bloß?

Dieser langwierige und komplexe Prozess des Sprechenlernens läuft ganz und gar unbewusst ab. Unsere Kinder machen sich darüber keine Gedanken. Alles baut aufeinander auf, und so erlernen sie ihre Muttersprache Schritt für Schritt, ganz automatisch. Normalerweise!

Im ersten Lebensjahr hören wir von unseren Kindern meist nur Gebrabbel, die Sprechwerkzeuge werden aufs Feinste ausprobiert, und mit circa einem Jahr hören wir die ersten Worte, auf die wir sehnlichst gewartet haben. Wenn sie dann immer mehr sprechen und aus einzelnen Wörtern Sätze werden, fallen uns vermehrt Fehler auf. Wir hören dann so Sätze wie:

»Mama, tomm mal!«

»Ich habe mein Brot schon gegesst.«

»Ich will der kleine Hund.« …

Was machen wir in solchen Situationen?

Hören wir einfach darüber hinweg oder beginnen wir, unsere Kinder zu korrigieren?

Sollten wir unsere Kinder korrigieren?

Meiner Meinung nach nicht und das hat folgenden Hintergrund:

Da der Prozess des Sprechenlernens unbewusst abläuft, bewirkt jegliche Korrektur, dass wir unseren Kindern etwas bewusst machen. Wir zeigen ihnen, dass da etwas falsch war und wie es richtig wäre. Wir möchten ihnen mit unserer Korrektur helfen, dass sie diesen Fehler nicht mehr machen und sie die Fehler schneller überwinden. Leider bringen wir unsere Kinder damit eher durcheinander. Sie folgten bisher einem Prozess, der einfach geschah, der ihnen nicht bewusst war, der unbemerkt ablief. Doch jetzt sollen sie auf einmal auf etwas Bestimmtes achten, sie sollen alles korrekt sprechen, sie sollen keine Fehler machen. Das ist jedoch unmöglich.

Wir wissen nie, in welcher Phase sich unser Kind gerade befindet, was es gerade entdeckt hat und lernt. Unsere Korrekturen sind jedoch wenig strukturiert. Wir reagieren auf das, was wir gerade als Fehler bemerken. Einmal ist es die Aussprache, einmal die Wortwahl, dann die Grammatik oder der Satzbau. Das irritiert unsere Kinder stark und der Lernprozess wird dadurch eher verhindert als gefördert. Vor allem in den frühen Jahren.

Jeder Lernprozess bringt »Fehler« mit sich und die Kinder verbessern ständig ihr Sprechen, ohne dass wir sie darauf hinweisen müssen. Da wird aus »ane«, die »nane«, dann die »anane« und schließlich die »Banane«. Oder, unser Kind sagt zunächst nur »Mama, Arm.« und später »Mama, nimm mich bitte auf den Arm.«

Vermeintliche Fehler gehören zum Prozess

Es ist unglaublich, dass unsere Kinder, aus all den Wörtern, die wir sagen, immer genau das heraushören, was sie gerade für den nächsten Schritt in ihrer Sprachentwicklung brauchen. Wir als Eltern wissen jedoch nicht, in welcher Phase sich unser Kind gerade befindet und was es gerade lernt. Deswegen ist unsere Korrektur ein Störfaktor, weil wir meist das korrigieren, was gerade gar nicht im Lernprozess dran ist. Wir korrigieren einmal die Aussprache, dann die Wortwahl, den Satzbau oder was uns eben gerade auffällt.

Wie soll ein Kind damit zurechtkommen?

Auf was soll es alles gleichzeitig achten?

Wie wäre es mit Vertrauen!

Vertrauen, dass unsere Kinder das Sprechen genauso lernen wie das Laufen. Vertrauen, dass die Fehler, die wir hören, sich mit der Zeit von ganz alleine verflüchtigen.

Wenn wir unsere Kinder korrigieren, stellen wir uns über sie, werden zum Wissenden und unser Kind wird somit zum Unwissenden. Wir werden automatisch zu einem Lehrer, der ihm etwas beibringen muss, weil unser Kind es sonst nicht alleine schafft (denken wir). Das bewirkt Widerstand und Unsicherheit.

Manchmal korrigieren wir direkt und sagen so etwas wie: »Das heißt nicht so, sondern so.« und lassen unser Kind das Wort oder den Satz nochmal wiederholen.

Viele haben aber auch schon davon gehört, dass es besser sei, indirekt zu korrigieren. Hierbei wird das, was unser Kind falsch gesagt hat, nochmal in korrekter Weise formuliert.

Zum Beispiel:

Kind: »Wir sind heute in die Schule gegeht.«

Mutter/Vater: »Ah, ihr seid heute in die Schule gegangen.« und betonen eventuell das Wort »gegangen«, damit das Kind es nochmal richtig hört.

Hier wird dem Kind nicht direkt bewusst gemacht, dass es einen Fehler gemacht hat, und doch ist es eine Korrektur, die unser Kind spürt. Und vor allem ist diese Art zu sprechen keine natürliche Kommunikation.

Wenn wir mit Erwachsenen sprechen, wiederholen wir normalerweise nicht, was der andere gerade gesagt hat, sondern führen das Gespräch weiter und stellen Fragen. Genauso können wir auch mit unseren Kindern sprechen. Wir müssen sie nicht direkt nach einem fehlerhaften Wort oder Satz korrigieren und Angst haben, dass sie sonst nicht bemerken, was sie falsch gemacht haben. Sie korrigieren sich selber, indem sie uns hören, unbewusst verarbeiten und nach und nach in ihr Sprechen einbauen.

Es geht um den Inhalt, nicht um die Form

Wenn unsere Kinder uns etwas sagen, oder erzählen, geht es ihnen nicht darum zu erfahren, ob sie die Worte korrekt ausgesprochen haben oder der Satzbau richtig ist. Sie wollen mit uns in Verbindung treten und wollen etwas mit uns teilen. Wenn wir jetzt jedoch darauf reagieren, wie sie uns etwas gesagt haben, verlassen wir die Beziehungsebene und machen unser Kind zum Objekt, wie Gerald Hüther immer sagt.

Wenn unsere Kinder uns etwas erzählen, möchten sie Anteilnahme, sie möchten gesehen und gehört werden. Wie muss sich das anfühlen, wenn wir dann nur auf ihre Fehler reagieren und sie korrigieren, anstatt interessiert zu reagieren und nachzufragen.

Jede Korrektur ist eine Bewertung und hinterlässt das Gefühl, nicht richtig zu sein.

Was sollen wir denn dann tun?

Das Beste, was wir tun können, ist, dass wir mit unseren Kindern sprechen und zwar ganz normal. Das scheint selbstverständlich? Ich mache andere Erfahrungen.

Oft wird mit unseren Kindern auf eine besondere Art und Weise geredet, nämlich

  • langsamer
  • mit veränderter Stimmlage (meist zu hoch)
  • mit veränderter Wortbetonung
  • nachsprechen des gerade Gesagten
  • mit Benutzen von vor allem einfachen Wörtern
  • in kurzen Sätzen
  • Ersetzen von Gegenstandswörtern durch »das« und Verben durch »machen«

Wir wollen ja, dass unsere Kinder ganz normal reden und viele Wörter kennen und benutzen. Also müssen wir ihnen das auch »vormachen« und ihnen ein gutes Sprachvorbild sein. Das heißt:

Wir reden mit ihnen so wie wir mit Erwachsenen reden.

Wir verwenden nicht nur Wörter, die alltäglich sind. Kinder lieben das Neue und Besondere. Also warum soll ich dann nicht auch mal sagen, dass ich eine »Speise verzehre«, anstatt nur das »Essen zu essen«. Ich kann sagen, dass ich Essen »koche« oder, dass ich es »zubereite«.

Wir müssen es unseren Kindern nicht besonders leicht machen, damit sie uns verstehen. Für Kinder ist es völlig normal, dass sie viele Dinge noch nicht verstehen. Nach und nach erschließen sie sich den Sinn oder fragen ab einem bestimmten Alter auch nach.

Wir benutzen echte Wörter. Wie schnell passiert es, dass wir nur »das« sagen und auf einen Gegenstand zeigen, ohne ihn zu benennen. Wir benutzen oft selber nicht mehr so viele Wörter, und der Wortschatz der gesamten Gesellschaft wird immer geringer. Manchmal höre ich so Sätze wie: »Kannst du das mal da rein machen?« Das Kind versteht durch das zusätzliche Zeigen, worum es geht, jedoch gelernt hat es dabei kein Wort.

Wir verwenden auch komplizierte, längere Sätze, denn diese sollen unsere Kinder später ja auch formulieren können.

Fangen wir an, uns zu beobachten und zu reflektieren.

Was sagen wir zu unseren Kindern und wie?

Welche Worte benutzen wir?

Könnten wir das, was wir gesagt haben, auch mit anderen Worten ausdrücken?

Kinder spüren sofort, ob wir ihnen etwas beibringen wollen, sie belehren wollen oder ob wir mit Interesse und auf Augenhöhe mit ihnen sprechen. Sobald sie spüren, dass wir ihnen etwas beibringen möchten, passiert es sehr oft, dass sie innerlich abschalten und die Informationen prallen an ihnen ab. Das muss nicht immer so offensichtlich sein. Vielleicht sprechen sie uns auch etwas nach, was wir ihnen vorsprechen, jedoch tun sie das, um uns einen Gefallen zu tun und nicht, weil sie es gut finden, das Wissen anderer einfach zu übernehmen. Sie wollen sich selber alles erarbeiten und selber entdecken, wie das alles funktioniert.

Erst ab dem 5. Lebensjahr können unsere Kinder auf der Metaebene über Sprache nachdenken. In dem Alter fangen dann auch viele Kinder an, sich für Buchstaben zu interessieren.

Ist Vorlesen förderlich?

Prinzipiell ist Vorlesen eine schöne Sache. Wir sitzen gemeinsam gemütlich mit unseren Kindern auf dem Sofa und lesen ein Buch vor. Unser Kind ist konzentriert dabei, hört aufmerksam hin und wir genießen diese gemeinsame Zeit.

Wenn es so ist, dann ist das Vorlesen eine tolle Sache und Kinder können dadurch viel Neues lernen. In Büchern werden oft Wörter benutzt, die unsere Kinder im Alltag nicht hören, es wird meist in einer anderen Vergangenheitsform geschrieben, die wir normalerweise nicht oft nutzen. Wenn die Stimmung passt, wenn es allen gut dabei geht und Begeisterung mitschwingt, ist unser Kind offen für Neues und kann es ungehindert aufnehmen und abspeichern.

Wenn jedoch unser Kind sich nicht für Bücher interessiert, keine Lust hat, sich still neben uns hinzusetzen, dann macht es keinen Sinn, es dazu zu zwingen.

Wenn uns selber das Vorlesen keinen Spaß macht, oder wir aus anderen Gründen nicht gerne lesen bzw. vorlesen, kommt keine Begeisterung auf, was wiederum einen Lernprozess unmöglich macht.

Ich höre oft von Ärzten oder Erzieherinnen, dass es so wichtig sei, den Kindern vorzulesen. Teilweise bekommen Eltern sogar die konkrete Anweisung, jeden Tag den Kindern mindestens zehn Minuten vorzulesen, weil das ganz wichtig für die Sprachentwicklung sei.

Wenn wir aber wissen, wie Lernen funktioniert, ist dieser Rückschluss nicht nachvollziehbar.

Wann ist logopädische Therapie angesagt?

Auch wenn wir noch so gute Sprachvorbilder sind, kann es sein, dass unsere Kinder Unterstützung von einem Logopäden brauchen. Es ist immer gut, sich einen Rat einzuholen, wenn die Sprachentwicklung unserer Kinder über mehrere Monate stagniert oder wir uns als Eltern anfangen, Sorgen zu machen. ■

Bäbel Koch

ist seit mittlerweile über 25 Jahren als Logopädin tätig und hat sich in den letzten Jahren auf die Therapie von Kindern mit Sprach- und Sprechstörungen spezialisiert. Auch das Thema Eltern-Kind-Kommunikation liegt ihr am Herzen. Sie gibt ihr Wissen in Workshops, Vorträgen und Seminaren weiter. Sie ist Autorin des Buches Korrigier mich nicht! Sprechen lerne ich von selber .