Gewaltfreie Kommunikation ist etwas für Privilegierte

Die Gewaltfreie Kommunikation hat das Potential Kommunikation zu verbessern, sie hat auch das Potential zu spalten. Sieben Gründe, warum die Gewaltfreie Kommunikation, etwas für Privilegierte sein könnte.

Raffi Marhaba

Ich liebe Worte. Ich spreche sieben Sprachen, habe einen akademischen Abschluss als Übersetzer, schreibe Gedichte und trage sie vor, und ich bin zutiefst fasziniert von der Kraft und der Wirkung von Sprache. Als ich zum ersten Mal von Gewaltfreier Kommunikation (GFK) hörte, war ich neugierig und davon beeindruckt, insbesondere, da sie bei einigen der Aktivisten, mit denen ich zu tun hatte, so angesagt war.

Für jemand, der in erster Linie gewaltfreien Formen des Aktivismus zugetan war, lag es auf der Hand, »Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens« von Marshall B. Rosenberg als Lektüre zu wählen. Wie bei allen Dingen, mit denen ich mich befasse, kritisiere ich es auch heftig. Obwohl risikoreicher (gewaltfreier) Aktivismus im Mittelpunkt meiner Arbeit stand, habe ich auch darüber geschrieben, warum ich der Meinung bin, dass unmittelbare Aktionen eine Sache für Privilegierte seien, und bei gewaltfreier Kommunikation handelt es sich nicht um einen besonderen Fall, der es nicht verdient hätte, kritisiert zu werden.

Die Gewaltfreie Kommunikation berücksichtigt nicht, dass Menschen unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben.

Das Lesen des Buches rief eine Menge Gefühle hervor, und ich saß dann da mit meinen Gefühlen. Ich versuchte, an jedes Kapitel so offen wie möglich heran zu gehen, machte mir Notizen über Dinge, die ich für positiv hielt und von denen ich dachte, dass sie für jemand mit meinem Hintergrund und meinen Erfahrungen zutreffend seien. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, wurde mir klar, dass nur sehr wenig davon für mich zutreffend war.

»Eine beschönigende Sprache mit neoliberalen Wohlfühlwörtern nimmt nicht wirklich die grundlegenden Probleme in Angriff und führt nicht zu Verhaltensänderungen.«

Nun, ich möchte sagen, dass ich froh bin, dass sich mein Kommunikationsstil dadurch etwas verbessert hat und dass ich wirklich sehr kritisch gegenüber den Schäden bin, die durch diesen Stil verursacht werden können . Hier sind sieben Gründe, warum ich der Meinung bin, dass GFK etwas für Privilegierte ist.

1. Menschen werden dadurch zu einem homogenen Block verschmolzen.

Der Autor berücksichtigt nicht, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Hintergründen kommen, kulturelle Unterschiede aufweisen und sich in sehr vielfältiger Weise ausdrücken. Es wird davon ausgegangen, dass wir alle am selben Punkt anfangen (und daher auch am selben Punkt »enden« können) und dass wir alle ähnliche »universelle« Dinge schätzen. Das Problem mit der Universalität besteht darin, dass sie nicht für jeden gilt und diese Abweichungen zu verwischen ist so, als würde man sagen: »Ich sehe keine Farbe«. Das Konzept der Universalität neigt außerdem dazu, Dingen den Vorrang zu geben, welche Weiße, Cissexuelle, Heterosexuelle und nicht-behinderte Personen als universell ansehen .

2. Opfern wird die Schuld zugewiesen.

»Wir lehnen Verantwortung für unsere Handlungen ab, wenn wir ihre Ursachen Faktoren außerhalb von uns selbst zuschreiben«; »Wir können Sprache, die mangelnde Auswahl impliziert, durch Sprache ersetzen, die eine Auswahl einräumt.« Dies sind nur einige Beispiele für den grundlegenden Gedanken des Buches, dass wir, und nur wir selbst die Kontrolle haben und dafür verantwortlich sind, die gesamte Arbeit zu leisten. Im Hinblick auf kleine zwischenmenschliche Kommunikationsfragen mag ich zwar mit diesen Aussagen übereinstimmen, doch lesen sie sich für mich wie als Versuch, zu leugnen, dass unser Handeln ebenso von der Umgebung, in der wir leben, und allen möglichen äußeren Faktoren bestimmt wird. Sicherlich sind wir diejenigen, die unsere Handlungen externalisieren, jedoch können Faktoren, die außerhalb von uns selbst liegen, manchmal viel größer und mächtiger sein als wir selbst, so dass uns nicht viele Wahlmöglichkeiten bleiben. Es ist gefährlich und gewaltsam, die Opfer zu fragen, warum Dinge so geschehen sind, wie sie geschehen sind, indem man ihre Handlungen betrachtet, anstatt sich auf systemische Probleme zu konzentrieren und zu versuchen, diese zu ändern, indem man das Augenmerk auf die Verursacher lenkt.

3. Die Klassendiskriminierung wird unterstützt.

Es wird davon ausgegangen, dass alle Menschen auf dieselbe Weise Zugang zur Sprache haben und die Menschen, die mehr Kenntnisse in Grammatik, Wortwahl und Syntax-Aufbau haben, werden überhöht bewertet. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich viele Gelegenheiten für GFK genutzt, um es auszutesten.

Es wird davon aus- gegangen, dass alle Menschen auf dieselbe Weise Zugang zur Sprache haben.

Die übermäßige Aufmerksamkeit und Wachsamkeit der GFK-Praktizierenden frustrierte mich. Das Motto lautete: »Wenn Sie meinen Standards nicht entsprechen, sind Sie bei GFK gescheitert.« In Diskussionen ging es mehr darum, warum ich ein Wort XYZ verwendete, anstatt sich mit den Themen zu befassen. Obwohl mein Englisch in vielen Themengebieten fließend ist, haben Muttersprachler einen anderen Zugang zu ihrer Sprache als Nicht-Muttersprachler. Jeder Linguist wird Ihnen sagen, dass es nicht allein auf die Sprache ankommt, sondern ebenso auf den Kontext, auf kulturelle Erfahrungen und die Umgebung. Bei jemandem wie mir, der den größten Teil seines Lebens in einer Latino-Kultur gelebt hat und multiethischer Araber ist, trifft das für die englische Sprache auf allen Ebenen zu. Die Wahl eines bestimmten Wortes ist nicht so sehr bezeichnend für ein bestimmtes problematisches Verhalten, sondern eher ein Produkt der vielen Schichten, die unseren individuellen Ausdruck formen.

4. GFK umfasst nicht die nonverbale Kommunikation.

Es wird viel darüber diskutiert, welchen Prozentsatz Menschen für verbale Kommunikation im Vergleich zu nonverbaler Kommunikation verwenden. Dennoch sind sich alle einig, dass nonverbale Kommunikation ein entscheidender Bestandteil der Art und Weise ist, wie wir kommunizieren. Es interessiert mich, inwieweit GFK in Verbindung mit nonverbaler Kommunikation funktionieren kann, ohne diese zu ersetzen oder zu verwerfen. Das Wort »nonverbal« kommt im gesamten Buch nur viermal vor und dies nicht in Kontexten, die seiner Bedeutung Rechnung tragen.

5. GFK liefert dem Unterdrücker die Werkzeuge,

um liebevoller, gütiger und damit moralisch überlegener zu wirken, ohne an den Handlungen arbeiten zu müssen, die der Sprache vorausgehen . Eine beschönigende Sprache mit neoliberalen Wohlfühlwörtern nimmt nicht wirklich die grundlegenden Probleme in Angriff und führt nicht zu Verhaltensänderungen.

In dem Artikel »Gewaltfreie Kommunikation kann emotional gewalttätig sein«, (Link einfügen) schreibt der Autor:

»Ein GFK-Befürworter, der Macht über jemanden besitzt, könnte beispielsweise als Antwort auf einen Konflikt mit dieser Person sagen: Ich kann sehen, dass diese Interaktion für Sie sehr schwierig ist. Ich spüre eine Menge Ärger. Es macht mich traurig, dass Ihre Erfahrungen mit Autoritätspersonen so negativ waren. (Abwartende Pause). Ich glaube, Sie erleben gerade viel Ärger, stimmt das? Das ist nicht in Ordnung. Wenn Sie Macht über jemanden besitzen, ist es missbräuchlich, ihn dazu zu bringen, über seine intimsten Gefühle zu reden und nicht über das, was Sie an seinem Verhalten Ihnen gegenüber beanstanden. Emotionale Intimität erfordert Zustimmung, es ist nicht in Ordnung, jemanden dazu zu zwingen, um Konflikte abzuwenden. Und wenn Sie über eine große Macht über jemanden verfügen und derjenige nicht in der Lage ist, von sich aus eine Grenze geltend zu machen, haben Sie eine weitaus größere Verpflichtung, sorgsam in Bezug auf das Einverständnis zu sein.«

6. Mit dem Label GfK wird Profit aus bestehenden Konzepten geschlagen.

Es handelt sich um eine weitere Möglichkeit, aus Dingen Kapital zu schlagen, die bereits existieren. Weiße Menschen haben ein Talent dafür, sich Ideen und Praktiken von Menschen dunkler Hautfarbe anzueignen und zu Geld zu machen – vom Veganismus bis zum Yoga, vom Schamanismus bis zur Musik, die Liste ist unendlich. GFK wurde in so vielen Aktivistenkreisen praktiziert, denen ich seit meinem 13. Lebensjahr angehörte, ohne dass es GFK genannt wurde. Gemeinschaftliche Vereinbarungen wie die folgenden sind eine Möglichkeit, gewaltfreie Kommunikation zu betreiben:

  • Aussagen in der Ich-Form
  • Vermeidung von Verallgemeinerungen
  • Zuhören, um zu verstehen
  • Gefühle identifizieren und sich damit verbinden
  • Empathisch kommunizieren

Von Buddhisten bis zu Freiheitskämpfern haben die Menschen gewaltfrei mit verschiedensten Methoden kommuniziert. Methoden, mit denen ich mich persönlich mehr verbunden fühle.

7. Es wird behauptet, dass GFK bei systemischen Problemen funktioniert.

Das gesamte Buch wirkt wie eine große Marketingkampagne, bei der GFK in jedem Kapitel verkauft wird. Die gefährlichste Werbeaussage ist die, dass GFK verwendet werden kann, um weltweite und systemische Probleme zu beheben, wie etwa Rassismus. Das erinnert beinahe an Werbung von Heineken oder Pepsi: Wir müsse lediglich respektvoll miteinander reden und – Tusch! … 30 Minuten GFK haben den Rassismus besiegt!

Die Gewaltfreie Kommunikaton umfasst nicht die nonverbale Kommunikation.

Millionenschwere Unternehmen wissen bereits, dass diese Idee wohlwollende Menschen (und hier rolle ich ein wenig mit den Augen) anspricht, die sich eine bessere Welt wünschen, auch bekannt als Liberale, und das ist der Hauptgrund für diese Art von Werbung. Meine größte Sorge ist jedoch, dass Organisationen, die der sozialen Gerechtigkeit dienen, in diese Falle geraten und sich auf Pflaster-Strategien verlassen, anstatt die Fundamente der jahrhundertelangen Unterdrückung zu erschüttern. Gewalt ist nie das, was ich als erstes empfehle, aber es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen der Gewalt der Unterdrückten und der Gewalt des Unterdrückers.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass GFK ein nützliches Instrument zur Lösung zwischenmenschlicher Konflikte sein kann, um zu erforschen, was unsere Gefühle bedeuten, um Verantwortung für unser Handeln übernehmen, um uns selbst und die Art und Weise zu verbessern, wie wir kommunizieren, und es kann ebenso ein gefährliches und gewaltsames Werkzeug sein, das es den Machthabern erlaubt, sich gut zu fühlen, während sie von unterdrückten Menschen profitieren. ■

Raffi Marhaba

ist ein trans-nonbinärer, veganer Tierbefreiungsaktivist, stolzer Araber, Mitbegründer von Collectively Free, Art Director, Dichter, DJ in einem früheren Leben und vor allem… ein großer Träumer, der die Dinge zum Laufen bringt.

www.collectivelyfree.org