Das erziehungsfreie Leben im Alltag (und seine Tücken)

Sie fragen, wir antworten!

Eine Antwort von Janett Dudda

Frage: Unsere Tochter (4 Jahre) findet vermehrt Gefallen an Schimpfwörtern. Vermutlich hat sie die Wörter im Kindergarten aufgeschnappt, denn wir sind zu Hause sehr auf einen harmonischen Umgangston bedacht. Meinem Mann und mir fällt es schwer, nicht beleidigt zu reagieren. Es überfordert mich, als »Kack-Mama« bezeichnet zu werden. Wie können wir angemessen reagieren?

Ich möchte Sie einladen, sich zu fragen, welches Ihrer Bedürfnisse leidet, wenn Ihre Tochter Sie als »Kack-Mama« bezeichnet. Vielleicht gehen Ihre Gedanken in die Richtung »So darf man nicht mit seinen Eltern sprechen«, »Arsch und Kacke sagt man nicht« oder »Ich tu den ganzen Tag alles für dich, und das ist der Dank?!«

Als Erwachsene tragen wir einen ganzen Rucksack an Erfahrungen mit Schimpfwörtern auf unserem Rücken. Diese Erfahrungen formen unsere Interpretation davon, was der Sender dieser unsäglichen Wörter bezwecken will.

Wenn wir von anderen Erwachsenen als »Arsch« bezeichnet werden, dann will uns der andere wahrscheinlich absichtlich abwerten und seine Respektlosigkeit zum Ausdruck bringen. Dies haben unsere Kinder nicht im Sinn.

Kinder schnappen diese Wörter auf, probieren sie (wie die meisten neuen Verhaltensweisen) an uns aus und schauen, was passiert. Sie merken: »Wenn ich Kack-Mama sage, dann wendet sich mir Mama sofort zu!« oder »Mit Arsch-Papa mache ich Papa so richtig wütend!« Was für eine gewaltige Erkenntnis, welch ein Wirksamkeitserleben!

Hätten wir als Erwachsene nicht die Vorerfahrung, dass es sich hier um Respektlosigkeiten handelt, die wir keinesfalls so stehen lassen dürfen, hätten wir im Gegenteil einen entspannten Umgang mit diesen Wörtern, würden sie wohl schnell ihren Reiz verlieren. Aber wir haben unsere Glaubenssätze nun mal im Gepäck und machen so unwillentlich diese Wörter zu etwas ganz Besonderem.

Soviel zur Erklärung des Mechanismus. Unsere Gefühle und Impulse können wir freilich nicht so einfach abstellen. Die Haltung gegenüber Schimpfwörtern und somit die automatische Reaktion zu ändern, ist ein längerer Weg.

Auf diesem Weg ist es Ihnen erlaubt, sich zu schützen, indem Sie sagen: »Ich will nicht, dass du mich Scheißmama nennst.« Wenn Sie es schaffen hinzuzufügen, was Sie sich stattdessen wünschen, oder Vermutungen äußern, was Ihrer Tochter gerade wichtig sein könnte, stärken Sie die Beziehung und haben den Fokus weg vom Schimpfwort hin zum eigentlichen Bedürfnis gelenkt.

Es gibt drei mögliche zugrundeliegende Bedürfnisse:

Wirksamkeit. Der Einsatz von Schimpfwörtern erzeugt in kürzester Zeit emotionale Reaktionen. Im von Fremdbestimmung dominierten Alltag eines Kindergartenkindes kann der Anreiz groß sein, sich der eigenen Wirksamkeit immer wieder zu versichern.

Ausprobieren. Es gehört zum Spracherwerb dazu, dass im Alltag aufgeschnappte Wörter vielfach gesprochen und in unterschiedlichen Kontexten erprobt werden wollen.

Der Wunsch nach sofortiger Zuwendung. Das Kind hat einen Weg gefunden, unsere volle Aufmerksamkeit zu erhalten. Kinder wählen diese Möglichkeit, wenn es ihnen nicht gut geht oder sie sich nicht genügend im Fokus der Bezugspersonen sehen.

Basierend auf diesen Motiven können Sie mit unterschiedlichen Mitteln experimentieren, um das Interesse an den Schimpfwörtern zu minimieren und gleichzeitig Ihre eigene Einstellung zu ändern.

Möglichkeiten, das Wirksamkeitserleben zu erhöhen oder ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, fallen Ihnen sicher genügend ein.

Wenn es um das simple Sprechen dieser Wörter geht, schaffen Sie Gelegenheiten, bei denen es ausdrücklich erwünscht ist zu schimpfen. Machen Sie einen Wettbewerb daraus, wer innerhalb von 10 Sekunden die meisten Schimpfwörter sagen kann. Eine weitere Idee, die zugegebenermaßen sehr ungewöhnlich ist, wäre es, im Park die Hundehaufen zu zählen und dabei »Oh, wieder ein Scheißkackhaufen, der aus einem Mistköterkackarsch gekommen ist« zu sagen.

Vielleicht bemerken Sie Widerstände bei sich, Wörter wie »Scheiße« auszusprechen. Wenn Sie es sich selbst erlauben, diese Wörter zu benutzen, wird es Ihnen leichter fallen, sie bei Ihrem Kind zu akzeptieren.

Eine verbindende Aktivität könnte es sein, sich gemeinsam neue Schimpfwörter auszudenken. »Feuerspeiendes Lavamonster« hat ein geringeres Triggerpotential als »drecksgemeine Kackmom«. ■

Fragen Sie!

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