Die Wirklichkeit ist nicht geschlechtergerecht

Gleichberechtigung ist eine große Aufgabe, die viel Kraft erfordert. Denn die Welt, in der wir leben, ist kein geschlechtergerechter Ort. Zwischen den eigenen Ansprüchen und der harschen Wirklichkeit zu navigieren, ist anstrengend. Aber es lohnt sich.

Nils Pickert

Ich bin kein aggressiver Mann, aber ich weiß was Wut ist. Seit ich Kinder habe, begleitet mich dieses abgewandelte Filmzitat aus Forrest Gump. Und je älter sie werden, umso greifbarer wird meine Wut. Wie ein blankes Schwert liegt sie neben mir, wenn ich mit meiner dreizehnjährigen Tochter in der Berliner U-Bahn fahre und sich irgendein Typ bei mir erkundigt, »ob sie meine Freundin ist«. Und als er auf mein irritiertes Stirnrunzeln hin verkündet, »dass er sie ja ansonsten knacken könnte, wenn ich kein Interesse habe«, muss ich alle Kraft aufbringen, die ich habe, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Neben vielen anderen Dingen bedeutet Vaterschaft für mich Kontrollverlust. Jeden einzelnen Tag. Und zwar eben nicht nur die gute Art von Kontrollverlust, bei dem deine Kinder dir Stück für Stück deine Anspruchshaltung und deine Pläne aus deinem Klammergriff stibitzen, um daraus mit ihren eigenen kleinen Händen ihr eigenes Leben zu formen. Sondern die Art von Kontrollverlust, die damit einhergeht, dass meine Kinder mit Geschlechternormen, Rollenklischees und Erwartungshaltungen eingedeckt werden, auf die ich wenig bis überhaupt keinen Einfluss habe. Die Art von Kontrollverlust, bei dem man meinem Elfjährigen ungefragt Wörter wie »Schwuchtel« und »Hurensohn« in den Mund legt oder gegen ihn verwendet und der meine Dreizehnjährige zu einem verfügbaren Objekt degradiert.

Wut wird erwartet

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wut wird von mir als Vater gesellschaftlich erwartet. Aber nicht Wut über die herrschenden Verhältnisse und die geschlechterpolitischen Zurichtungen meiner Kinder, sondern Wut darüber, was ihre Identität für mich bedeutet.

Auf meine Tochter bezogen hat das weniger mit einem blanken Schwert als mit einem imaginären Knüppel neben meiner Haustür zu tun. Er steht dort bereit als Empfangsinstrument für die jungen Männer, mit denen meine Tochter sich verabreden, Partys feiern und irgendwann vermutlich Sex haben wird. Er wird neben meine Haustür geraunt von Männern, die auf den Körper meiner Tochter starren und Dinge sagen wie:

  • Langsam musst du aufpassen.
  • Die wird ja bald richtig erwachsen.
  • Warte nur, bald schleppt sie ihren ersten Freund an.

Und meine Aufgabe soll es dann sein, dass irgendwie furchtbar oder eklig zu finden, mich dagegen zu verwehren und meine Tochter als meinen Besitz zu markieren. Um dabei nicht wie ein übergriffiger Arsch zu wirken, der ich dann zweifellos wäre, könnte ich meine Intention humoristisch verschleiern. Ich könnte mir ein T-Shirt kaufen, auf dem D.A.D.D. geschrieben steht. Also Dads Against Daughters Dating , zusammen mit zwei abgebildeten Pistolen und dem Hinweis darauf, dass man nur den Ersten zu erschießen bräuchte, dann würde sich schon rumsprechen, dass mit einem in dieser Sache nicht zu spaßen ist. Total lustig und alles.

Im Internet kursieren Listen, auf denen detailliert beschrieben wird, was Jungen von einem Vater zu erwarten haben, mit dessen Tochter sie sich verabreden wollen: Misstrauen, Ablehnung, möglicherweise Gewalt. Laut dieser Listen bin ich überall, lauere im Dunkeln und habe keine Angst davor, wieder ins Gefängnis zu wandern. Denn Menschen sterben nicht durch Waffen. Sie sterben durch die Väter schöner Töchter.

Furchtbare Vorstellung für unsere Töchter: Ihre Sexualität, ihr Körper und ihr Geschlecht werden von Anfang an trophäisiert.

Ich finde das furchtbar. Nicht, weil meine älteste Tochter an der Schwelle zu einer hoffentlich selbstbestimmten und erfüllten Sexualität steht und nicht – selbst wenn die Vorstellung schmerzt – weil sie dabei womöglich auch an jemanden geraten könnte, der nicht DER Richtige ist. Es ist furchtbar, weil ihre Sexualität, ihr Körper und ihr Geschlecht dabei von Anfang an trophäisiert werden. Meine Tochter hat etwas zu geben und mir kommt die Aufgabe zu, genau zu überwachen, wer sich nehmen darf. Sie ist eine Sache, die Mann aufreißen und an der Mann sich bedienen wird. Deshalb soll ich Witze darüber machen, dass sie ihren ersten Sex erst mit Mitte Dreißig haben dürfe, und immer mal wieder auf die Hausordnung hinweisen.

Andere Regeln

Für meine beiden Söhne gilt diese Hausordnung selbstredend nicht. Sie brauchen meinen Schutz nicht, im Gegenteil: Sie sind nämlich qua Geschlechtshaftung auch des Teufels. Andere Töchterväter haben imaginierte Knüppel neben ihren Eingangstüren stehen, weil zu befürchten steht, dass meine Jungs sich an ihren Töchtern die Hörner abstoßen könnten. Niemand geht davon aus, dass ihre ersten sexuellen Erfahrungen verstörend, gefährlich oder verletzend sein könnten. Niemand macht sich Sorgen darüber, dass es nicht DIE Richtige sein könnte. Niemand käme auf die Idee, sie seien danach beschädigt . Jungen werden sich schon irgendwie zurechtficken. Mädchen hingegen werden von anderen zurechtgefickt werden. Das Ganze ist eine perfide selbsterfüllende Prophezeiung, bei der die Sexualität von Mädchen so lange problematisiert wird, bis sie schließlich ein Problem ist. Bis ihre Geschlechtlichkeit, ja ihre schiere Existenz Unbehagen auslöst. Geschlechtsreife Mädchen, das sind nach dieser Logik die offenen Flanken ihrer Väter. Die periodenblutigen Flecken auf männlicher Ehre. Dementsprechend können Mädchen den Stolz ihrer Väter nie mehren, sondern als Objekt des Ekels und der Begierde lediglich dafür Sorge tragen, dass sich dieser Stolz nicht verringert.

Ich kann das so nicht akzeptieren. Nicht nur, weil dieses Konzept so ganz nebenbei und wie selbstverständlich jede Lebenswirklichkeit jenseits der Heterosexualität ausblendet. Sondern vor allem, weil ich es als Verrat an meinen Kindern empfinden würde. Nicht nur an meiner Tochter, sondern auch an meinem Sohn, der sich, falls er sich für Mädchen interessiert, eben jenen Vätern zu stellen hat, die auf »ihr Mädchen« ganz besonders gut aufpassen, weil sie ja ihnen gehört. Und sollte er sich nicht für Mädchen interessieren, dann gibt es auch für ihn eine spezielle Art von Wut, die ich ihm gegenüber zu empfinden habe. Es ist eine kalte, abschätzige Wut, die sich davor graut, an ihm etwas zu entdecken, das mit Schwäche gleichgesetzt wird. Eine herablassende Enttäuschung darüber, dass jemand nicht meinen Anforderungen genügt, den ich geschaffen habe. Noch einmal: Ich kann das so nicht akzeptieren. Aber das ist erst der Anfang.

Die Realität ist eine bittere Erfahrung

Denn für jemanden, dem viel an Geschlechtergerechtigkeit liegt, ist es eine bittere Erfahrung, dass sich diese Probleme nicht nur durch Aufklärung und Fairness gegenüber den eigenen Kindern lösen lassen. Sie müssen darüber hinaus als real adressiert werden. So sehr für mich persönlich feststehen mag, dass meine Tochter selbstverständlich in Hotpants zur Schule gehen und abends solange wegbleiben darf wie ihr Bruder, so deutlich muss ich sie wissen lassen, was ist. Dass sie andere nämlich als zu aufreizend bekleidet betrachten und als Ware einordnen könnten, an der sie sich bedienen dürften. Dass es etwas anderes ist, wenn sie als junge Frau in einen Club feiern geht, als wenn es ihr Bruder macht.

Und so sehr ich meinen weichen, mitfühlenden, gütigen Jungen liebe, so klar ist auch, dass diese Eigenschaften von ihm weder erwartet noch ihm zu Gute gehalten werden. Falls Sie mir nicht glauben, können Sie ja mal versuchen, vor ihrem geistigen Auge die pubertierenden Jungen durchzuzählen, die Hand in Hand über den Schulhof schlendern oder die sich in den Arm nehmen und trösten, wenn etwas Schlimmes passiert ist.

Das ist die geschlechtergetrennte Hausordnung, an die sich alle zu halten haben. Selbst wenn ich anderer Meinung bin, selbst wenn ich andere Werte lebe und meinen Kindern vermittle, dass sie sich an diese Hausordnung nicht zu halten brauchen, ist sie immer noch in Kraft. In meiner Welt könnte meine Tochter nie etwas tun, um sexualisierte Gewalt gegen sie provoziert zu haben. Nichts, was sie sagt, trägt oder tut, würde das je rechtfertigen. In meiner Welt ist »Mädchen« keine Beschimpfung und Schwulsein überhaupt kein Problem. Aber ich lebe nicht in meiner Welt, sondern in der Welt der anderen. In einer Welt, in der meine heranwachsende Tochter ständig damit konfrontiert wird, dass sie es angeblich »doch auch will«, damit andere mit ihr machen können, was sie wollen. In einer Welt, die männliche Identität an Härte, Gefühlskälte und dem Begehren für das andere Geschlecht misst.

Doppelte Hilflosigkeit

Daher rührt meine Wut. Deshalb das blanke Schwert. Es mag in der U-Bahn neben mir liegen und mir ermöglichen, dieses Arschloch dafür anzugehen, was es gesagt hat. Andererseits lässt mich der Griff danach auch doppelt hilflos zurück. Denn zum einen bin ich trotz des Schwertes in meiner Hand nicht in der Lage, die Mechanismen zu durchtrennen, die einen erwachsenen Mann dazu veranlassen, sich so meiner Tochter gegenüber zu verhalten. Und zum anderen ist genau dieses Gebaren, dieses sich Fügen in die systemischen Voraussetzungen der Wirklichkeit nicht nur ein Anerkennen, sondern auch ein Befördern derselben.

Das Ganze ist eine perfide selbsterfüllende Prophezeiung, bei der die Sexualität von Mädchen so lange problematisiert wird, bis sie ein Problem ist.

Indem ich aus Sorge um meine Kinder versuche, sie auf die Unbill des Lebens vorzubereiten, erschaffe ich es mit. Ich stehe vor der Entscheidung, meine Kinder gleichberechtigt zu »erziehen« oder mich mit Hinweisen darauf, wie Gesellschaft funktioniert, zum verlängerten Arm eben jener Gesellschaft zu machen:

So gehst du nicht in die Schule.

Zieh dir keinen Rock an, so etwas tun Jungen nicht.

Nein, du verreist nicht alleine. Viel zu gefährlich.

Komm schon, reiß dich zusammen und sei ein Mann.

Da helfen auch keine Metaebene oder doppelte Verneinungen: Ja Tochter, es ist nun einmal so, dass wir uns in einer patriarchal ischen Gesellschaft befinden, die deinen Körper für sich beansprucht und dir eine Mitschuld daran zuweisen will, wenn das passiert. Wir wissen natürlich beide, dass das eine ganz miese Nummer ist und dich nicht behindern sollte, aber Party machen lasse ich dich trotzdem nur in Begleitung.

Nun, mein Sohn, an Homosexualität ist weder etwas anrüchig oder verwerflich. Außerdem hat das Begehren des eigenen Geschlechts nicht zwingend etwas damit zu tun, ob man Interesse an Verschönerung, Ballett oder Musicals hat. Nichts davon ist unmännlich. Du solltest aber trotzdem damit rechnen, dass all diese Dinge gegen dich verwendet werden, sobald du auch nur ein kleines bisschen von klassisch männlichen Geschlechtszuschreibungen abweichst. Und jetzt viel Spaß euch beiden, wird super. Denkt nicht an einen Elefanten.

Wie also kommen wir heil aus der Sache raus? Die Antwort auf diese Frage lautet schlicht und ergreifend: Gar nicht. Vaterschaft bedeutet wie bereits erwähnt immer auch einen Kontrollverlust und genau darauf muss ich mich einstellen. Meine Wut wird nichts nützen, meine Kinder werden verletzt werden. Man wird ihnen sagen, dass sie falsch sind und hässlich, man wird sie beschimpfen, belügen, ihre Identität bezweifeln und ihre Interessen lächerlich machen. Und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Das heißt nicht, dass ich es nicht versuchen werde. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um sie zu schützen, die Gesellschaft zu einem besseren Ort zu machen und sie loszulassen. Ich werde mich nicht in blinde Wut verabschieden, nicht resignieren und den Job anderen überlassen. Ich werde ihnen nicht sagen, dass sie so zu sein haben, wie andere es wollen. Ich werde ihnen aber auch nicht verschweigen, wie andere sie haben wollen. Was sie damit tun, ist letztendlich ihre Entscheidung, die ich akzeptieren werde.

Ich bin kein kluger Mann, aber ich glaube, das ist es, was Liebe ist. ■

Nils Pickert

lebt mit Partnerin und vier Kindern an der Ostseeküste. Als freier Journalist und Autor schreibt er vor allem zu den Themen Feminismus, Familie und Religion. Als Aktivist engagiert er sich für den Verein Pinkstinks Germany e. V. in Wort und Tat.